Als der Punkrock den BVB erreichte

Punkrock war Dortmunds Soundtrack

Ja, Punkrock war der Soundtrack der Saison, in der für Borussia Dortmund alles anders wurde, 1986/87. So ist für mich der gelernte Florist Frank Mill untrennbar mit einer Hardcoreband aus Washington verbunden. Denn erst sahen wir an einem Sommertag in einem autonomen Jugendzentrum in Duisburg die Gruppe Scream (der sich kurz danach ein gewisser Dave Grohl anschloss). Etwas später holte Borussia zum Saisonstart ein 2:2 bei Bayern, das für Schlagzeilen sorgte, weil Frank Mill das leere Tor verfehlte und nur den Pfosten traf. Und so ging es die ganze glorreiche Saison hindurch weiter – drei Akkorde, großer Fußball. Die letzten Spiele, in denen Borussia sich mit zwei Siegen für den UEFA-Cup qualifizierte, waren eingebettet in das einzige Konzert, das Hüsker Dü je im Ruhrgebiet spielten, und einen Auftritt der New Yorker Lärm-Legende Sonic Youth in Bochum.

Die Vorgruppe von Sonic Youth war an jenem Tag eine Punkband aus dem nördlichen Ruhrgebiet namens Hass. Im folgenden Jahrzehnt veröffentlichte Hass den Song »Die besten Fans der Liga« als Hommage an das BVB-Publikum, aber Vorreiter waren sie damit nicht. Schon 1983 hatte die Dortmunder Band The Idiots in Eigenregie die Single »Der S04 und der BVB« veröffentlicht, auf der es um die damals üblichen Ausschreitungen beim Derby ging. Der Sänger der Idiots, Hannes Schmidt, führte einen Plattenladen, der Mitte der Achtziger auf der Münsterstraße war und in dem ich gerne regnerische Nachmittage verbrachte. Hier konnte man sich nämlich seltene Videos ansehen oder ausleihen, Konzertmitschnitte des US-Magazins Flipside oder der englischen Firma Jettisoundz. Viele Jahre danach würde Hannes ein paar Songs mit einem jungen Dortmunder namens Lars Ricken aufnehmen, der ein großer Bewunderer von ihm war.

Punk und Fußball – das gehörte zusammen

Man sieht, es hing alles irgendwie zusammen und alles war irgendwie Punk. Ich kann nicht einmal sagen, warum das so war. Vielleicht weil der Fußball damals – vor allem wegen der Hooligans – diskreditiert war und es fast etwas Rebellisches hatte, sich als Fan zu bezeichnen. Nicht nur in Dortmund. Schließlich war 1986/87 auch die Zeit, in der ein paar Punks den FC St. Pauli erfanden. Und wenige Jahre später führte das Homburger Hardcore-Fanzine »ZAP« eine Fußballmeisterschaft per Postkarte ein. Jeder Leser konnte sich beteiligen und wurde nach seinem Postleitzahlbezirk einer von sechs Mannschaften zugeteilt, die Namen trugen wie »Atletico Mosh« oder »Ball Ruhm Blitzers«. Man könnte fast sagen, dass es ein frühes Managerspiel war.

Punk und Fußball – das gehörte zusammen. Kein Wunder also, dass beide zur selben Zeit, Anfang der Neunziger, erst gesellschaftsfähig und schließlich sogar zum Mainstream wurden. Irgendwie auch dank Frank Mill, der 1990 zum deutschen WM-Kader gehörte. Und dank Dave Grohl, der inzwischen Drummer von Nirvana war und wahrscheinlich keine Bierdosen ins Publikum warf.