90 Minuten mit Lutz Wagner

Nach der verlorenen Zeit

Lutz Wagner pfiff das Derby zwischen Dortmund und Schalke nach exakt 90 Minuten ab. Damit nahm er dem BVB absichtlich die Möglichkeit, die Partie in der Nachspielzeit zu gewinnen. Zurecht, sagt das Regelwerk. 90 Minuten mit Lutz Wagnerimago images
In Dortmund liefen bereits die Schlussminuten im 132. Derby gegen Schalke 04. Die Gelben hatten soeben ausgeglichen, gleich drei Tore aufholen können, und witterten nun sogar die Chance auf den späten Siegtreffer gegen die neun verbliebenen Blauen. Irgendwie musste doch noch einer reingehen, dachten sie auf der Tribüne. Die Blicke der Gelbgeschminkten pendelten zwischen Spielfeld und Stadionuhr. Hin und her. Im Kopf spulten sich bereits die Szenen ab, die eine laaange Nachspielzeit garantieren würden. Es mussten mindestens drei Minuten sein, wenn nicht sogar fünf. Das würde reichen für den Sieg gegen Schalke, da waren sich die Gelben sicher.

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Die Stadionuhr sprang schließlich auf die 90. Minute, und Schiedsrichter Lutz Wagner beendete die Partie. Schluss. Aus. Vorbei. Die Geschminkten konnten es nicht glauben. Die gelben Köpfe schwollen rot an, Rufe nach Gerechtigkeit wurden laut, Becher flogen durch die Luft. Ihr augenblickliches Feindbild Lutz Wagner suchte unterdessen das Weite, verschwand schnell in seiner Kabine und wollte von alledem nichts wissen.

Es war nicht der Tag des Lutz Wagners gewesen. Er hätte dieses Spiel wohl gar nicht erst angepfiffen, hätte er gewusst, dass zwei Fehlentscheidungen zu Dortmunder Toren führen würden. Vor dem Anschlusstreffer zum 2:3 übersah Wagner die Abseitsstellung von Frei, vor dem Ausgleichstreffer sah er dann ein elfmeterwürdiges Handspiel von Krstajic, das keines war. Es war also nicht die fehlende Nachspielzeit, die ihm Bauchschmerzen bereiten würde. Nein. Im Gegenteil. Der pünktliche Abpfiff war wohl seine einzige Möglichkeit gewesen, das Übel noch in Grenzen zu halten. Denn zu diesem Zeitpunkt wusste Wagner natürlich genau, dass er es war, der den Dortmunder einen Punkt bescherte. Was wäre also erst passiert, wenn es in einer möglichen Nachspielzeit gar eine Niederlage für die Schalker gegeben hätte?

Glück und Pech in einer Person

Der Schlusspfiff, der das ganze Ruhrgebiet in ein Aufruhrgebiet versetzte, lag allein im Ermessensspielraum des Schiedsrichters Lutz Wagner - und war an diesem Nachmittag deswegen noch sein bester Pfiff gewesen. Auch Eugen Strigel, stellvertretender Vorsitzender des DFB-Schiedsrichter-Ausschuss, sieht in diesem Punkt keinen weiteren Diskussionsbedarf: »Wir werden dieses Spiel bei dem nächsten Stützpunkt in epischer Breite aufarbeiten, aber über die Nachspielzeit werde ich nicht viele Worte verlieren.« Nur die »verlorene Zeit«, etwa bei einer längeren Spielunterbrechung wegen einer schweren Verletzung oder wegen eines Gewitters, muss ein Schiedsrichter nachspielen lassen, »vergeudete Zeit« hingegen kann er nach eigenem Empfinden nachspielen lassen. »Angenommen, Mannschaft A vergeudet laufend Zeit und Mannschaft B gelingt in der 90. Minute trotzdem noch das 1:0, dann wäre der Schiedsrichter der Dümmste, wenn er nachspielen lassen würde, so dass Mannschaft A, die vorher laufend Zeit verzögert hat, noch den Ausgleich schießen könnte. Die hätten dann eben Pech gehabt«, zeigt Lehrwart Strigel den Ermessensspielraum eines Schiedsrichters auf.

Die Schreie der Gelbgeschminkten sind mittlerweile verstummt. Sie haben das Glück erkannt, dass ihnen in Person von Lutz Wagner tatsächlich begegnete. Es sind nun die Blaugeschminkten, die böse sind. Denn vielmehr ihnen ist an diesem Nachmittag das Pech begegnet. In Person von Lutz Wagner.