365 Tage Jürgen Klopp in Liverpool

Voll normal

Heute vor einem Jahr verpflichtete der FC Liverpool Jürgen Klopp. Rückblick auf den ganz normalen Wahnsinn.

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Was für eine sagenhafte Untertreibung. Zur ersten Pressekonferenz war die halbe englische Medienlandschaft aufgelaufen. Volles Haus an der Anfield Road, mal wieder. Vorne auf der Bühne saß der Neue, ein großer blonder Deutscher aus Stuttgart mit falschem Haar und echtem Grinsen. Jürgen Klopp, 48 Jahre alt, Trainer. Und was für einer. Hinter all den etablierten Kings um José Mourinho, Carlo Ancelotti und Pep Guardiola vielleicht der Kronprinz unter den Übungsleitern. Jürgen Klopp, der Borussia Dortmund in den fünf Jahren zuvor zu zwei Meisterschaften, einem Pokalsieg und 2013 gar ins Endspiel um die Champions League geführt hatte. Nicht irgendwie. Sondern mit Fußball, der so spektakulär war, das jeder Fan der Welt darauf neidisch war.

Und dieser Mann saß jetzt vorne auf dem Podium, griente in die Kameras und machte einen großartigen Scherz.

»The Normal One«



»I am«, sagte Klopp und die Journalisten lehnten sich erwartungsvoll nach vorne, »the Normal One!« Die Pressemeute lachte sich schlapp. Weil der Neuling da vorne alle Erwartungen bestätigt hatte. Mit nur einem Satz, der gleich auf verschiedene Ebenen die Hoffnungen nährte, die sie an der Anfield Road aufgebaut hatten, seit der Bekanntgabe seiner Amtsübernahme. Erstens: ein kleiner, aber feiner Seitenhieb auf José Mourinho, der den stolzen Liverpoolern in den Jahren zuvor schon so viele Titel geklaut hatte. Mit einem Fußball, auf den nur stolz sein konnte, wer sich ausschließlich am Anblick von neuen Silberlinge in der Vereinsvitrine erfreut.

Normaler Wahnsinn

Zweitens: ein Zeichen dafür, dass dieser Klopp vielleicht wirklich zum großen LFC passen könnte, diesem weltberühmten Verein, der zwar schon 18 Mal englischer Meister war, aber das letzte Mal eben 1990, also in der Steinzeit. Liverpool, Stolz der Malocherstadt, wo ein kerniger Mittelfeldarbeiter wie Steven Gerrard auch deshalb zur Ikone wurde, weil er für seinen Verein zur Not auch in eine Kreissäge gegrätscht wäre. Auch er: ein ganz normaler Typ mit ganz spezieller Leidenschaft. Und drittens: der Wunsch nach einem echten Frontmann ohne Starallüren, aber mit Charisma bis nach Portsmouth.

Liverpool, der Klub mit der globalen Strahlkraft, mit Fans, die seit Jahrzehnten für ihre Hingabe und ihren Charme bewundert werden, einem Stadion, so legendär englisch wie Fish&Chips oder die Beatles – und Fußball, der zu Bestzeiten gegnerische Mannschaften überflutete, verschüttete, lawinengleich über den Rasen rollte.

Gar nichts an diesem Klub ist normal. Aber wehe, einer hebt hier ab. Liverpool, das ist im Idealfall ganz normaler Wahnsinn. Verständlich, dass einer wie Jürgen Klopp hier leichtes Spiel hatte, die Herzen im Sturm zu erobern.