AC Mailand dreht unter Gattuso auf

Feines Gespür und klare Ansagen

Gattusos Erfolgsformel mutet dabei tatsächlich so einfach wie genial an. Anders als Montella, der zwanghaft versuchte, Milans Spiel auf den für 40 Millionen Euro von Juventus verpflichteten Abwehrboss Leonardo Bonucci (30) zuzuschneiden, legte sich der Süditaliener schnell auf ein Spielsystem fest.

Damit ging Gattuso die wohl wichtigste Baustelle an, die ihm sein früherer Nationalmannschaftskollege hinterlassen hatte. Auf die ständigen Wechsel zwischen Dreier- und Viererkette hatte das AC-Team unter Montella zunehmend allergisch reagiert — in den direkten Duellen mit den Top-Teams Napoli (1:2), Juventus (0:2), Inter (2:3), Lazio (1:4) und AS Rom (0:2) hatte sich die Vorstellung vom (vermeintlich) neureichen Meisterkandidaten schnell als planloses Luftschloss entpuppt.

Vielversprechende Talente

Für das Ziel, seiner Mannschaft eine klare Linie zu verpassen, nahm Gattuso auch ein 2:2 bei seinem Debüt gegen das bis dato punktlose Schlusslicht Benevento und ein 0:3 gegen den Vorletzten Hellas Verona im Dezember in Kauf. Jetzt aber erntet er die Früchte. In der Rückserie stehen für Milan in der Serie A neben dem Coup beim AS Rom auch Siege gegen Lazio (2:1) und den Sechsten Sampdoria Genua (1:0) zu Buche. 

Dass mit dem technisch starken Außenverteidiger Davide Calabria (21) und Sturmhoffnung Patrick Cutrone (20/vier Tore in den letzten fünf Spielen) zwei der vielversprechendsten Talente der Serie A die Tore gegen die Roma erzielten, passt ebenfalls ins Bild.

Feines Gespür

Beim AC tummeln sich einige Nachwuchsspieler, die unter Gattuso ihre Chance bekommen. Manuel Locatelli (20), Franck Kessié (21), Top-Torwarttalent Gianluigi Donnarumma, der am Sonntag seinen 19. Geburtstag feierte — die Liste ließe sich noch ein wenig fortführen. Zumal mit Innenverteidiger Alessio Romagnoli (23) ein weiterer Nationalspieler von morgen an der Seite des wiedererstarkten Routiniers Bonucci aufblüht.

Gattusos menschliches Gespür erweist sich derweil als feiner, als es manch Außenstehender Mailands früherem »Aggressive Leader« zugetraut hätte. Ein Beispiel: Den früheren Bundesliga-Star Hakan Calhanoglu (24) holte die Milan-Ikone unlängst zu sich ins Büro, um ihm Spielszenen aus seiner Leverkusener Zeit vorzuführen.

Die Mannschaft ist begeistert

»Schau, was du kannst«, soll Gattuso seinem potentiellen Spielgestalter mit auf den Weg gegeben haben. Die Formkurve des türkischen Nationalspielers ist in den vergangenen Wochen auffällig angestiegen.

Und der Rest der Mannschaft? Trägt die Begeisterung über den Macher an der Seitenlinie immer offener nach außen. Gattuso, ein Mann, der nichts scheut und nichts scheuen muss — auch nicht den Vergleich mit den ganz Großen seiner Zunft.

Klare Ansagen

»Er erinnert mich an Antonio Conte, was sein Charisma und die wilde Entschlossenheit angeht, die er uns vermittelt«, erklärte AC-Kapitän Bonucci unter der Woche und nach dem Einzug ins Pokalfinale auch den Ansturm auf die Champions-League-Plätze für eröffnet: »Siegen hilft uns jetzt beim Siegen. Diese Mannschaft bringt wieder alles mit, um die gesteckten Ziele zu erreichen.«

Am Sonntag folgt das Stadtderby gegen Inter. Gennaro Gattuso wird den Laden am Laufen halten — zur Not mit klaren Ansagen. »Ob meine Spieler zusammen essen gehen oder nicht, ist mir egal. Aber auf dem Platz will ich elf Brüder sehen«, stellt er klar.

Wer das nicht glaubt, kann gerne bei Calhanoglu nachhören.