Ajax Amsterdams Champions-League-Saison

Kein Wunder

Dass sich alle überschlagen – schon recht. Historisch, na klar. Aber das 4:1 bei Real Madrid zeigt vor allem: Dieses Ajax Amsterdam ist ein Puzzle, bei dem alles passt. Dabei fehlt ein Spieler ganz besonders.

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Es kommt nicht oft vor, dass Amsterdamer Grundschulkinder abends im Bett liegen und die Nachbarn schreien hören. Jedenfalls nicht, weil diese gerade ein Tor des AFC Ajax feiern. Oder dass man am nächsten Tag aufwacht, und an Bars noch die rot- weißen Fahnen hängen sieht. Die öffentliche Entladung, die dem 4:1 im Bernabeu-Stadion folgte, ist insofern ein Gradmesser. Sie zeugen vom historischen Charakter dieses Achtelfinal- Rückspiels. Und zweifellos auch davon, wie tief der Schmerz saß in Amsterdam: darüber, dass sich dieser stolze Klub verurteilt wähnte zu einem Dasein zwischen altem Ruhm und dauerhafter internationaler Zweitklassigkeit.

Vor diesem Hintergrund waren unmittelbar nach dem Spiel nicht wenige geneigt, von einer Sensation zu sprechen. Real Madrid so einzuschenken, auswärts und nach verlorenem Hinspiel! Den Seriensieger der Champions League nach allen Regeln der Kunst von der Matte zu fegen, in einem Spiel, so der Amsterdamer Fußball-Literat Henk Spaan in der Zeitung Het Parool, »das aus Traumbildern aufgebaut schien.« Die Glückseligkeit ist schon berechtigt, keine Frage, und das Schwärmen angebracht. Doch wer sich daran macht, die Traumbilder zu sezieren, kommt schnell dahinter, dass dieses Spiel kein Wunder war. 

Vielleicht fängt man am Ende an, mit diesem unerhörten Freistoß von Lasse Schöne aus viel zu spitzem Winkel. Ein Geschoss aus Wucht und Finesse, das Thibaut Courtois komlett düpierte und das mit einer Selbstverständlichkeit hinter ihm einschlug, die bemerkenswert ist. Hakim Ziyech, der Regisser, sagte später, Schöne habe angekündigt: »Ich schieß ihn aufs Tor!« Die Art, wie er das tat zeigt: dieses Ajax war sich seiner eigenen Qualitäten sehr bewusst. 

Alles wie immer - oder?

An dieser Stelle bietet es sich an, einen Schritt zurück zu gehen, den Blickwinkel zu erweitern und festzuhalten: im Bernabeu trafen zwei Teams aufeinander, deren Kurven in entgegengestetzte Richtungen verlaufen. Das Real des Frühjahrs 2019 geht den Weg aller großen Mannschaften, die über ihren Zenit hinaus sind. In Amsterdam dagegen hat man einmal mehr eine Gruppe von Spielern zusammen, die für die Zukunft viel verspricht – auch wenn der Weg, den sie zusammen zurücklegen, jetzt schon begrenzt ist: Frenkie de Jong wird im Sommer nach Barcelona wechseln, und Matthijs de Ligt, der 19-jährige Kapitän, könnte ihm folgen.   

Nicht wenige in Amsterdam erinnern sich in diesem Jahr an die Saison 2016-2017, als aus dem konturlosen Nebel vermeintlicher Abgehängtheit wieder ein junges und draufgängerisches Ajax auftauchte, das in der Europa League Schalke und Lyon niederrang, ehe man im Finale von Manchester United die Grenzen aufgezeigt bekam. Danach griffen die Gesetzmäßigkeiten der Branche.

Trainer Peter Bosz ging nach Dortmund. Mit Davy Klassen, Davinson Sánchez und Justin Kluivert verlor man drei Schlüsselspieler, und wieder einmal schien es, als folge jeder noch so kurzen Blüte des ruhmreichen Ajax der sofortige Ausverkauf und zwangsläufige Neuaufbau.