Alles normal in Wolfsburg?

Der nur ganz kurz verlorene Sohn

Ashkan Dejagah hat schon unbeschwertere Tage verlebt. Nachdem er seine Teilnahme am U21-Spiel gegen Israel abgesagt hatte, schlug ihm heftige Kritik entgegen. Gestern durfte er wieder am Training des VfL-Wolfsburg teilnehmen. Wir haben zugeschaut. imago images
Kurz vor dem Ende fiel dem jungen Ashkan Dejagah dann noch einmal der Ball vor die Füße. Einer dieser Schäfers, Riethers oder Baiers im Kader des VfL Wolfsburg hatte von außen einen Pass in die Mitte gespielt und dem 21-jährigen Deutsch-Iraner so eine wunderbare Gelegenheit zum Torschuss offieriert. Dejagah stand geschickt zum Tor postiert, zehn Meter ungefähr betrug die Distanz, doch er verzog mit den Innenseite. „Der ist nicht frei im Kopf“, raunten die Reporter am Zaun, verschreckt ob des Versagens des Offensivspielers beim Torabschluss – um dann amüsiert loszulachen.

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Sie können also schon wieder Witze machen in Wolfsburg, nachdem sich in den vergangenen Tagen ja einiges zugetragen hat um den Fußballprofi Dejagah, der aus dem Iran stammt und seine Teilnahme am Länderspiel der deutschen U-21-Auswahl in Israel am Freitag aus, wie es zunächst hieß, „politischen“, dann aus „persönlichen Gründen“ abgesagt hat. Mit großer Wucht war ihm öffentliche Kritik entgegen geschlagen.

Wolfsburgs Trainermanager Felix Magath hatte seinem Zugang aus Berlin für die erste Übungseinheit der Woche am Mittwoch spontan frei gegeben, was Spielraum für Spekulationen eröffnete. Wolfsburgs Hauptsponsor habe darum gebeten, Dejagah vom Training auszuschließen, wurde getuschelt, um Schaden am Image des Konzerns zu vemeiden. 2001 war es den örtlichen Autobauern schon einmal gelungen, einen Spieler aus der Mannschaft zu nehmen, als dem Nigerianer Jonathan Akpoborie vorgeworfen wurde, Kindersklaven aus Afrika zu verschiffen.

„Wir haben in Ruhe trainiert“, brummte Magath

Am Donnerstagvormittag lief Dejagah nun also erstmals nach seiner Länderspielabsage wieder hinaus auf den Rasenplatz vor der Wolfsburger Arena, und als er nach anderthalb Stunden den Rückweg in die Kabine antrat, applaudierten die wenigen Zuschauer am Übungsgelände. Pressesprecher Kurt Rippholz hatte Dejagah sofort an die Hand genommen, und der riesige Verteidiger Alexander Madlung stellte so etwas wie einen zusätzlichen Geleitschutz dar. „Wir haben in Ruhe trainiert“, brummte Magath später, „das Training war gut.“

Ob denn nun der Alltag wieder Einzug halte in Wolfsburg, wurde der Übungsleister dann noch gefragt, worauf dieser recht knapp entgegnete, dass doch „die ganze Zeit alles normal“ gewesen sei. Das ist eine etwas eigentümliche Sichtweise, hatte Magath doch – nachdem sich unter anderem der Zentralrat der Juden und zahlreiche Politiker äußerst kritisch zur Causa Dejagah geäußert hatten – in der lokalen Presse tags zuvor angekündigt, seine Mannschaftsaufstellung demnächst „vom Bundestag abhaken“ zu lassen, vielleicht „vorher auch noch von der Landesregierung“.

Dejagah selbst wird erstmal nicht sprechen, zumindest nicht öffentlich in irgendwelche Mikrofone oder vor Zeitungsleuten. Zunächst trifft er sich mit Spitzenkräften des Deutschen Fußballbundes. „Ich will mir erstmal ein Bild von der Argumentation des Spielers machen“, meint DFB-Präsident Theo Zwanziger. Frühestens Mitte der kommenden Woche soll dieses Gespräch stattfinden, wie zu vernehmen ist. Bis dahin wird Dejagah im Training sicherlich auch ein Tor geschossen haben. Die Chance dazu hatte er ja schon.