96 verspielt die gute Vorrunde

Willkommen in der Wirklichkeit

Unser neuer Hannover 96-Experte Florian Pfitzner sieht rot! Wo in der Hinrunde noch ein Rädchen ins andere griff, ist nun ordentlich Sand im Getriebe der Niedersachsen. Nach einer schwachen Partie gegen Bielefeld heißt es AUFWACHEN. 96 verspielt die gute VorrundeImago »Mit mehr Mumm hätten die unsere Abwehr heute auseinander nehmen können.« Kollektives Nicken – der Mann in der Pissoir-Schlange hinter der Nordkurve war mit seiner Meinung nicht allein. Insgesamt hat Hannover 96 und Arminia Bielefeld vergangenen Samstag generell jene spielerische Mutlosigkeit verbunden. Nach einer erneut schwachen Partie sind die »Roten« endgültig in der Belanglosigkeit der Tabelle angekommen.

Es war irgendwie ein bisschen wie früher, als schon vor dem Anstoß kräftig geunkt wurde, die »Roten« am Ende tatsächlich enttäuschten und sich jedermann im weiten Rund bestätigt sah. Kurz nachdem Gäste-Verteidiger Mijatovic nach einer Viertelstunde die Führung für die Arminia erzielte, machte sich in einigen Gesichtern wieder dieses süffisante Lächeln breit, das für viele 96-Fans so typisch ist wie der Maschsee für Hannover. In der niedersächsischen Landeshauptstadt waren es im Übrigen keinesfalls nur die Medien, die bereits den UEFA-Cup auf die Agenda gebracht haben. Auch manch Anhänger der »Roten« fing sehr früh in der Saison an zu träumen. Nach mehr als einem halben Dutzend schlechter Spiele am Stück und dem Rückstand gegen zuletzt desillusionierte Arminen sahen alle Beteiligten endlich der Realität ins Auge. »Zweitligafußball«, hörte man gar von einigen Sitzen. Wenn es um ihren Verein geht, pendeln zu viele im 96-Umfeld immer wieder zwischen gnadenloser Selbstüberschätzung und grenzenlosem Fatalismus.

Umso deutlicher wird diese Einschätzung bei Brugginks Ausgleich nur zwei Minuten nach dem Rückstand. Hatte vorher in N19 noch einer geflucht, wie »verdammt langsam« der Niederländer ist, schrie er jetzt sämtliche Superlativen zum technisch einwandfrei erzielten 1:1 heraus. Sicher ein auch in anderen Stadien oft beobachtetes Phänomen, für Hannover 96 jedoch extrem prägnant. Bezeichnend für das Spiel gegen die seit Monaten sieglosen Ostwestfalen war, dass die rechte Abwehrseite zeitweise völlig vernachlässigt wurde. Durch manch einen Cherundolo-Fauxpas in der Vorwärtsbewegung gelang es den Arminen gerade zu Beginn immer wieder, über diese Seite gefährliche Konter zu fahren. Einen dieser Tempogegenstöße nutzte schließlich Christian Eigler zur verdienten Pausenführung. Ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert begleitete die Hecking-Elf in die Kabine.

Mit Jiri Stajner und Bastian Schulz für Sergio Pinto und Altin Lala kam Anfang der zweiten Halbzeit etwas mehr Leben ins Offensivspiel. Die vielen kleinen und großen Abwehrpatzer aus den ersten 45 Minuten verringerten sich nach dem Seitenwechsel. Dennoch blieben zahlreiche Aktionen fahrig und mancher Pass geradezu ängstlich. Es hakte merklich im Spiel nach vorn. Nichtsdestotrotz gelang Stajner der erneute Ausgleich. Die »Roten« waren fortan am Drücker, hatten wie schon in der ersten Halbzeit durch Balitsch und Bruggink sehr gute Torgelegenheiten. Die letzte versemmelte jedoch schließlich Gaetan Krebs in der Nachspielzeit.

Man kann trefflich darüber diskutieren, was der Mannschaft von Trainer Dieter Hecking momentan fehlt: das Selbstvertrauen, die Leichtigkeit, die Aggressivität oder die Summe aus allem? Fakt ist, dass sich in der aktuellen Schwächephase niemand im Team findet, der seine Nebenleute gerade in solch einem Spiel mitreißt. Offensichtlich hat jeder potentielle Führungsspieler – ob Ismael, Balitsch, Bruggink oder Hanke – genug mit sich selbst zu tun. So wie in der Hinrunde ein Rädchen ins andere griff, ist nun ordentlich Sand im Getriebe. Es gab Zeiten, da hat ein Altin Lala schlichtweg akzeptiert, dass der ambitionierte Offensivpass seine Sache nicht ist. Ebenso wenig klappte das Zusammenspiel in der Verteidigung. Die Tatsachen, dass Darek Zuraw seit langem wieder ein Spiel von Beginn an bestritt und Christian Schulz auf der eher ungeliebten Position des linken Verteidigers »Tanne« Tarnat vertreten musste, lassen sich erklärend hinzufügen. Dass die Viererkette insbesondere bis zur Pause auf Hühnerhaufen-Niveau agierte, stimmt eher sorgenvoll. So hatte Robert Enke erneut manch einen Lapsus seiner Vorderleute auszubügeln. Apropos Enke: Wenn sich der negative Trend zum Ende der Saison fortsetzt, wird ihm diese Abwehr die EM kosten.

Gegen einen anderen Gegner wären die »Roten« wahrscheinlich mit leeren Händen vom Platz gegangen. »Arminia brauchte doch eigentlich dringend einen Dreier«, rechnete an eingangs beschriebener Stelle verwundert ein anderer Wartender, während man dem ersehnten Porzellan inzwischen etwas näher gekommen ist. Nur gut, dass die Mannschaft von Coach Frontzeck offenbar nicht zu mehr imstande war, als lediglich einen Punkt mit auf die A 2 zu nehmen. Sonst hätten wohl ein paar realitätsfreie Sportfreunde im Stadion noch gegen Dieter Hecking geschrieen. Nichts ist unmöglich – Hannover.