Als ganz Dortmund noch auf Real Madrid wartete

Landung der Außerirdischen

Borussia Dortmund gegen Real Madrid ist zum ermüdenden Klassiker der Moderne geworden. Doch im Februar 2003, als in Madrid noch die Galaktischen spielten, war eine Stadt außer Rand und Band.

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Wenn heute Abend im Westfalenstadion Real Madrid zu Gast ist, dann dürfte die Stimmung wieder großartig sein. Auf den Rängen wird man feiern und singen, vielleicht sogar jubeln. Eines aber wird auf den Tribünen nicht herrschen: das Gänsehaut-Feeling, den größten Klub der Welt mit eigenen Augen zu sehen.

Es gehört zu den zwar unvermeidlichen, aber trotzdem beklagenswerten Begleiterscheinungen des Formats der Champions League, dass Besucher, auf die man sich früher schon Wochen im Voraus freute, inzwischen unterschwellig nervende Dauergäste sind. Vielleicht nicht gerade die buckelige Verwandtschaft, die man lieber gehen als kommen sieht, aber doch so etwas wie der Cousin mit dem dicken Auto, der auf jeder Familienfeier die gleichen Geschichten erzählt.

Tage des Weißen Balletts

Das heutige Duell ist die neunte Partie zwischen dem BVB und Real in weniger als fünf Jahren. Kein Wunder, dass bei der Auslosung viele Fans aufstöhnten, als ihrem Klub schon wieder Madrid zugelost wurde (und schon wieder nicht Celtic, auf das man in Dortmund seit einem Vierteljahrhundert wartet). Dabei ist »aufstöhnen« noch vorsichtig gewählt. Die erste WhatsApp-Nachricht, die ich nach der Auslosung zu diesem Thema bekam, lautete: »Ich kotze ab.«

Da musste ich an den Tag denken, als ein Auftritt von Real Madrid in Dortmund keinen Gähn- oder gar Würgereiz verursachte, sondern wie eine Landung von Außerirdischen bestaunt wurde.

Die Begegnung zwischen dem BVB und Real am 25. Februar 2003 war zwar nicht der erste Besuch des Klubs in Dortmund, doch man kann mit Fug und Recht sagen, dass die Stadt seit dem Besuch durch Benfica Lissabon im Dezember 1963 keinem Gastspiel einer Fußballmannschaft so entgegengefiebert hatte wie diesem Auftritt des Weißen Balletts.

Eine einzige Wundertruppe

Es war nämlich die Hochzeit der »Los Galácticos«, der unfassbaren Ansammlung von Superstars in Madrid. An jenem Abend standen in Reihen der Spanier nicht weniger als drei Weltfußballer: Luis Figo, Ronaldo und Zinedine Zidane. Die linke Seite beackerte Roberto Carlos. Vor der Viererkette räumte Claude Makelele ab. Im Tor stand Iker Casillas. Auf der Zehner-Position spielte Raúl. Der Trainer dieser Wundertruppe war Vicente del Bosque – der für Leute wie Guti, Esteban Cambiasso und Fernando Morientes nur auf der Ersatzbank Platz hatte.

Selbst auf der Pressetribüne waren Spannung und Vorfreude mit Händen greifbar. Und als das Spiel dann lief, starrten auch die routiniertesten Journalisten mit offenen Mündern auf das Feld. Es ist eine Sache, am Fernsehen zu verfolgen, wie Roberto Carlos den Ball Zidane in den Fuß spielt. Es ist eine ganz andere Sache, live im Stadion und fast aus nächster Nähe zu sehen, wie hart der Brasilianer seine Pässe spielt und mit welcher Leichtigkeit der Franzose solche Zuspiele verarbeitet und dann über den Rasen gleitet.