Als Milans No-Names Inter mit 6:0 abschossen

Sie nannten sie Nobodys

Am Samstag steigt das Mailänder Stadtderby zwischen AC und Inter. Die Vergangenheit bescherte groteske Partien, die mal 6:5,  3:4 oder 4:4 endeten. Ein Spiel werden die Fans beider Klubs aber nie vergessen: das Derby vom 11. Mai 2001. Als Milans No-Names Inter mit 6:0 abschossenimago

Die Saison 2000/2001 lief für die großen Mailänder Klubs schlecht. Richtig schlecht. In der Qualifikation für die Champions League blamierte Inter sich gegen die Schweden aus Helsingborg und schied sensationell aus, in der Europa League war im Achtelfinale gegen Alaves Schluss. Bei Milan lief es international etwas besser, für die Ansprüche des Klubs aber bei weitem nicht gut genug: Man erreichte die Zwischenrunde der Champions League, schied da glatt aus. In der Serie A ein ähnlich trostloses Bild: Vor dem 30. Spieltag standen Milan und Inter mit je 44 Punkten auf den Plätzen fünf und sechs. Doch all das war vergessen, als das »Derby della Madonnina«, das Mailander Stadtduell, angepfiffen wurde. Es sollte ein denkwürdiger Abend werden.

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In Minute drei schlägt es das erste Mal im Inter-Tor ein. Serginho, einer von Silvio Berlusconis Lieblingen, setzt sich auf links durch, bedient den völlig freistehenden Gianni Comandini. Der netzt zum 1:0 ein. Nur zwölf Minuten die nächste Bude:  Serginho kommt links völlig frei zum Flanken, Comandini steigt fünf Meter vor dem Tor am höchsten, 2:0. Das ist auch der Halbzeitstand.

Comandini traf nur in jenem Derby – nie zuvor und nie danach

Dass ausgerechnet Comandini das Spiel so entscheidend prägt, gehört zu den besonderen Pointen dieses Derbys. Der Angreifer war vor der Saison aus Vicenza gekommen und eine einzige Enttäuschung. Er traf nur in diesem Spiel für Milan, nicht ein einziges Mal davor oder danach und verließ den Klub nach einem Jahr in Richtung Bergamo. Im Jahr 2006 beendete er, gebeutelt von Verletzungen, seine Karriere im Alter von 29 Jahren.

Zurück ins Spiel, die zweite Halbzeit. In der 54. Minute trifft der Nächste, der eigentlich nie trifft. Federico Giunti schlägt einen Freistoß von rechts aus 30 Metern als Flanke aufs Tor. Zur großen Überraschung von Inter-Torwart Sebastien Frey berührt kein Spieler den Ball, er reagiert zu spät, 3:0. Es bleibt Giuntis einziger Treffer in seinen zwei Jahren bei Milan.

In der 67. Minute reicht es der Prominenz im Milan-Sturm mit den No-names als Torschützen. Wieder setzt sich Serginho stark auf links durch, flankt diesmal auf den langen Pfosten. Da steht Andrej Schewtschenko und nickt zum 4:0 ein. Einem Inter-Fan brennen schon da die Sicherungen durch, er rennt aufs Feld und will Milan-Abwehrspieler Alessandro Costacurta an den Kragen. Sicherheitskräfte gehen in letzter Sekunde dazwischen. Wer weiß, was er getan hätte, wenn er Schewtschenkos  5:0  (78.) und Serginhos 6:0 (81.) abgewartet hätte.

»Eine Schande!«, schimpft Trainer Marco Tardelli

Inter ringt nach der historischen Niederlage – nur beim 1:8 1918 verloren die Nerazzurri höher gegen den Lokalrivalen – um Fassung. Trainer Marco Tardelli schimpft nach dem Spiel (»eine Schande!«), Christian Vieri verlässt das Guiseppe-Meazza-Stadion weinend, Kapitän Javier Zanetti fordert von seinen Kollegen: »Entschuldigt Euch gefälligst bei den Fans.« Die legen darauf aber keinen gesteigerten Wert, sondern randalieren nach der Partie in der Stadt, zünden Autos an und liefern sich wüste Prügeleien. Die Polizei setzt Tränengas, sieben Menschen werden verletzt, zwei müssen ins Krankenhaus. Ein 23-Jähriger wird wegen der Attacke auf einen Polizisten festgenommen.

Bei Milan gibt es nur strahlende Gesichter – bis auf eines. Der deutsche Nationalstürmer Oliver Bierhoff muss das Spiel von der Tribüne aus mitverfolgen, steht nicht einmal im Kader. »Diesmal war es eine taktische Maßnahme, mehr hat mir der Trainer nicht gesagt«, erklärt er. Es ist mehr als das, nämlich Teil von Bierhoffs langem Abschied in Mailand. Nach der Saison geht er zum AS Monaco.

Die Saison gerettet hat der große Sieg Milan übrigens nicht. Der Klub wurde Sechster, einen Platz hinter Inter. Trotzdem sind es die Milan-Fans, die an die verkorkste Saison die besseren Erinnerungen haben. Wegen des Derbys und der Tore von Comandini, Giunti, Schwetschenko und Serginho.