Allein unter Zwergen

Kinder, die wie Miniaturfiguren von Bundesliga-Stars aussehen

Als ich am nächsten Morgen um acht Uhr auf den Platz der SpVgg Sterkrade-Nord trotte, sehe ich schon von Weitem ein großes Banner im Tornetz flattern. »Fußballfabrik nach Ingo Anderbrügge«. Der Schriftzug ist hier überall: auf den Bällen, auf den Taschen, selbst auf den Wasserkästen. Fabrik. Das klingt groß, das klingt nach Kalkül, das klingt nach Optimierung. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Hier werden alle Einzelteile zum großen Ganzen zusammengesetzt. Was am Ende vom grünen Fließband herunterpurzelt, ist ein fertiges Produkt. Der Fußballer 2.0 nach Ingo Anderbrügge. Plötzlich fühle ich mich meinem Ziel ganz nah. Vielleicht wird es doch noch was mit mir.

Zwei Typen marschieren zielstrebig auf mich zu. Mein Kopf sagt mir, dass das die Trainer sein müssen, aber die Augen zweifeln. Meine Jugendtrainer waren früher alle von der gleichen Sorte: Ein wenig korpulent, versiffte Klamotten und leicht ungepflegt. Diese Zwei aber scheinen der fleischgewordene Kontrast: breit gebaut, lässig gekleidet, beide mit feingetrimmtem Drei-Tage-Bart. Ob sie die Optimierung schon hinter sich haben? Sie sehen aus, als könnten sie in Fernsehwerbungen mitspielen. Nach Oberhausen sehen sie jedenfalls nicht aus.

Muss ich jetzt salutieren?

»Ich bin Lukas, der Campleiter«, stellt sich der eine freundlich vor und drückt mir kurze Zeit später ein blaues Shirt in die Hand. »Jeder trägt hier ausnahmslos unser Trikot. Drunter ziehen kannst du, was du willst, drüber aber nichts.« Ich nicke eingeschüchtert, muss ich jetzt salutieren? Ich gehe mich umziehen und werde der ältesten Gruppe zugeteilt, die »Bayern« heißt. Als ich mich artig zu meinen Mitstreitern in die Reihe stelle, rage ich unangenehm weit aus der homogenen blauen Masse heraus.

Ohne hinzuschauen spüre ich die Blicke der Eltern am Spielfeldrand. Sie mustern mich, als wäre ich einer dieser Verwirrten, die gerne Kinder fertigmachen, nur um sich größer und besser zu fühlen. Verständlich. Es muss ein bizarres Bild sein: Um mich herum Kinder, die wie Miniaturfiguren von Bundesliga-Stars aussehen. Alle tragen denselben coolen Haarschnitt, die Seiten abrasiert, oben akkurat zurückgekämmt. Ihre bunten Schuhe sprenkeln den Rasen, als wäre über dem Feld eine riesige Konfettikanone abgefeuert worden. Dazwischen stehe ich, mit abgewetzten schwarzen Tretern und Haaren, an denen seit drei Monaten keine Schere mehr war.