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Die Affäre Atouba

Der genialistische Blogger Kai Pahl informiert sich rund um die Uhr und führt auf allesaussersport.de Buch für die Nachwelt - jetzt auch auf 11freunde.de. Heute vollzieht er das Presseecho auf die Geschehnisse um Timothee Atouba nach. Imago Mit 36 Stunden Verspätung ist es auch bei den Hamburger Blättern angekommen, dass beim “Stinkefingerskandal” die Aktion eben nicht nur von Atouba ausging - ihr gingen massive, rassisistische Beschimpfungen voraus. Davon unbeleckt ist nur die BILD, die heute im Internet ihre Ausgabe mit “Dieser Stinkefinger empört Deutschland – Und so einer kassiert auch noch Millionen” groß aufmacht und gleich “vier” Stinkefinger von Atouba per Photo mitprotokolliert. Kai-Uwe Hesse und Babak Milani schreiben:

Ein Skandal! Atouba beleidigt alle Fans – und darf weiter seine Millionen kassieren. Beim HSV verdient der Afrikaner 1,2 Mio Euro Jahres-Gage. Bis 2009.

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Babak Milani und Kai-Uwe Hesse schreiben im Artikel nirgends vom “Kameruner”, sondern vom “Afrikaner”. Ausschließlich vom “Afrikaner”. Weil es nicht ganz so tumb wie “Schwarzer” klingt. Aber dasselbe meint. Die übliche BILD-Gemengelage: Der “Afrikaner” oder auch in Form eines Kommentars von Matthias Brügelmann “der Söldner”. Der “Fremde” halt, der nur Geld kassiert, aber keine Leistung und keine Ehre kennt. Sei es in der Variante der Fußballspieler oder, auch immer wieder gerne bei der BILD genommen, der “Sozialstaatschmarotzer”. In diesem Kontext verursachen Milani, Hesse und Brügelmann nur noch Brechreiz bei mir. Gedanklich sind die Drei offensichtlich noch im 19ten Jahrhundert verwurzelt, als Carl Hagenbeck “den Neger” in Hamburg in einer Art “Menschenzoo” ausstellen ließ. Das ist die Journalistenbrut, die durch einseitige Berichterstattung für solche Ausfälle von Seiten des Publikums mitverantwortlich ist.


Zurück zu den seriöseren Blättern.

Das Hamburger Abendblatt beschreibt die Vorfälle auf der Tribüne:

Offensichtlich wurde der Afrikaner nach seiner selbst geforderten Auswechslung von den Rängen als “Nigger, Kanacke und Affe” beschimpft. Für Vukovic ist das der eigentliche Skandal. In die gleiche Kerbe schlägt Christoph Jakubowsky, selbst Fußballer und Besucher des Spiels auf der VIP-Tribüne: “Dass sich auch angeblich honore Personen derart gehen lassen, ist beschämend. Da waren Beschimpfungen wie Neger oder Nigger fast schon die harmlosesten Ausdrücke. Und das muss sich niemand gefallen lassen.” […]
Patrick Grützner vom Fanklub “Chosen Few” (die Auserwählten) will die Beschimpfungen einiger Fans nicht entschuldigen, gibt aber zu bedenken, dass die Pfiffe gegen Atouba eine Folge vieler Faktoren seien: “Im Sommer wollte er weg und mehr Geld haben, dann die mysteriöse Verletzung und schließlich die konstant schlechte Leistung.” Er selbst habe zwar nicht gepfiffen, versteht aber gleichzeitig, dass einige Zuschauer ihren Frust freien Lauf ließen […]
Einer dieser Bierbecher-Werfer meldete sich bei Radio Hamburg zu Wort […] “sich selber auszuwechseln, das zeigt, wo sein Herz wirklich schlägt. Nämlich nicht für den HSV.” Im Nachhinein schämte er sich allerdings: “Ich gehe seit 20 Jahren zum HSV. Und da ist noch nie etwas passiert.”


Die MoPo geht derber zur Sache. Unter dem Titel “Rassisten auf der VIP-Tribüne”.

Sah es erst so aus, als sei der Kameruner aus Frust völlig durchgedreht, ist mittlerweile klar: Das Problem ist nicht Atouba, das Problem sitzt mitten auf der VIP-Tribüne der AOL Arena: Dort, auf den teuersten Plätzen im Rund, tummelt sich mindestens eine Hand voll Rassisten! Mit schlimmsten Verunglimpfungen provozierten diese Leute den unrühmlichen Ausraster Atoubas […]
Es waren die Momente nach dem 1:2-Rückstand, die das Fass zum Überlaufen brachten. Nicht die Pfiffe, so Atouba, seien es gewesen, die in gestört hätten. Vielmehr wurden von den direkt hinter der Trainerbank gelegenen Rängen Parolen wie “Scheiß-Nigger” oder “Geh zurück in den Busch” aufs Spielfeld gedroschen!

Atouba muss als Strafe 50.000 Euro an ein Fan-Projekt zahlen und wird vereinsintern zwei Spiele gesperrt. Ferner hat er sich per Presseerklärung entschuldigt. Während Hoffmann auf einer gewissen Distanz zu Atouba bleibt (”Die Dinge, die ihn dazu bewogen haben, können allenfalls als Erklärung dienen, mehr nicht”) melden Abendblatt und Mopo, dass “Didi” Beiersdorfer mehr Verständnis durchblicken ließ. Unmutsbekundungen auf der einen Seite sind ertragbar, das weiß auch Beiersdorfer:

“Das erkauft sich ein Fußballprofi mit der Vertragsunterschrift. Da muss er mal die Faust in der Tasche ballen.” Allerdings, und da deutet auch Beiersdorfer sein Verständnis an, darf dies nicht mehr gelten, wenn es, wie gegen Moskau, zu rassistisch motivierten Beschimpfungen kommt - auch wenn es nur ein verschwindend kleiner Teil des Publikums ist.

Auch innerhalb des Teams soll sich das Standing von Atouba nicht verschlechtert haben, wie ja auch bereits am Mittwochabend erste Statements von Reinhardt zeigten.