Allein unter Zwergen

»Der Letzte ist ’ne Bratwurst«

Dabei sinniert er über die Welt, Gott interessiert ihn weniger. Als ich frage, ob er bislang zufrieden sei, hören die Kinder gerade im Essenssaal einen Vortrag über Wörter wie »Disziplin«, »Teamgeist« und »Respekt«. »Weiße, wenn ich wollte, dass mein Sohn Moralvorträge hört, dann hätte ich ihn im Bibelkreis angemeldet. Die sollen Fußball spielen«, antwortet er mir. Amen.

»In unserem Trikot wird nicht geraucht«

Klammheimlich und still schleicht derweil ein Mann in schwarzen Jeans und neumodischen Turnschuhen um die Ecke: Ingo Anderbrügge. Mein Puls schnellt in die Höhe. Was tun? Den Fangesang »Mythos vom Schalker Markt« anstimmen? Auf die Knie gehen? Er kommt auf mich und lila Daunenjacke zu. Keine Begrüßung. Nur ein kritischer Blick auf die Zigarette in meiner Hand. »In unserem Trikot wird nicht geraucht«, raunzt die Schalker Legende mich an. Ehrfürchtig drücke ich die Kippe aus. Dann fängt er an zu reden und hört gar nicht mehr damit auf. Er wirkt wie ein Wanderprediger, der von Fußballcamp zu Fußballcamp zieht, um in ausschweifenden Monologen die Probleme des Jugendfußballs zu geißeln.

 

»Wenn ich sehe, wie sich Eltern am Spielfeldrand benehmen, wird mir schlecht«, sagt er. Und dass er in drei Tagen keine Profis machen könne, obwohl das viele erwarten würden. »Aber Werte vermitteln, das geht. Und die kommen in vielen Elternhäusern zu kurz.« Die Gartenstuhl-Gang pflichtet ihm tosend bei, während die Kinder aus dem Vereinsheim wieder auf den Platz joggen. Ich erhebe mich unter Rückenschmerzen, um weiter Bälle ins Nirvana zu dreschen.

Gut, dass ich in der E-Jugend aufgehört habe

 

Am letzten Tag wird in einem Turnier die beste Mannschaft ausgespielt. Marlon ist nicht in meinem Team. Das ist ein Nachteil, denn er ist gut, besser als der Rest. Seit er drei ist, spielt er Fußball, ist nun zum SV Rödinghausen gewechselt, einem Regionalligisten mit starker Jugendarbeit. Marlon kann aus jeder Position treffen, so scheint es mir. »Er hat Potential, um mal ganz hoch zu kommen«, sagt Debo. »Aber genau kann man das nie sagen.« Debo weiß, wovon er spricht. Er hat selbst in der BVB-Jugend gespielt, dann Oberliga, dann Knieprobleme. Karriereende mit 29. Nun ist er hier Co-Trainer und studiert Sportwissenschaften. »Wenn von den 65 Kindern mal zwei Regionalliga spielen, dann ist das eine verdammt gute Quote für das Camp«, sagt er.

Ich werde es wohl nicht mehr bis dahin schaffen. »Aber du hast schon was gelernt, immerhin kannst du jetzt einen geraden Pass spielen«, sagt Debo lachend. Recht hat er. Außerdem werde ich Turniersieger mit meiner Mannschaft. Was nicht an mir liegt, sondern daran, dass ich in den vier Partien nur gefühlte drei Mal den Ball zugespielt bekomme. Ein letztes Mal ruft H. P. Baxxter, dieses Mal sammeln wir uns zur Siegerehrung. Marlon hat die Niederlage mittlerweile verkraftet und sprintet mit den anderen in Richtung Pavillon. »Der Letzte ist ’ne Bratwurst«, ruft er. Ich hieve meinen schmerzenden Körper mühsam Schritt für Schritt hinter ihnen her. Und werde Letzter. Gut, dass ich in der E-Jugend aufgehört habe.