1992: Als Werder Bremen den Europapokal gewann

Sieg der Glatzen

6. Mai 1992 – kurz nach der Siegerehrung
In der Kabine droht die gute Stimmung umzukippen. Grund: Manager Willi Lemke hat es versäumt, entsprechende Alkoholvorräte einzukaufen. Eine Entscheidung mit Kalkül: Schon einmal hatte der Manager vor einem möglichen Titelgewinn die Kühlschränke mit Jubelsekt bestückt: 1986, im legendären Meisterschaftsfinale gegen den FC Bayern. Michael Kutzop und der Pfosten verhinderten damals die große Party. Aus Aberglaube hat Lemke diesmal also auf Alkohol verzichtet. Die Laune der Spieler hebt sich erst, als Manni Bockenfeld und Klaus Allofs doch noch ein paar Kisten Bier auftreiben können.
Draußen auf dem Rasen läuft Wynton Rufer noch immer Ehrenrunden mit dem Pokal. Der Abstinenzler genießt den wohl größten Triumph seiner Karriere. Hinter dem Zaun sucht und findet Rufer seinen Vater. Er will seinem alten Herren den silbernen Pokal präsentieren. Was zur Folge hat, das 300 Werderfans plötzlich ebenfalls die Nähe zum Cup suchen. Rufer: »Wenn ich nicht rechtzeitig wieder auf den Rasen gesprintet wäre, hätten die meinen Vater vor lauter Begeisterung wahrscheinlich erdrückt!«

6. Mai 1992 – Nacht
Die offiziellen Feierlichkeiten sind vorbei, zu später Stunde werden die Frauen und Freundinnen in ihr Hotel in der Lissaboner Innenstadt gefahren. Die Fußballer sind jetzt unter sich, die Party kann beginnen. Gemeinsam mit einigen Fans leeren die Spieler die Thekenbestände im Hotel. Wynton Rufer steht im Flur und telefoniert auf Vereinskosten »mit meinen Freunden auf der ganzen Welt«. Selbst Sparfuchs Willi Lemke denkt heute nicht an etwaige Nebenkosten. Rufer: »Das habe ich natürlich ausgenutzt und mir am nächsten Morgen noch einen sündhaft teuren Freizeitmantel aus dem Hotel geklaut.«
Gegen zwei Uhr morgens denkt Uli Borowka plötzlich an die Glatzen-Wette aus dem »Santorini«. Vergeblich versucht er seine Kollegen zur Vollglatze zu überreden. Stattdessen sitzt er bald auf einem Stuhl, umgeben von johlenden Mitspielern, und lässt sich das Haupthaar von Dieter Eilts scheren. Die nötige Nassrasur übernimmt er selbst.
Um fünf Uhr morgens spazieren Thomas Schaaf und Thomas Wolter zum Strand. Schaaf hatte seinen Zimmernachbarn und Kumpel Wolter nach 34 Minuten im Finale ersetzen müssen, ein Muskelfaserriss hatte den Abwehrmann mit der Vokuhila-Frisur vorzeitig ausgebremst. Mit einer Pulle Bier in der Hand hocken die Fußballer im Sand und beobachten den Sonnenaufgang. Wolter: »Wir waren in großer Philosophier-Laune und sprachen über den Sieg, die Zeit danach, neue Ziele – es war schon sehr kitschig.« Währenddessen sitzen Manni Bockenfeld und Klaus Allofs auf ihrem Zimmer am geöffneten Fenster und gönnen sich eine dicke Zigarre. Mit fatalen Folgen. »Die Mischung aus zu viel Alkohol und Zigarre war verheerend«, erinnert sich Klaus Allofs.

9. Mai 1992
Kurz vor der Abreise zum Bundesligaspiel bei Eintracht Frankfurt, treffen sich Uli Borowka, Oliver Reck, Jonny Otten, Günter Herrmann und Manni Bockenfeld bei ihrem Stammfriseur in Bremen. Borowka, mit Fleischmütze, überwacht streng die Einlösung der Wettschuld. Wenig später sehen vier weitere Fußballer aus wie frisch rekrutierte Soldaten. Gegen Frankfurt spielt Werder, sichtlich angeschickert, 2:2. Manni Bockenfeld, der sich morgens noch mit wallendem Haar von seiner Familie verabschiedet hat, sitzt abends gemeinsam mit seinen Mitspielern im »Aktuellen Sportstudio«. »Ich hatte meiner Frau und meinen Kindern nichts von dem Friseurbesuch verraten. Als sie mich mit kurzen Haaren im Fernsehen sahen, rief meine Tochter: ›Das ist Papa! Aber den lassen wir so nicht wieder nach Hause!‹« Am nächsten Morgen ist Familie Bockenfeld wieder komplett, die Töchter haben ihrem Vater die neue Frisur bereits verziehen.

Herbst 1995
Wynton Rufer spielt inzwischen für JEF United Ichihara in der japanischen J-League. Gegner am heutigen Tag ist Nagayo Krampus Eight, der Trainer der Mannschaft heißt Arsene Wenger. 1992 stand er an der Außenlinie beim AS Monaco und musste im Finale von Lissabon miterleben, wie ein 35-jähriger Oldie, der doch eigentlich auf der Bank hätte sitzen sollen, sein Konzept mit einem Tor und einer Vorlage auf den Müllhaufen der Geschichte warf. Kurz vor dem Anpfiff wird Wynton Rufer von hinten angetippt. Arsene Wenger. Der spätere Arsenal-Coach schaut Rufer tief in die Augen. »Ich werde nie vergessen, was er mir damals gesagt hat: ›Wynton, ich schlafe noch immer schlecht wegen Lissabon. Otto hat mich ausgetrickst! Er hat mich einfach ausgetrickst…‹«

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