90 Minuten mit Schwedens WM-Hoffnung Marcus Berg

»Ein wenig Karel Poborsky, ein wenig John McEnroe«

Nun, acht Jahre später, betritt Berg zum ersten Mal in seiner Karriere WM-Rasen. Sein Turnierdebüt ist auch Schwedens erste Teilnahme seit 2006. Es sind noch zwei Minuten bis zum Anpfiff im Nischni-Nowgorod-Stadion, und Berg hüpft ein wenig auf und ab, bei der Hymne legt er die Arme nach hinten. »Jag hälsar Dig, vänaste land uppå jord. Din sol, Din himmel, Dina ängder gröna.« (Ich grüße dich, lieblichstes Land der Erde. Deine Sonne, deinen Himmel, deine grünen Wiesen.)

Zlatans Erbe

Im August wird Berg 32 Jahre, ein Profifußballer gilt damit als alter Mann. In der Ära Ibrahimovic war er der zweite Stürmer in der Nationalelf, beinahe so etwas wie ein Wasserträger in der Offensive. Gelegentlich traf er, aber häufiger schuf er Räume für den König. So ging das bis zur EM 2016, bis zum Rücktritt von Ibrahimovic.

Seitdem ist Berg der Mann, der die Tore macht. Eine echte Nummer neun. In der WM-Qualifikation war er der erfolgreichste Torschütze der Schweden (acht Tore in neun Spielen). Gegen die Niederlande lupfte er den Ball aus 17 Metern über Torhüter Jeroen Zoet ins Netz. Bisschen Karel Poborsky bei der EM 1996, bisschen John McEnroe, der einen Rückhand-Lob schlägt.

»Glauben Sie wirklich, das würde helfen?«

Das Spiel läuft. In der zwölften Minute die erste echte Ballberührung im Strafraum, Annahme, kurze Drehung, Berg könnte schießen, aber er sucht vergeblich einen Mitspieler. Wo ist Emil Forsberg? Wo ist Ola Toivonen? Wo, verdammt noch mal, ist Zlatan?

Tatsächlich ist er als Tourist zur WM gefahren. Und er präsentiert sich in Topform. Jeden Tag ein neuer Spruch. »Schweden hat jetzt weniger Druck, weil ich nicht dabei bin«, sagte er vor wenigen Tagen. »Wenn ich dabei wäre, wäre die Erwartungshaltung, dass wir alles gewinnen.« Ein Journalist fragte Schwedens Teammanager Lars Richt daraufhin, ob er Ibrahimovic darum bitten werde, ruhiger zu sein. Richt antwortete: »Glauben Sie wirklich, das würde helfen?«