Abstiegsangst vs. Moral

Ich, der Pharisäer

11FREUNDE-Redakteur Jens Kirschneck ist eigentlich relativ nett und bei einigen Kollegen sogar beliebt. Doch wenn es um seinen Lieblingsverein Arminia Bielefeld geht, ist Kirschneck ein böser Mensch, wie er selbst immer wieder feststellen muss. Imago In der nächsten Ausgabe von 11 FREUNDE wird, so viel sei schon verraten, ein sehr lesenswertes Interview mit Jorge Valdano stehen. Darin brandmarkt der Weltmeister von 1986 und ehemalige Sportdirektor von Real Madrid das schnöde Ergebnisspiel und klagt: „Wir zerstören den Fußball auf der Jagd nach dem Sieg.“ Ein Wort, das 90 Prozent der Leser und Mitarbeiter dieses schöngeistigen Magazins sofort unterschreiben würden – den Autor nicht ausgenommen.

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Zwei Tage, nachdem ich Valdanos Redebeiträge beifällig nickend zur Kenntnis genommen habe, ist wieder Bundesliga. Mein Verein, Arminia Bielefeld, trifft auf den 1. FC Nürnberg. Arminia steckt bis zum Hals im Abstiegssumpf und hat seit elf Spielen nicht mehr gewonnen. Sollte es diesmal wieder nicht klappen, können wir den Klassenerhalt aller Wahrscheinlichkeit nach abschreiben. Es sind gerade ein paar Minuten gespielt, als der Bielefelder Jörg Böhme mit Nürnbergs Torwart Raphael Schäfer zusammenrauscht. In der Wiederholung ist zu sehen, dass Böhme in geradezu gemeingefährlicher Weise „durchzieht“, wie wir Fußballer sagen, und Schäfer mit der Pike eine Wunde unter dem Auge zufügt – dass er ihm die Stiefelspitze nicht direkt ins Hirn bohrt, ist reiner Zufall. Statt danach kleine Brötchen zu backen, läuft das Bielefelder Raubein noch zu dem sich am Boden wälzenden Keeper und schreit ihm das Trommelfell zu Klump.

„Du bist ein böser Mensch“

Die Leute in der Kneipe sind aufgebracht. „Rot! Das ist Rot!“, schreien sie, „schmeiß den Asi runter!“ „Na, na, na, na…“, höre ich mich sagen, „so schlimm war es auch wieder nicht.“ Alle sehen mich an. „Na ja“, sage ich und deute auf den Fernseher, „er steht doch schon wieder.“ Außerdem sei Fußball kein Hallenhalma, also mal ehrlich. Im weiteren Verlauf wird Böhme zur entscheidenden Figur: Er „holt einen Elfmeter heraus“, wie wir Fußballer sagen, und schießt kurz vor Schluss das Siegtor zum 3:2. Während die Leute in der Kneipe die Köpfe schütteln, führe ich einen Veitstanz auf. Nürnbergs Trainer Meyer moniert, dass der Matchwinner gar nicht mehr auf dem Platz stehen dürfte. „Schwachkopf!“, brülle ich ihm entgegen.

Am nächsten Tag fällt mir in der Redaktion wieder das Valdano-Interview in die Hände. Wir zerstören den Fußball auf der Jagd nach dem nächsten Sieg, weil wir dem Teufel unsere Seele verkauft haben. „Du bist ein böser Mensch“, sagt eine innere Stimme. „Ja“, antworte ich, „ich bin ein böser Mensch. Aber dafür vielleicht auch im Sommer noch erstklassig.“ Herrlich.