20 Jahre nach dem Schock: Die 102 Sekunden von Barcelona

»Hauptsache, die Familie ist gesund.«

22:46:17 Uhr Günther Jauch erwartet seinen Experten Franz Beckenbauer. »Erst kurz nach dem Abpfiff kam er zurück ins Studio«, so der RTL-Moderator. »Und da war es gefährlich: Er war ganz ruhig, an der Grenze zur Abwesenheit. Sonst hat er sich schon über verunglückte Dribblings aufgeregt. Diesmal war es anders. Man hat gesehen, wie diese Niederlage in ihm gearbeitet hat. Er wusste zwar, dass im Fußball alles möglich ist. Aber das 1 : 2 ging gegen seine Überzeugung, wie souverän ein FC Bayern die letzten Minuten eines Finales zu bestreiten habe. Er war geschockt.« Auch Jauch bleibt angesichts der Ereignisse die Spucke weg. »Oh, Gott«, denkt er. »Jetzt sollst du noch 90 Minuten analysieren, diskutieren, Ausschnitte anschauen.« Die gewohnte Dramaturgie ist hinfällig. »Wir können doch nicht«, so Jauch, »mit dem armen Beckenbauer einen Einwurf aus der 52. Minute besprechen.«
 


22:51:22 Uhr Mario Basler sitzt in der Kabine und denkt: »Hauptsache, die Familie ist gesund.« Um ihn herum der komplette Bayern-Kader, die medizinische Abteilung, der Trainerstab. Die Umkleiden im Camp Nou sind die wohl opulentesten im internationalen Fußball. In diesem Moment könnte man hier eine Stecknadel fallen hören. Zwei Dutzend Menschen auf 100 Quadratmetern – keiner spricht ein Wort oder traut sich, unter die Dusche zu gehen. Karl-Heinz Rummenigge steht vor einer Bank und hält sich mit einer Hand an einem Kleiderhaken fest. Ottmar Hitzfeld blickt auf den Boden und schüttelt seit einer Ewigkeit wie ein Wackeldackel den Kopf.



22:52:01 Uhr Stefan Effenberg und Bernd Dreher sitzen mit Physiotherapeut »Atze« Gebhardt und zwei UEFA-Offiziellen im Dopingraum. Nichts geht mehr, noch nicht mal die niedersten Bedürfnisse. Die Worte, die gewechselt werden, haben nur einen Tenor: »unfassbar«. Die englischen Dopingprobanden fehlen noch. Die nehmen wohl noch einen feierlichen Schluck in der Umkleide. Dreher und Effenberg bleiben bei Mineralwasser. Wie das so ist: Wenn man muss, dann darf man nicht, und wenn man soll, dann kann man nicht.



23:00:12 Uhr In der Kabine der Bayern herrscht nach wie vor Grabesstimmung. Nichts als totale Leere und wortlose Lähmung. Per Blickkontakt gibt Markus Hörwick Trainer Hitzfeld ein Zeichen. Die leidige Pflicht der Pressekonferenz wartet. 



Die Matchwinner müssen zum Dopingtest



23:06:18 Uhr Geht da was? Stefan Effenberg hat inzwischen die dritte Flasche Wasser intus. Plötzlich geht scheppernd die Tür. Die United-Abordnung trudelt bester Laune zur Dopingprobe ein. Von der UEFA zum Urintest bestellt wurden…Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjær, die Matchwinner. Beide sichtbar euphorisiert – nicht nur vom glücklichen Verlauf des Spiels, sondern offenkundig auch vom Alkohol, der in der Kabine von United, dem Geruch nach zu urteilen, schon reichlich geflossen sein muss. Bernd Dreher erkennt, dass sich sein Kollege Stefan Effenberg für eine Hundertstelsekunde feindselig versteift. Dann murmelt er unbeholfen: »Congratulations …« Sheringham und Solskjær verrichten die Notdurft mit jener Präzision wie zuvor ihren Joker-Job nach der Einwechslung – und sind weg. 



23:17:22 Uhr Die Spieler des FC Bayern steigen in den Bus. Der Busfahrer schiebt die Kartons mit den unbenutzten Siegerkappen in eine Luke im Bauch des Fahrzeugs. Jens Jeremies ist einer der ersten, der die Sprache wiederfindet. Er sagt: »Lasst uns heute einen draufmachen. Man darf eine Feier nicht nur von Sieg oder Niederlage abhängig machen.« Oliver Kahn sitzt im Bus, den Blick noch immer ins Leere gerichtet. »Es war die Mutter aller Niederlagen. Erst durch sie konnte ich jede Enttäuschung, die danach in mein Leben trat, fast mit einem Lächeln ertragen.«



23:18:09 Uhr Effenberg und Dreher warten immer noch, dass sich Harndrang einstellt. Der blonde Mittelfeldmotor ext eine weitere Wasserflasche. Plötzlich springt er auf und läuft hastig auf die Toilette. Dreher blickt dem Kollegen neidisch hinterher. Als er wiederkommt, bedeutet ihm Effe, dass es mit dem Wasserlassen noch immer nichts geworden ist. Falsche Richtung! Effenberg: »Nach dem Spiel war ich so leer und ausgepowert. Dann konnte ich nicht, habe in einer Tour Wasser in mich reingeschüttet, dazu die Verarbeitung des Spiels. Klar, dass die Flüssigkeit irgendwann oben rauskam, weil es unten nicht klappte.« Die beiden Profis entscheiden, noch einen Entspannungsspaziergang durch das Stadion zu unternehmen. Auf dem Rasen treffen die beiden Moderator Günther Jauch, der mit seinem Team die letzten Vorbereitungen zur Abreise trifft. Gemeinsam schlendern sie noch eine halbe Stunde durch das leere Camp Nou. 



Beckenbauer wirkt beinah durchsichtig



00:49:11 Uhr In Barcelona ist es still. Der Spielverlauf hat den Mob betäubt. Versprengt sitzen die Fans in den Kneipen und starren in ihr Bier. Die Briten feiern – pietätvoll moderat. Im Festsaal des Hotels »Barceló Sants« klimpert das Geschirr. Bayern-Koch Alfons Schuhbeck hat noch Weißwürste aufgefahren. Die Schampuskorken knallen nicht, sie ploppen nur. Die Band hat alle Hits auf Lager, die eine Siegsfeier braucht. Doch was soll sie nun spielen, vor all diesen deprimierten Kämpfern? Wo sind die Noten von »I will survive«? Der Keyboarder blättert, er kommt sich blöd vor mit seiner Phantasiefliege um den Hals, weiß nicht so recht, wohin mit sich. Da ergreift Bayern-Präsident Franz Beckenbauer das Mikrofon. Er wirkt blass, beinah durchsichtig, eine Hand steckt in der Hosentasche, nervös läuft er vor der Band auf und ab. Er muss etwas sagen. Aber was? Dann hebt er an: »Heute hat uns die ganze Grausamkeit getroffen.« Er stockt, will sich die Brille abnehmen. »Aber es ist und bleibt ein Spiel«, fährt er fort. »Wir haben keinen Krieg verloren, wir haben nicht das Leben verloren.« Freundlicher Applaus brandet auf. Der Keyboarder nickt zustimmend.



01:11:55 Uhr Die Nacht versprengt allmählich ihre Protagonisten. Die drei Bayern-Torhüter sind längst verschwunden: Sven Scheurer, etatmäßige Nummer 2, die im Abschlusstraining von Bernd Dreher aus dem Kader verdrängt wurde, hat sich sauer aufs Zimmer verdrückt, weil er das Endspiel von der Tribüne aus sehen musste. Oliver Kahn lässt sich von seiner mitgereisten Frau trösten, Dreher sitzt allein in einer Ecke der Hotelbar und trinkt traurig Weißbier. Auch Michael Tarnat geht, noch lange bevor die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht, auf sein Zimmer, legt sich ins Bett, zieht sich die Decke über den Kopf und fragt: »Warum?«



01:31:45 Uhr Das Bankett mündet in eine Party. Ottmar Hitzfeld und Michael Henke sitzen bei einem Glas Wein in der Lobby und diskutieren mit BVB-Manager Michael Meier, der extra zum Finale angereist ist, die Ereignisse. Thomas Linke schlürft mit Bayerns Edelfan Boris Becker und dessen Frau Barbara ein Pils. Jens Jeremies, Alexander Zickler, Markus Babbel und Mario Basler starten derweil durch. Markus Hörwick, dessen Familie mit nach Barcelona gereist ist, hat noch kein Wort mit seiner Frau gewechselt. Es geht um Schadensbegrenzung in der Außendarstellung. »Wir hatten Angst, dass einige Spieler ausflippen könnten.« Aber es bleibt ruhig. 



Der Frust wird im Alkohol ertränkt und schlägt um in eine seltsame Euphorie – eine Feier, die Alexander Zickler bis heute als »meine beste Party beim FC Bayern« bezeichnet. Auf den Trümmern von Barcelona entsteht in diesem Moment ein noch stärkerer Zusammenhalt im Team. Stefan Effenberg wird sagen: »Die Niederlage im Finale in Barcelona hat die Truppe zusammengeschweißt – und auch das Selbstbewusstsein vieler Spieler gestärkt. Ich weiß nicht, ob Leute wie Zickler oder Linke im Elfmeterschießen im Finale 2001 angetreten wären – und getroffen hätten –, wenn sie die Erfahrung von 1999 nicht gemacht hätten.« 
 


Matthäus und Basler tanzen auf den Tischen



03:46:22 Uhr »Baby One More Time«, der aktuelle Hit von Britney Spears, geht über in Lou Begas »Mambo No. 5«. Lothar Matthäus und Mario Basler stehen auf den Tischen und grölen mit. Vor ihnen am Boden steht ein Chor aus den euphorisierten Profis Markus Babbel, Jens Jeremies und Alexander Zickler. Die sind friedlich, denkt sich Markus Hörwick, und erst jetzt spürt er, wie groß sein Hunger ist. Seit dem Nachmittagskaffee hat er nichts mehr zu sich genommen. Vielleicht gibt es irgendwo noch einen Imbiss. Hörwick geht auf die Straße vor dem Hotel. Er saugt die kühle Luft ein. Zwei Ecken entfernt erkennt der PR-Mann einen Würstchenstand, um den sich die Reste der Nacht scharen. Dort bestellt er ein Dosenbier mit Wurst. Er lauscht zwei Clochards, die sich auf Spanisch über irgendeine Belanglosigkeit streiten. Gegenüber lädt ein Bote einen Stapel Zeitungen vor einem Tabakladen ab. Ist das schon der neue Morgen da zwischen den Häuserfassaden?



03:59:12 Uhr Stefan Effenberg verabschiedet sich an seiner Zimmertür von Carsten Jancker und dem Chef der Adidas-Fußballabteilung, Alfred Eyrich. Zu dritt haben sie seit Stunden auf dem Zimmer des Spielmachers nach Erklärungen gesucht. Dass unten die Kollegen auf den Tischen tanzen und so ihren Frust kompensieren, will ihm nicht in den Kopf. Aber eine nüchterne Erklärung für eine solche Niederlage kann es auch nicht geben. In diesem Moment treibt Effenberg nur ein Gedanke um: »Ich will Revanche! Diese Niederlage gab mir den Kick zu sagen: Ich will noch einmal dahin, wo ich heute war – und gewinnen!«



12:10:59 Uhr Zwei Bayern-Fahnen klemmen am Cockpit der Lufthansa-Maschine, die die Gesandtschaft zurück nach München bringt. Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge meint wohl nicht den Flug, als er in den Mikrofonwald spricht: »Wir sind vom Himmel in die Hölle gestürzt.« Ottmar Hitzfeld versucht abzuwiegeln, durch die Schärfe seiner Worte erreicht er jedoch bei vielen das Gegenteil: »Kosovo! Hungersnot in Afrika! Es gibt so viel Leid auf der Welt. Es war doch nur ein Spiel.« Wenigstens hat der Kaiser sein Lächeln am Flughafen »Franz-Josef Strauß« wiedergefunden: »Vergessen kann man des net«, jovialisiert er. »Es sei denn, man hat Alzheimer. Des wär‘ vielleicht net schlecht.« Die Journalisten lachen dienstfertig. In ihrem Rücken stehen zwei Kinder mit einem selbst bemalten Pappschild. »Kopf hoch, FC Bayern!«, steht darauf.



2001 gelingt die Revanche



3. April 2001, Manchester, 20:31:08 Uhr Sir Alex Ferguson, nach dem Triumph von Barcelona von der Queen zum Ritter geschlagen, dreht einen Korkenzieher in eine Flasche französischen Rotwein. In der Sitzecke seines Büros in »Old Trafford« hat Ottmar Hitzfeld Platz genommen. Es geht zu wie bei alten Freunden, die sich anlässlich ihres Wiedersehens endlich mal wieder einen edlen Tropfen genehmigen können. In gut 15 Minuten wird der spanische Schiedsrichter Antonio Jesus Lopez Nieto das Viertelfinal-Hinspiel der Champions League zwischen United und dem FC Bayern anpfeifen. Mal wieder. Doch es hat sich etwas verändert.



102 Sekunden in Barcelona haben aus Hitzfeld und Ferguson Freunde gemacht. Zwei herausragende Strategen, die eine Laune der Geschichte auf immer miteinander verbunden hat. Beim FC Bayern werden heute zehn Spieler auflaufen, die schon 1999 zum Kader gehörten – und Manchester United mit 1 : 0 besiegen. Der Auftakt zu einem triumphalen Saisonfinale: Gut sechs Wochen später wird der FC Bayern in Mailand den FC Valencia im Elfmeterschießen mit 5 : 4 niederringen – und Champions-League-Sieger sein. Das späte Happy End für das Drama in Katalonien. 25 Jahre nach dem letzten Gewinn des Landesmeisterpokals in Glasgow gegen AS St. Étienne. Ein Segen, wie Alexander Zickler weiß: »Denn hätten wir in Mailand nicht gewonnen, hätte der Olli noch bis 50 spielen müssen, um Barcelona zu vergessen.«

Der Text erschien erstmals in der 11FREUNDE-Ausgabe #90.