Alexander Klitzpera über Schmerzmittel

»Ich konnte nicht schlafen«

Fußball ist nur ein anderes Wort für Schmerz. Wie bekämpfen Profis ihren ständigen Begleiter? Mit Alexander Klitzpera sprachen wir über Entzündungshemmer, Fango-Packungen und das Geräusch seiner Knochen am Morgen. Alexander Klitzpera über SchmerzmittelMareike Foecking Alexander Klitzpera, inwieweit ist für Sie Profifußball mit Schmerzen verbunden?

Ich bin ein Profi, der noch nicht mit schwerwiegenden Verletzungen konfrontiert wurde. Meine Philosophie war aber schon immer, dass man viel zum Schutz beitragen kann.

Zum Beispiel?

Es gibt Verletzungen, die man nicht verhindern kann. Aber z. B Muskelverletzungen  kann man  mit Pflege und Kräftigung gut  vorbeugen. Spätestens In der Reha lernt man, was man machen kann, um stabiler zu werden. Denn nach einer Verletzung muss man wesentlich härter arbeiten, um wieder sein altes Leistungsniveau zu erreichen.

Hatten Sie schon Schmerzen, die Sie nicht in den Griff bekommen haben?


Ich hatte einen Leistenbruch, der lange nicht erkannt wurde. Deshalb habe ich ein Jahr unter Schmerzen spielen müssen die auch immer schlimmer wurden.

Wie hat sich der Leistenbruch bemerkbar gemacht?

Ich merkte ihn im täglichen Leben fast gar nicht, dafür tat er beim Sprinten und beim Schießen umso mehr weh. Der Schmerz ist dann so stark, dass man einfach nicht mehr an die Leistungsgrenze gehen kann.

Kann man so eine Verletzung mit Schmerzmitteln kompensieren?

Bei so einem Schmerz ist das mitunter gar nicht so einfach. Man muss regelrecht einen Spiegel aufbauen, um solche Schmerzen in den Griff zu bekommen.

Was meinen Sie mit »Spiegel«?

Eine Schmerztablette hat eine gewisse Wirkung, aber wenn ich vorher schon in einem kurzen Abstand eine weitere genommen habe, verringert sich das Schmerzempfinden enorm. Man stimmt den Körper darauf ein. Man nimmt die Schmerzmittel also einen Tag vor dem Spiel ein: morgens, mittags und abends jeweils eine Tablette. Am Spieltag nehme ich morgens dann noch mal eine und kurz vor dem Spiel.

Also fünf Tabletten, um ein Spiel beschwerdefrei durchzuhalten?
Das ist schon eine Hammer-Dosis, und ich denke, dass man sich da am Limit bewegt.  Aber das ist im Fußball gang und gäbe. Ich bin auch kein Freund davon und hab das immer nur in Notfällen gemacht und nie mit gutem Gewissen, gegenüber meinem Körper. Oft macht man es um ein Spiel zu überstehen und versucht sich somit in die nächste Woche zu retten um Zeit zu gewinnen für andere Therapie. Ich bin eigentlich ein Freund von Naturheilkunde, da gibt es keine Nebenwirkung und mit den Dopingrichtlinien kommt man auch nicht in die quere.

Was nehmen sie denn für Naturpräparate?


Es gibt viele Sachen: z.b. basische Salzbäder, Fango, Quarkwickel oder Retterspitz.

Was ist das?

Retterspitz gibt es in der Apotheke, das ist eine Kräutermischung, die abschwellend und heilend wirkt. Im Fußball muss man so schnell wie möglich sehen, dass die Schwellung zurückgeht und der Druck nachlässt. Z. B bei einem Bänderriss, wo die Schwellung heraus ist, kann man mit speziellen Tapeverband die Bänder so stabilisieren das man wieder spielen kann.

Welche Folgen hat es, wenn man ein Jahr lang unter Schmerzen spielt?

Ein Körper lernt aus Schmerzen. Ein Fußballer baut über die Jahre eine Verbindung zu seinem Körper und zu seinem Schmerzempfinden auf. Und man wird mit der Zeit auch schmerzresistenter, denn man will ja immer spielen. Im Training lässt man dann vielleicht einen Teil weg – gerade was Zweikämpfe, Drehungen angeht – damit die Probleme vor dem Spiel nicht größer werden.

Wie geht man bei einem Bänderriss vor?

Mit Tapeverbänden versucht man, bei einem Bänderriss die anderen Bänder zu stützen. Ein Risiko ist es trotzdem, weil die beiden anderen Bänder mehr beansprucht werden. Dieses Risiko muss der Spieler abwägen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man einen Schmerz, den man im Training spürt, am Spieltag viel weniger merkt. Ich habe schon eine ganze Woche unter Schmerzen trainiert, aber der Schmerz war im Spiel weg. Adrenalin macht einen Spieler sehr schmerzresistent – wenn man das weiß, kann man es in den Genesungsprozess einkalkulieren. Denn man kann ja nicht ständig Schmerzmittel nehmen, weil die einem mittelfristig auch auf den Magen schlagen und um die gleiche Wirkung zu erzielen muß man bei regelmäßiger Einnahme auch die Dosis erhöhen.

Wann entscheiden Sie trotzdem, dass es ohne Schmerzmittel nicht geht?

Wenn der Schmerz so groß ist, dass selbst das Adrenalin den Schmerz nicht übertünchen kann. Dieses Gefühl entwickelt man als Spieler aber sehr schnell.

Nimmt man dann Aspirin, Voltaren oder Ibuprofen?

Mit Aspirin kommt man bei Schmerzen nicht weit. Das nimmt man doch, wenn man Kopfweh hat. Manche nehmen das, weil sie denken, dass das Blut dann schneller durch den Körper fließt und sie so frischer und leistungsfähiger sind. Ich bin kein Freund von Arzneimitteln, weil sie so viele Nebenwirkungen haben. Der Körper eines Profisportlers reagiert auf vieles sehr sensibel. Leider wird im Fußball sehr schnell und sehr viel zu Schmerzmitteln gegriffen. Aber meines Erachtens wird damit nicht die Ursache bekämpft.

Wie gehen sie denn dann in Sachen Schmerzbekämpfung bzw. Prophylaxe vor?

Ich bin ein Freund vonOsteopathie, das ist die Lehre der Knochen. Das wird mit den bloßen Händen von speziell ausgebildeten Physiotherapeuten angewendet. Wenn mir z.B. eine Sehne im Knie wehtut, liegt es nicht unbedingt an der Sehne, sondern es kann seine Ursachen im Becken haben. Dabei wird man ganzheitlich behandelt. Osteopathen sehen Spannungsfelder im Körper im Voraus. Ich gehe alle zwei Wochen zu einem.

Was war die schmerzhafteste Verletzung Ihrer Karriere bisher?

Vor Weihnachten hatte ich eine Sehnenentzündung unter dem Fuß. Die war bei jedem Schritt allgegenwärtig. Gerade in Fußballschuhen, die orthopädisch nicht gerade optimal sind, war es besonders schlimm. Ohne zu gehen, tat es im Fußballschuh bereits weh. Sehnen verzeihen einem Spieler sehr lange alles, aber wenn sie dann mal gereizt sind, brauchen sie ewig bis die Beschwerden wieder weg sind.

Wie sah Ihr Tagesablauf unter diesen Schmerzen aus?

Es gab Nächte, da war der Schmerz so stark, dass ich nicht schlafen konnte. Da hilft auch kein Schmerzmittel mehr, weil man ja nicht ständig davon nehmen kann und man ja die Ursache bekämpfen will. Aber grundsätzlich ist ein Tagesablauf von einem verletzten Spieler so, dass er die ganzen Tag beschäftigt ist. Da ist nichts mit faul rumliegen. Ein Fußballer steht immer unter Zeitdruck, weil der Verein so schnell wie möglich will, dass er wieder auf dem Platz steht. Wenn man verletzt ist, hat man zwei Reha-Termine am Tag – morgens und nachmittags. Und ob der Spieler dabei auch Ibuprofen oder Voltaren schluckt, ist dem Verein letzlich egal, weil der nur will, dass man so schnell wie möglich wieder fit wird.

Gibt es Trainer, denen egal ist, ob man verletzt ist?

Ja. Ich habe Trainer erlebt, die gesagt haben: »Ist mir scheißegal, was der Arzt sagt«. Es gibt aber auch Trainer, die mehr auf die Ärzte oder Physiotherapeuten hören und dann das Risiko abwägen.

Wie sehr kann ein Fußballer denn zwangsverpflichtet werden?

Wenn ein Spieler nicht spielen will, spielt er nicht. Aber so einfach ist das nicht: Denn auch ein Spieler weiß, wenn er nicht spielt, spielt ein Anderer. Ohne Einsatz kann ein Profi bis zu zwei Drittel seines Gehalts einbüßen. Es hat auch alles eine soziale Komponente, weil man eine Familie zu ernähren hat. Bei Verletzungen kann es zudem auch zu Konflikten zwischen dem Trainer und dem Spieler kommen.

Das kommt vor?

Ja, das ist keine Ausnahme.

Kann sich ein Profi hundertprozentig auf seine medizinische Abteilung verlassen?

Je kleiner ein Verein ist, desto mehr muss sich ein Profi um sich selbst kümmern.

Wenn der Vereinsarzt einen Spieler aber krankschreibt, ist er nach deutschem Recht nicht arbeitsfähig.

Bei einem Fußballer ist es anders als in der normalen Arbeitswelt. Denn hier wird auch mal eine zweite Meinung eines Arztes eingeholt. Es gibt so einen Spruch, der lautet: »Im Fußball hat immer der Recht, der heilt«.

Ist das auch der Grund, warum Ivan Klasnic immer wieder Tabletten eingenommen hat, die schließlich seine Nieren schädigten?

Der Druck kann einen Spieler sicherlich auch dazu verleiten, so etwas zu machen. Der Druck ist bei jedem Spiel da: Jeder will, dass man auf die Zähne beißt – der Trainer, die Öffentlichkeit und auch man selbst. Und das sind Situationen, in denen man sich dabei ertappt, zu weit zu gehen.

Sie auch?

Ja. Ich habe acht Wochen vor Weihnachten mit extremen Sehnenbeschwerden gespielt. Ganze sechs Spiele, aber bei den letzten beiden ging dann nichts mehr. Ich konnte nicht mehr schlafen, konnte meinen Schuh nicht mehr anziehen. So kam es dass ich praktisch keine Pause hatte, weil ich in der Winterpause von morgens bis abends in der Reha war, sogar an Weihnachten und am ersten Weihnachtstag hab ich meine Behandlung bekommen, um ja keine Zeit zu verlieren, damit ich möglichst zur Rückrunde wieder dabei sein kann.

Haben Sie sich über die Meinung Ihrer Ärzte hinweggesetzt?

Bei einem Profisportler wird ans Limit gegangen, weil der Arzt auch unter dem Druck des Vereins steht. Wenn es eine wichtige Phase ist – so wie bei uns beim FSV Frankfurt vor Weihnachten – heißt es »Augen zu und durch«. Es wird halt versucht, sich in die Winter- oder Sommerpause zu retten.

Lassen sich Spieler mitunter auch noch durch Spritzen betäuben?

Nur in Ausnahmefällen, und dann wird nur punktuell betäubt.

Haben sie das schon in Anspruch genommen?

Ja, aber ich nehme sonst nur in Ausnahmefällen Tabletten. Damit merkt man den Schmerz zwar noch, aber er ist gedämpft. Ein Schmerz ist ja ein Warnsignal des Körpers. Wenn man den Schmerz unterdrückt, unterdrückt man auch die Warnsignal vom Körper. Das sollte man nicht übertreiben, außer man nimmt bewußt eine verschlechterung der Verletzung in Kauf.

Sie gehen sehr bewusst mit Schmerzmitteln um. Sind Schmerzmittel in der Bundesliga ein Problem?


Zunächst müssen wir froh sein, dass wir Schmerzmittel haben, weil man manchmal Schmerzen hat, bei denen Medikamente eine gute Hilfe darstellen. Denn der Kopf speichert Schmerz. Der Körper weiß also, wenn er eine spezielle Bewegung macht, kommt der Schmerz. Diese Hemmung muss man manchmal auch bewusst mit den Schmerzmitteln durchbrechen, um sich wieder normal zu bewegen. Aber Schmerzmittel als Allheilmittel einzusetzen, halte ich für grundlegend falsch. Schmerzmittel sollte nur die Ausnahme sein und es sollte jeder Spieler auch darüber genügend aufgeklärt werden.

Kennen Sie Kollegen, die es mit dem Konsum, gelinde gesagt, übertreiben?

Durch Schmerzmittel wird auch die Entzündung bekämpft, aber wenn man es absetzt, kommt die Entzündung oft wieder, da die Ursache nicht behandelt wurde. Und da ist das Problem: In solchen Fällen kommt es vor, dass man plötzlich ein halbes Jahr Schmerzmittel einnimmt.

Alexander Klitzpera, wie schmerzhaft ist der Profifußball?

Fußball ist ein körperbetonter Sport, das schätze ich auch daran. Es kracht oft gewaltig, aber im Laufe der Jahre gewöhnt sich der Körper daran.

Können Sie als Defensivkraft einem Gegner noch den Schneid abkaufen, ohne dass der Zuschauer am TV es mitbekommt?

Ja, es wird mit Haken und Ösen gekämpft, das sieht man nicht alles im Fernsehen. Und als Verteidiger bewegt man sich am Limit, man erarbeitet sich mit der Zeit, was man in einem Spiel machen kann. Die Grenzen, was man darf und was man nicht darf, verschieben sich. Es ist ein Geben und Nehmen.

Gibt es Anzeichen, dass auch Sie von Spätfolgen nicht verschont bleiben werden?

Natürlich haben Fußballer einen hohen Verschleiß ihres Körpers, schließlich ist es mit 35 spätestens Schluss. Wenn ich morgens aufstehe, knackt mein Körper von oben bis unten in allen Gelenken. Es scheint, als justiere er sich neu – von den Zehen bis zu den Hüften. Sowas hatte ich früher nicht. Mir fehlt da die Gelenkschmiere, weil mein Körper mehr Flüssigkeit verbraucht. Ein Arzt hat mir trotzdem gesagt, dass ich für einen Fußballer super Knie habe. Von der Abnutzung her entsprächen sie denen eines 40-Jährigen. Ich bin körperlich also bloß zehn Jahre älter … (lacht.)