Als deutsche und britische Soldaten an der Front Fußball spielten

Der kleine Frieden im großen Krieg

Die deutschen Spieler johlten, wenn der Wind den Gegnern unter den Kilt wehte und die ganze Pracht der schottischen Männlichkeit offenlegte, weil sie trotz der kalten Witterung ohne Unterhose spielten. Obwohl es keinen Schiedsrichter gab, hielten sich die Spieler streng an die Regeln. Wenn ein Soldat in Stiefeln und Rock in den Schmutz fiel, halfen ihm Gegner wieder auf die Beine. Das Spiel dauerte etwa eine Stunde, dann bekam der Oberkommandierende der Deutschen davon Wind, und es erging der Befehl, schleunigst hinter die Frontlinien zurückzukehren. Leutnant Niemann notierte: »Das Spiel endete mit einem Ergebnis von 3:2 zugunsten von Fritz gegen Tommy.«

Der Journalist Michael Jürgs berichtet in seinem Buch »Der kleine Frieden im großen Krieg: Weihnachten 1914«, dass es auch an anderen Stellen der Westfront zu spontanen Matches zwischen britischen und deutschen Einheiten kam. Die Bälle stammten fast immer aus dem angelsächsischen Lager. So schildert es Harold Bryan in einem Brief an seine Eltern: »Wir schickten einen mit dem Fahrrad nach hinten in unsere Reservestellung, und der holte den Ball.« Und wo kein Leder aufzutreiben war, wurde ein gepresstes Stück Stroh oder eine Konservendose einfach zweckentfremdet.

Vielerorts wurden die Spiele von den Befehlshabern verboten

Nachdem es am ersten Feiertag so gut geklappt hatte, vereinbarten hunderte verfeindete Soldaten für den Boxing Day ein erneutes sportliches Kräftemessen. Doch die Generalität hatte spitzgekriegt, dass die Kampfmoral unter dem Gekicke zu leiden begann. Vielerorts entlang der Front wurden die Spiele von den Befehlshabern verboten. Und auch nicht jeder Mannschaftsdienstgrad war mit dem freundschaftlichen Gebolze einverstanden. Ein Gefreiter namens Adolf Hitler, bei Ypern stationiert, notierte grimmig: »Eine Friedenssehnsucht darf in der Kriegszeit nicht zur Debatte stehen.«

Am Abend des zweiten Feiertags teilte die sächsische Einheit, der auch Leutnant Johannes Niemann angehörte, dem britischen Feind offiziell mit, dass ab Mitternacht wieder scharf geschossen werden müsse. »Gentlemen, es ist uns eine Ehre, sie darüber zu informieren.« Dennoch gelang es einigen Kompanien im militärischen Ungehorsam, sogar frontüberschreitend die Vorgesetzten auszutricksen und am Boxing Day zwischen den Linien zu kicken. Ein englischer Soldat schrieb: »Die Deutschen geben uns Bescheid, dass am Nachmittag ihr General kommt. Wir sollen aufpassen, dann würden sie ein bisschen schießen müssen, aber nur um den Schein zu wahren.«

Nachdem sie auf dem Platz noch zielgenau in das gegnerische Tor zu treffen versucht hatten, war für den Ernstfall ausgemacht, dass man bei Eintreffen der Generalität bewusst über die Köpfe des Gegners schießen würde.