90 Minuten mit Mesut Özil

Das Teilzeit-Genie

Gegen den FC Bayern fiel Arsenals Mesut Özil zurück in alte Lethargie. Was hätte aus ihm werden können, wenn er ein bisschen mehr wäre wie Thomas Müller?

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Es sind Szenen wie diese, die viel über den Charakter eines Spielers verraten. Und die es einem schwer machen, einem begnadeten Fußballer die ihm eigentlich zustehende Bewunderung entgegenzubringen.
 
In jener 89. Minute trabt Mesut Özil durch den Münchner Strafraum, resigniert, mit hängenden Kopf und Schultern, ohne am Spiel noch ernsthaft teilnehmen zu wollen und sich um den Pass des Mitspielers im Rücken zu kümmern. Die daraus resultierende Balleroberung des Gegners schließt Sekunden später Thomas Müller zum 5:1 ab – angetrieben von der ihm eigenen Gier nach Toren, nach Erfolgen und einer dabei nicht verlorengegangenen Leichtigkeit des Seins.

Mit messerscharfen Zuspielen den Gegner zerlegen
 
Es liegt außerhalb menschlicher Vorstellungskraft, was aus diesem Mesut Özil hätte werden können, wenn dessen Körper vom Müllerschen Geist beseelt wäre – weit mehr jedenfalls als ein Teilzeit-Genius, der an guten Tagen mit seinen messerscharfen Zuspielen gegnerische Abwehrreihen zerlegt und an schlechten den Unmut der Fans und die beißende Kritik der Journalisten auf sich zieht.
 
Dabei hatte es gerade den Anschein, als hätte Mesut Özils Spiel an der oft bemängelten Konstanz gewonnen. Der 27-Jährige entwickelte sich gar zur Symbolfigur für einen wiedererstarkten FC Arsenal, dem ernsthaft zugetraut wird, erstmals seit 2004 wieder den englischen Meistertitel zu gewinnen. Punktgleich mit Manchester City liegen die Gunners an der Spitze der Premier League, auch dank des Zuspielkönigs Özil. Neun Assists in elf Ligaspielen – das wird europaweit nur von Bayern-Star Douglas Costa getoppt.

Seit 2008 hat Özil 93 Erstliga-Tore vorbereitet

Was oft vergessen wird: Schon länger sprechen die Zahlen eigentlich für Özil. Seit 2008 hat der schüchterne Spielmacher 93 Erstliga-Tore vorbereitet. Nur ein gewisser Lionel Messi übertrifft den Deutschen in den fünf großen europäischen Ligen mit 98 Assists. Tatsächlich bleiben aber Özils blutleere Auftritte – offenbar vor allem gegen große Mannschaften – bei vielen stärker in Erinnerung.
 
Als aber der gebürtige Gelsenkirchener, den Arsène Wenger 2013 für 50 Millionen Euro zu Arsenal geholt hatte, zuletzt auch noch gegen Manchester United und im Champions-League-Heimspiel gegen den FC Bayern glänzte, dachte man, die Zeiten seien vorbei, in denen Özil in wichtigen Spielen einfach abtauche. Manch englischer Kommentator scherzte allerdings, man habe Özil nur nicht gesagt, dass die Partien gegen ManUnited und im Emirates gegen die Bayern sehr wichtig seien.