79 Minuten mit Bastian Schweinsteiger

Vergangene Gegenwart

Bastian Schweinsteiger beginnt das Spiel als starker Anführer. Dann bekommt der gute Eindruck auf einmal schweren Schaden. Das Halbfinale könnte sein letztes Länderspiel gewesen sein.

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Ist am Donnerstag in Marseille eine große Karriere zu Ende gegangen?

Um kurz nach halb elf winkt der Bundestrainer seinen Kapitän zur Seitenlinie. Frankreich führt 2:0, Bastian Schweinsteiger ist daran nicht ganz unbeteiligt gewesen, und jetzt muss er gehen. Eine Viertelstunde vor dem Ende seines 120. Länderspiels, es könnte sein letztes gewesen sein. Schweinsteiger klatscht Joachim Löw ab, versucht die Andeutung eines Winkens und setzt sich auf die Bank. Aus und vorbei.

Auf zur verflixten 13!

Dabei geht es ganz gut los in dieser Nacht von Marseille. Also, bevor es richtig losgeht, denn Schweinsteiger gewinnt die Seitenwahl gegen  den französischen Kapitän Hugo Lloris. Das fügt sich schön in die aufgeladene Symbolik dieses Halbfinales, denn die deutsche Mannschaft hat die zwölf Pflichtspiele gewonnen, wenn Schweinsteiger in der Startelf stand. Auf zur verflixten 13!

Drückend steht die Luft nach einem heißen Sommertag im Stade de Vélodrome. Schweinsteiger muss schon nach ein paar Sekunden in ein erstes Kopfballduell mit Olivier Giroud, es findet keinen eindeutigen Sieger. Als er das nächste Mal mit dem Kopf eingreift, entsteht daraus der erste gefährliche Angriff der Franzosen. Der Ball fällt vor die Füße von Antoine Griezmann, der leitet weiter auf Dimitri Payet, nach dessen Dribbling Emre Can gerade noch so zur Ecke klären kann.

Schweinsteigers Aufstellung war nicht ganz unumstritten. Er hat in dieser Saison ganze 18 Spiele für Manchester United gemacht, das letzte  Mitte März. Wie sehr ihm die Matchpraxis fehlt, war schon im Viertelfinale gegen Italien zu sehen, als er früh für Sami Khedira ins Spiel kam, viel mit seiner Routine abwickelte, aber doch weit weg war vom strategischen Geschick seiner besten Tage.

Eine Art Libero vor der Innenverteidigung

Gegen Frankreich steht Schweinsteiger sehr tief, weit hinter seinem Passmann Can, mit dem er nicht, wie zuvor vermutet, eine Doppel-Sechs bildet. Der Kapitän macht den Job in der defensiven Zentrale allein. Als eine Art Libero vor der Innenverteidigung versucht er das zu Beginn vogelwilde Spiel der deutschen Mannschaft zu beruhigen.

Schweinsteiger hat viele Ballkontakte, immer wieder suchen ihn die Kollegen, und wer weiß schon, ob sie damit ihn beruhigen wollen oder sich selbst.

Die intensive Teilhabe am Spiel tut Schweinsteiger gut. Er findet seinen Rhythmus und mit ihm auch die gesamte Mannschaft. Selten sucht er die Konfrontation mit Paul Pogba, dem französischen Antreiber, der die zentrale Position im Mittelfeld sehr viel stürmischer interpretiert.

Schweinsteiger arbeitet aufmerksam in der Defensive

Aber Pogba ist auch erst 23, acht Jahre jünger als Schweinsteiger. Es ist sein 38. Spiel bei einem großen Turnier, so viele hat kein anderer deutscher Nationalspieler. Erfahrung gleich vieles aus. Schweinsteiger läuft nicht mehr so viel wie früher, aber er läuft klug. Und er beschränkt sich nicht nur auf seine Rolle als Anspiel- und Verteilerstation, sondern arbeitet auch aufmerksam in der Defensive.

Gleich zweimal trennt er in Höhe der Mittellinie den Wirbelwind Griezmann vom Ball, da raunt auch das französische Publikum anerkennend.