Abstiegskampf – Freundschaften im Härtetest

Alle gemeinsam in die zweite Liga?

Dazu kommt, dass sich auch der Rest meiner kleinen feinen Fußballrunde, ebenfalls enge Freunde, nicht unbedingt aus Erfolgsfans zusammensetzt. Es hocken da regelmäßig mit mir in der Kneipe: ein weiterer Werder-Fan, ein Anhänger von Hannover 96 und ein lebenslanger Bielefelder. Ich fasse noch mal zusammen: ein Zweitligist, ein sicherer und drei potentielle Bundesligaabsteiger. In einem sehr kurzen schwachen Moment dachte ich vor einigen Wochen bereits daran, ob es nicht für uns alle einfacher wäre, wenn wir alle unsere Mannschaften in der nächsten Saison in der zweiten Liga sehen würden. Gleiche Anstoßzeiten, zumindest für den Hannoveraner, den Frankfurter und uns Bremer die realistische Aussicht auf Glanz und Gloria, statt schäbige Niederlagen und Abstiegskampf, Spiele gegen Braunschweig, St. Pauli, 1860 München… Aber lassen wir das. Mit der zweiten Liga ist es wie mit RB Leipzig: soll angeblich ganz unterhaltsam sein, will letztlich aber doch (fast) keiner.

Einfach zehn Jahre auswandern?

Was nun? Dieser letzte Spieltag ist wie der Gang zum Zahnarzt mit Karies. Unvermeidlich, aber am liebsten würde ich dem Problem und den drohenden Schmerzen entfliehen. Einfach wieder ins Flugzeug steigen, im Handgepäck ein gutes Buch über, sagen wir, die entspannende Wirkung der Bienenzucht und zurück auf die Insel ohne Internet und Bundesliga. In zehn Jahren wieder nach Hause kommen, Werders Kampf um die Meisterschaft verfolgen, Frankfurts Einzug in die Champions League bestaunen, Hannover zur Europa-League-Qualifikation gratulieren und mich über Bielefeld achtes Bundesliga-Jahr in Folge freuen. In einer gerechten Welt wäre das genau so.

Die Realität macht die Bayern zum Meister, lässt RB aufsteigen und schickt Werder in ein Endspiel gegen Eintracht Frankfurt. Ächz. Nur gut, dass nicht auch noch mein Vater gebürtiger Stuttgarter ist und Guido Buchwalds Konterfei auf dem Rücken tätowiert hat. Er interessiert sich überhaupt nicht für Fußball. Und das erste Mal seit 32 Jahren beneide ich ihn dafür.