1989: Daum vs. Hoeneß im Sportstudio

»Donnerstag ist dein Weg zu Ende«

1989 dauerten Schwergewichtskämpfe noch länger als eine Runde. Achtzehn Minuten duellierten sich Uli Hoeneß, Jupp Heynckes, Christoph Daum und Udo Lattek im Sportstudio. Aus gegebenem Anlass: das Protokoll des Showdowns. 1989: Daum vs. Hoeneß im SportstudioYoutube Am 20. Mai treffen im »Aktuellen Sportstudio« der Trainer des 1. FC Köln, Christoph Daum, und »Sportbild«-Kolumnist Udo Lattek auf die Vertreter des 
FC Bayern, Trainer Jupp Heynckes und Manager Uli Hoeneß. Es ist der Höhepunkt eines medialen Duells. In den Wochen zuvor haben sich die Kontrahenten mit erstaunlicher Härte bekriegt. Die Stimmung ist aufgeheizt, kurze Zeit später treffen die Rivalen um die Meisterschale am 31. Spieltag in Köln aufeinander.

Außer dem Moderator Bernd Heller tragen alle Anwesenden dunkle Anzüge oder Pullover. Er sticht mit einem cremefarbenen Zweiteiler hervor. Beide Trainer kombinieren weiße Socken mit schwarzen Slippern und Hochwasserhosen.
Das Requisitenteam des ZDF hat viele kleine Fußbälle über der Talkrunde aufgehängt, die über den Geladenen zu schweben scheinen.
Das Gespräch, das immer wieder von Zwischenrufen und lautem Gejohle aus dem Publikum unterbrochen wird, beginnt.

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Heller:    »Ja, nun sind wir also mittendrin. Vier Wochen sind es noch bis zur Meisterschaftsfeier. 
Und ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass Sie beide, Christoph Daum und Uli Hoeneß, 
in einem Fernsehstudio bei den Kollegen von Bayern3 waren und da haben sie sich gegenseitig zur Meisterschaftsfeier eingeladen. Christoph Daum, Sie waren ja heute am Flughafen, 
haben Sie das Ticket nach München heute schonmal rein vorsorglich gekauft?«

Daum: (unbeeindruckt) »Ja, für den Uli Hoeneß, damit er nach Köln kommen kann.«

Publikum johlt zustimmend, klatscht, pfeift, Hoeneß schmunzelt gequält
Hoeneß: (hält Aufzeichnungen auf Papier in den Händen) »Aber, ich geh’ mal davon aus, 
dass du das Ticket nicht für den 17. Juni gebucht hast, denn da werden wir ein großes Fest 
in München machen!«

Leichtes Raunen in den Zuschauerreihen, vereinzeltes Beifall-Klatschen, die Sympathien sind auf Daums Seite

Heller:     »Aber mal im Ernst gefragt, (erster Zwischenruf an Hoeneß aus dem Publikum, unverständlich) mal im Ernst gefragt Christoph Daum, nun stand das heute ja sehr auf der Kippe, was geht denn in Ihnen in diesem Moment vor: Hannoveraner führen 2:1, drei Minuten vor Schluss.«

Daum:    »Ja ich glaube schon, dass die Dinge, die einen Fußballtrainer – unabhängig jetzt von mir auch, glaube ich, bei anderen Mannschaften – in manchen Situationen bewegen, kaum mit Worten zu beschreiben sind. Das ist ein Gefühlsbad, wo ich glaube, wir noch neue Superlativen entwickeln müssten, um das mal zu verdeutlichen. Also, ich muss auch sagen, dass natürlich heute, in einer solchen Situation, es erstmal kurzfristig zum Herzstillstand kommt. Dann überlegt man sich: ›Was für ’ne Chance hast du jetzt noch?‹ Und eigentlich ist mir das so eigen, dass ich dann mit dem Optimismus und mit dem Enthusiasmus dann nach vorne gehe, ich hab’ gleich noch einen Auswechselspieler mitgebracht, einen neuen Spieler reingebracht, und habe dann versucht, eben, in den letzten sieben Minuten, mit dem entsprechenden Engagement von der Linie aus, noch die Mannschaft mit zu unterstützen. Und ich muss sagen, da hat sie eigentlich wieder das gezeigt, was eigentlich, (verhaspelt sich beinahe) was eigentlich, äh, den 1. FC Köln so interessant jetzt wieder gemacht hat, nämlich: Eine Riesen-Moral dieser Mannschaft. Und ich glaube auch, dass diese Moral ausreicht, um die Bundesliga bis zum letzten Spieltag entsprechend interessant zu halten. Und ich glaube, dass wir uns da noch auf einige Überraschungen gefasst machen können.«






Heller:    »Jupp Heynckes, können Sie das Gefühl, das Christoph Daum in seinem Bauch heute erlebt hat, nachempfinden. Haben Sie das auch schon gehabt?«


Das ZDF blendet einen Splitscreen ein. Links sieht man Daum, rechts daneben den antwortenden Heynckes

Heynckes:    »Ich glaube, dass wir Trainer das Woche für Woche mitmachen, weil … äh … Nicht nur, wenn man jetzt wie wir zwei im Kampf um die Meisterschaft stehen, sondern, ich glaube, dass besonders auch die Trainer betroffen sind, die im Abstiegskampf sich befinden. Das ist genau richtig. Ich erlebe das im Moment ähnlich. Man freut sich, man geht mit der Mannschaft mit. Wir haben heute wieder gesehen, dass man mit einem Auge bei der eigenen Mannschaft sich befindet, also zuschaut. Und mit dem anderen Auge auf die Anzeigetafel, und das weiß ich: Aus Kölner Sicht war es am letzten Wochenende ähnlich so. (Daum schmunzelt) Und ich glaube, dass auch ich der Meinung bin, dass der Kampf sich um die Meisterschaft bis zum letzten Spieltag hinauszieht. Und ich bin auch überzeugt, dass wir das sind, die nach letztendlich (auch er ringt mit der Flut seiner Worte) die Nase vorn, vorne haben.«

Heller:
(zunächst beschwichtigend, dann Fahrt aufnehmend) »Gut. Um bei dem Gefühl zu bleiben: 
Ist das die letzte Gemeinsamkeit zwischen Jupp Heynckes und Christoph Daum? Oder, anders gefragt: Haben Sie sonst noch irgendwelches Verständnis für das, was Christoph Daum in den letzten vier, sechs, sieben Wochen gedacht hat, gesagt hat, hat verlautbaren lassen, 
häufig an ihre Adresse gerichtet?«

Heynckes: (holt tief Luft) »Na, grundweg muss ich da erstmal zu sagen, dass er sich jetzt in der letzten Zeit, sich etwas moderater mir gegenüber verhält. (Wird etwas aktiver, gönnt sich jetzt auch Mimik und Gestik) Was ich ganz stark kritisieren muss, das ist, dass er vor vier, sechs Wochen mich massiv beleidigt hat. Dass er, äh, über die Medien – und das ist etwas, 
was bisher in der Trainerbranche, meines Erachtens, ein Novum darstellt - in der Form, 
wie er mich beleidigt hat, dass das bisher noch nie dagewesen ist. (Daum hört in einer Mischung aus stoischer Ruhe und Spitzbübigkeit ruhig zu) Und ich muss sagen, nicht dass ich darauf empfindlich reagiere, sondern, wenn er, zum Beispiel, wie er es jetzt in der letzten Zeit gemacht hat, die Bundesliga PR-mäßig anheizt, seine Mannschaft nach vorne peitscht; das ist Alles zu akzeptieren. Aber so, wie er mich unterhalb der Gürtellinie getroffen hat, ich glaube, das ist nicht zu akzeptieren und (an Daum gerichtet) das werde ich auch nicht vergessen.«

Zögerlich einsetzender Beifall, der dann noch ordentlich ist. Daum hebt fordernd den Zeigefinger, 
deutet fordernd auf sich selbst.

Heller:    »Moment. (Möchte Hoeneß das Wort erteilen, sieht im Augenwinkel aber Daums wippenden Zeigefinger) Gleich, Uli Hoeneß!«

Daum:    »Ja, ich kann dazu natürlich sagen, dass die Bayern für sich natürlich immer in Anspruch nehmen, so, die Höhe der Gürtellinie zu beurteilen, auch, wie sie einige andere Dinge beurteilen. (Zustimmender Jubel des Publikums, einzelne Lacher, Beifall) Und ich habe eigentlich diese Diskussion schon einmal geführt, mit Uli Hoeneß im Bayrischen Rundfunk. Und wir haben eigentlich dort uns geeinigt, dass die Dinge, die verlautbart worden sind von mir, eigentlich in einem Bereich sind, der durchaus vertretbar ist. Das heißt also, dass die Dinge, die Jupp Heynckes anspricht, für mich gar nicht existent sind. (Heynckes hebt etwas überrascht die Augenbrauen) Denn, ich wiederhole auch gerne die Dinge, die ich gesagt habe, zu denen ich auch stehe. Und ich glaube, man sollte sich jetzt hier in diesem Geschäft nicht irgendwie, sagen wir mal, so dünnhäutig zeigen, dass man eben daraus, nachher, gleich eine Weltanschauung macht. (Heynckes Augenbrauen sind wieder unten) Denn ich glaube, letztendlich, ist in diesem Geschäft es notwendig, (an Heynckes gewandt) dass wir auch, äh, 
in einer gewissen Art und Weise etwas einstecken können.«

Heller:    »Wir wollen es gar nicht auf ein so hohes Niveau bringen, mit Weltanschauung, ich glaube, 
es geht um ganz konkrete Sachen dabei. Es gibt ja Punkte, die sitzen tief. Oder besser gesagt: Es gibt Wunden, die sitzen noch tief, Jupp Heynckes. Oder ich weiß nicht, ob Sie jetzt antworten wollen oder Uli Hoeneß?«

Hoeneß (springt in den Ring) »Ja, ich habe mir doch mal Gedanken gemacht. Das letzte Mal in Bayern3 war ich leider nicht so gut vorbereitet. In der Zwischenzeit hatt’ ich Zeit genug, das mal zu recherchieren. (Hoeneß ist stolz und freut sich, an Daum gewandt) Jetzt les’ ich dir mal bisserl was vor. (Hoeneß in bester Pastor-Manier, die Sünden vortragend) Du hast über Jupp Heynckes gesagt: ›Der könnte auch Werbung für Schlaftabletten machen.‹«

Daum:
(zeigt keine Reue) »Richtig.«

Hoeneß
(lässt sich nicht stoppen) »Du hast über ihn gesagt: ›Wenn einer so dünnhäutig ist, hat er hier nichts zu suchen. Die Wetterkarte ist interessanter als ein Gespräch mit Heynckes.‹«

Daum:    (nickt manisch) »Richtig«


Hoeneß:    »Das ist alles ok. Jetzt aber kommt der entscheidende Punkt.«

Hoeneß wird von Daum und dem Publikum unterbrochen.

Daum:    »Da stehe ich auch zu.«

Publikum klatscht Beifall, einzelne zustimmende Rufe, Daum hustet.

Hoeneß: (versucht der Lage Herr zu werden) »Jetzt kommt der entscheidende Punkt.«

Daum: (bekräftigt, scheint dabei gelassen bis unbeteiligt) »Da stehe ich auch zu. Das sind auch die Dinge, die ich sag, und da steh ich auch zu.«

Hoeneß: (insistiert) »Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: ›Nach dem Sieg über Inter Mailand ging’s ihm mal für ein paar Stunden besser. Da war eine Hirnwindung mehr durchblutet. Im Grunde genommen ist er völlig kaputt. Und jetzt, Moment, … (Daum versucht Hoeneß zu unterbrechen) lass mich bitte ganz ruhig … «

Hoeneß und Daum versuchen sich im Parallel-Reden

Daum:    »Nein, ich kann dich gar nicht aussprechen lassen. Weil, wir haben in Bayern3 genau dieselbe Situation gehabt. Und da hast du schon mal versucht, die Sache zu bringen.«

Hoeneß:    »Du hast in Bayern3, nein, du hast in Bayern3 gesagt, nein, das hast du nicht gesagt.«



Das ZDF schaltet wieder auf Splitscreen: Daum und Heynckes werden gezeigt. Heynckes stiert, die Hände auf 
den Knien gefaltet, ins Nirgendwo.


Hoeneß:    »Ich les dir mal den Brief vor, von dem Redakteur, dem du es gesagt hast. (Splitscreen Ende, Hoeneß ist erkennbar in seinem Element) Das ist der Herr Wolfgang Golz von der ›Welt am Sonntag‹. Der hat mir einen Brief geschrieben und da steht folgendes drin. (Hoeneß zitiert den Zeitungsmann) ›Ich telefonierte am‹, der ist vom 18. April, der Brief, ›am vorvergangenen Mittwochabend mit Herrn Daum. Wir sprachen über seine Rolle in der Bundesliga und über seinen Gegenpart, nämlich Herrn Heynckes. Zuerst fiel die Formulierung, die in der ›Welt am Sonntag‹ als Überschrift stand. Dann aber eben exakt noch das, was im Text zu lesen war. Nämlich die Sache mit der Hirnwindung, und das Herr Heynckes kaputt sei. Beides sind Formulierungen, und da kennen Sie mich selbst gut genug, die ich nicht benutze; es ist vielmehr Herr Daums Duktus. Dass Herr Daum mir Verfälschung und Manipulation nachsagt, ist ungehörig. Ich bin bereit, eine eidesstattliche Versicherung abzugeben. Die Rechtsabteilung des Springer-Verlages ist von mir bereits aufgefordert worden, juristisch gegen Herrn Daum vorzugehen.‹ Das ist es, mein Freund.«

Vorläufiger Höhepunkt des Hoeneßschen Auftritts. Der Manager schlägt zur Untermauerung seiner Thesen auf das Papier und sieht Daum fordern an. Hoeneß legt den Brief neben seinen Sessel und lehnt sich zufrieden zurück. Keine Reaktion des Publikums.

Daum:    »Ja ich mein, es ist schön, dass du dich so vorbereiten musst. Denn ohne die Vorbereitung würdest du wahrscheinlich gar nicht über die Runden kommen.«

Publikum in Extase. Es lacht, schreit, klatscht.

Hoeneß:    »Ich kann mich nur an das halten, was gesagt wurde.«

Heller:    »Gut, er soll Gelegenheit haben, dazu Stellung zu nehmen.«

Hoeneß zuckt billigend die Schultern.

Daum:    »Nein, nein, es ist klar. Es ist mir bekannt, dass dieser Redakteur mit Herrn Hoeneß befreundet ist. Aufgrund dieses Verhältnisses … «

Hoeneß:    »Das stimmt doch gar nicht, das ist ein Lüge.«


Daum:    »Er hat mit mir in Rotterdam darüber gesprochen.«


Hoeneß: (ironisch fragend) »Und der ist mit mir befreundet? Ach so.« (nickt hämisch)

Daum:    »Und er hat mir auch gesagt, dass er entsprechend, wenn der Uli Hoeneß das für irgend’ne Diskussion anfordert, das in dieser Art und Weise darstellen wird. Das war mir auch bekannt, und darum überrascht mich das auch nicht. Ich muss nur sagen, dass alle Dinge, wenn ich mich jetzt so vorbereiten würde wie du, wenn ich diese Dinge bring, die du über Leute, die in der Bundesliga noch tätig sind, wenn ich den Herrn Grashoff sehe, wenn ich den Willi Lemke sehe, was du die diffamiert hast … «

Hoeneß versucht, ihm ins Wort zu fallen, mehrfach: »Dann bring’s doch!«

Daum:
(lässt sich nicht beirren) »… da sind das, was ich hier gesagt habe – sicherlich ist es noch lange nicht so schlimm. Aber, ich will auch noch weitergehen: (Hoeneß beendet seine Zwischenrufe mit einem: »Ja bitte!«, hört dann, die Arme auf seine Knie gestützt, zu) Ich habe zu diesem Journalisten, um das auch nochmal deutlich hier zu machen, gesagt, dass ich angenommen habe, dass nach dem Sieg gegen Inter Mailand, Jupp Heynckes eine größere Souveränität haben sollte. Aber die Souveränität, scheint mir, ist ihm in der letzten Zeit kaputt gegangen. (Daum holt Luft) Das bezog sich einzig und allein auf die Souveränität und nicht auf den Menschen Jupp Heynckes. Und alles andere, was mit Hirnwindungen gemacht worden ist, das hat sich wahrscheinlich der Herr Golz insofern selber zurecht gelegt, 
als auch dir bekannt sein sollte, dass man bei Jupp Heynckes, eine gewisse Äußerung, ich 
will sie jetzt nicht wiederholen, es geht da in eine gewisse Beleuchtungs-Art-und-Weise, 
die man ab und zu benutzt. In dieser Art und Weise ging es um einen durchbluteten Kopf. 
Um mehr gings da überhaupt nicht. Und diese Art … «

Hoeneß steigt wieder ein, hält wieder ein Blatt Papier in der Hand: »Ja, aber jetzt reicht’s ja langsam. 
Jetzt ist doch langsam genug.«

Daum:    »Du drehst das ja nur so um, wie du es jetzt hier im Augenblick brauchst. Diese Sache … «


Hoeneß: (würgt Daum ab) »Wir werden diese eidesstattliche Erklärung erreichen. Das wird Herr Golz machen. Und dann wollen wir doch mal sehen, ob du nicht etwas vorsichtiger sein musst, denn auch für dich gelten in Deutschland Gesetze. Nämlich, wenn man so etwas sagt, mein lieber Freund, dann hätte ich, wenn du Charakter hättest, dann hättest du dich mal hingestellt und hättest dich dafür entschuldigt. Und ich, (Publikum klatscht Beifall, laute Bravo-Rufe) Und ich gehe davon aus, dass Herr Golz, der mit mir weder befreundet ist, noch kenne ich ihn besonders, dass er bereit ist, diese eidesstattliche Versicherung abzugeben, und dann 
kannst du dir deine Dinge hinter die Ohren schmieren.«

Das Publikum ist entzückt. Es darf einer Sternstunde der Sportstudio-Geschichte beiwohnen. 
Beifall und »Uli«-Rufen stehen Pfiffen gegenüber.

Heller: (versucht zu schlichten) »Darf ich mal eines. Wir wollen es nicht. Einen Moment … «

Daum rutscht aggressiv auf seinem Sessel

Daum:    »Ne, ne. Da bin ich wieder dran. Ich kann mir doch nicht von Uli Hoeneß was über den Charakter sagen lassen.«

Heller:    »Gleich Christoph, gut, ich will. Jetzt geben Sie mal Acht, meine Herren. Ich will es ja nicht in einem endlosen Dialog über eine solche Verbalinjurie ausarten lassen. Denn das 
ist eine Geschichte … «

Hoeneß: (fällt ihm ins Wort) »Das ist der springende Punkt. Diese Hirnwindung ist eine riesige … 
Das ist die größte Beleidigung, die je ein Trainer über einen anderen in Deutschland gemacht hat. Und das ist die Sauerei.«

Das Publikum ist hier nicht ganz einverstanden. Viele Zuschauer rufen dazwischen und haben nicht vergessen, dass auch Hoeneß gerne austeilt.



Heller:    »Jetzt will ich mal versuchen, ein bisschen Ruhe in diese Diskussion hineinzubringen, indem ich Udo Lattek mal einbeziehe.
(Zuschauer ruft: ›Ach komm, hör auf!‹) Sie kennen die Szene seit 25 Jahren, seitdem die Bundesliga existiert. Hat es jemals ein solche Auseinandersetzung, eine Situation, die so eskalierte in der Bundesliga gegeben?«

Lattek:    »Ja, es gab eine ähnliche Situation zwischen Otto Rehagel und mir. Und es sind auch Dinge kolportiert worden, die weder von ihm noch von mir gesagt worden sind. Wir haben alle genügend mit der Presse zu tun und wissen, dass da schon manchmal das eine oder andere Wort verfälscht wird. Und ich bin auch der Letzte, der sein Maul hält. Und ich habe den Jupp angegriffen, und den Uli angegriffen. Und ich habe ihn (zeigt auf Daum) auch schon angegriffen in meiner Zeitung. Und das werde ich auch weiter so halten, wenn ich der 
Meinung bin, dass ich Recht habe. Aber wenn ich jetzt diese Diskussion hier sehe. Alles was im Vorfeld war, abgesehen vielleicht von der einen oder anderen Äußerung, hat der Bundesliga irgendwie gut getan. Die Medien hatten was zu schreiben, die Leute hatten was, worüber man sich unterhalten kann … «

Einsetzender Beifall, Lattek lacht und weiß wohl nur zu gut, dass er hier den besten Zuschauerplatz in der Arena hat.

Lattek: (fährt fort, hätte aber lieber aufhören sollen) »Wenn Sie sich erinnern können, habe ich vor Wochen mal in ›Sport-Bild‹ geschrieben, dass er (deutet auf Daum), Arie Haan und Otto Rehhagel für mich falsch taktieren und falsch reagieren. Sie haben doch die Möglichkeit gehabt, so wie es der Christoph dann nachvollzogen hat, Bayern München zu jagen. Das hat mit Bayern München nichts zu tun, ich habe wunderschöne Jahre dort erlebt, aber die Bundesliga schien langweilig zu werden. Und er (deutet schon wieder auf Daum) hat als Einziger den Fehdehandschuh aufgegriffen und gesagt, ich sage Bayern den Kampf an. Über die Art und Weise, und was auch immer, darüber mag man streiten. Ich hab’ Fehler gemacht früher, Jupp hat Fehler, er (deutet auf Hoeneß) hat Fehler gemacht, wir alle haben Fehler gemacht. Dass da überzogen wird, das liegt nun mal in der Geschichte drin. Aber, warum soll das nicht so der Fall sein? Das ist doch, da passiert doch irgendetwas.

Und ich muss nur noch eins feststellen: Wir haben uns vorher darüber unterhalten. Ich glaube, dass in München diese ganze Geschichte zum großen Teil mit mir identifiziert wird. Ich habe mit Christoph Daum vor vier, fünf Monaten das letzte Gespräch gehabt. Gut, dass er während meiner Präsenz - sieben Monate - das eine oder andere von mir gelernt hat, dass hoffe ich jedenfalls und ich glaube auch, dass das so ist. Aber diese ganze Geschichte, die hat er selbst entwickelt.
(Lattek deutet auf Daum, Hoeneß schaut skeptisch.) Da hab ich absolut nichts mit zu tun. Er (wieder deutet er auf Daum) ist klug genug, er ist schlau genug, das zu machen und er weiß auch, dass er Prügel kriegt. Und das mal das eine oder andere verkehrte Wort rausrutscht, das ist nun mal halt so. Ich hab auch schon was gesagt, was mir nachher leidgetan hat, über Jupp Heynckes. Der Jupp hat sicher auch ne Menge über mich gesagt, was ihm nachher leid getan hat. Das ist halt so. Aber deswegen müssen wir jetzt versuchen hier, wir vier würd’ ich sagen, dass wir versuchen, etwas positives für die Bundesliga zu tun.«

(Wie war nochmal die Frage?)

Hoeneß: (mit großer Gestik und Mimik): »Udo, dann hast du das auch zurecht gerückt. Du hast, mit dem Otto Rehagel, des hab ich ja selbst erlebt, einen erbitterten Kampf geführt. Eine Fehde geführt, wie sie bis dahin nicht da war. Aber solche Beleidigungen waren nicht da. Und wenn du, das weißt du selbst, in der Erregung mal was gesagt hast, warst du dir auch nicht schade genug, mal zu sagen: ›Na, das war’n bissel Mist. Das war zuviel.‹ Aber das hätten wir ja nur erwartet.«

Lattek:    »Na ist nur die Frage, ob er, er bestreitet ja, dass er das so in dem Sinne gesagt hat, 
das ist ja das Problem.«


Daum: (erwacht) »Ich hab ja eine presserechtliche Gegendarstellung erwirkt. Das weißt du auch. Darauf gehst du ja auch gar nicht ein.«

Hoeneß:    »Na, dann müssen wir’s halt klären.«


Daum:    »Ja, ok. Darauf gehst du gar nicht ein. Das ist von dir jetzt nur, im Prinzip ’ne Masche, 
um irgendwie ein bisschen zu versuchen, mich von meinem Weg abzubringen.
(Hoeneß murmelt ein leises »Nein, Nein.«) Aber kann ich dir auch garantieren: Das schaffst auch du nicht.«

»Ooooooooooh« schallt es von den Rängen, dazu: lauter Beifall

Hoeneß: (lehnt sich nach vorne und greift an) »Ich versuche, ich werde das auch gar nicht versuchen, weil am nächsten Donnerstag ist dein Weg zu Ende.«

Lautes Gelächter des Publikums

Hoeneß: (will fortfahren) »Und … « (wird aber vom Publikum unterbrochen, das spontan den Klassiker »Zieht den Bayern die Lederhosen aus« intoniert Gelächter, selbst Hoeneß muss grinsen.) »Es geht ja nur darum, dass auch für Dich, in dieser Bundesrepublik, die Gesetze gelten, dies nun eben mal gibt. (Zwischenrufe von den Rängen) Wenn der Herr Golz zu einer eidesstattlichen Erklärung bereit ist, ist das Thema ja vom Tisch.«

Heller:    »Gut ich meine, dann wird’s wahrscheinlich noch nicht vom Tisch sein. So wie ich das sehe, gibt’s mit der eidesstattlichen Versicherung dann ’ne gerichtliche Auseinandersetzung. 
Wenn Sie das wollen, Jupp Heynckes? Das ist auch die Frage. Nun gut, mit einer eidesstattlichen Erklärung … «

Daum: (tritt nach) »Er macht das doch nur hier, um in ner gewissen Art und Weise, zu provozieren, Stimmung zu machen. (Hoeneß malträtiert sein Mikro, dessen Rauschen Daums Aussagen nicht ganz zur Geltung kommen lassen) Bringt ’ne gewisse Polemik in die Situation rein, weil er sich nicht anders zu helfen weiß.« (Das Publikum ist dem Kölner Trainer treu: Jubel und Beifall)



Heller:     »Ich wollte eigentlich auf das Thema zu sprechen kommen, wer Deutscher Meister wird. Äh, ich wollt mich nicht nur aufhalten, an der Frage, ob Jupp Heynckes a) beleidigt ist, ob er sich beleidigt fühlen muss und ob er sich auch in Zukunft beleidigt fühlen wird. Das ist eine Sache, Jupp Heynckes, wenn ich Ihnen das mal sagen darf, die natürlich im Laufe der Zeit von Ihnen vielleicht auch anders betrachtet wird. Ich will jetzt gar nicht beurteilen, ob er das gesagt hat, ob er das nicht gesagt hat, ich sag nur mal: Selbst wenn er es gesagt hat – unterstellen wir ihm mal – dann ist das ein Punkt, auf den man verständlicherweise in der ersten Erregung sehr, sehr empfindlich reagiert. Aber wenn Sie Deutscher Meister werden, Jupp Heynckes, dann sagen Sie: ›Mein Gott, Schwamm drüber, was juckt mich, was Christoph Daum vor drei, vier, fünf oder sechs Wochen gesagt hat.‹ Deswegen die Frage mal, wann werden Sie den Deutscher Meister?«


Heynckes: (unruhig) »Ich muss da sagen auch, glaube ich, auch wenn wir Deutscher Meister werden würden, kann man das nicht, so wie er es gesagt hat, akzeptieren. Äh, ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass wir Trainer irgendwo eine gewisse Vorbildfunktion in der Öffentlichkeit haben. Und wenn ich sehe, dass in den letzten Jahren die Trainer untereinander, glaube ich, so miteinander verkehrt haben, wie es für die Öffentlichkeit wirklich gut war, dann muss ich sagen, dass durch Christoph Daum natürlich ein Trainer in Erscheinung getreten ist, der meines Erachtens zuerst mal für den deutschen Fußball überhaupt noch nichts geleistet hat. (Auch Jupp Heynckes erntet Beifall und Bravo-Rufe für seine erste Offensivaktion) Wenn ich sehe, wie er draußen auftritt, dann habe ich für seine Art, sich in den Medien darzustellen, kein Verständnis, (das Publikum lacht und diskutiert, was Heynckes sichtlich irritiert) kein Verständnis. Und, äh, das ist auch auf den Trainertagungen, ist das, muss ich sagen, besprochen worden, dass der Umgang in der Öffentlichkeit mit dem Kollegen eben doch etwas vernünftiger sein sollte.«

Heller:    »Nun … «

Daum: (bestimmt höflich) »Kann ich dazu etwas sagen?«

Heller:    »Bitte, bitte, Christoph … «

Daum: (kontert) »Ich mein, wir wollen jetzt hier keine Trainerfortbildung machen. (Einsamer Lacher im Studio) Aber zumindest solltest du vielleicht auch mal gesehen haben, dass vielleicht so´n Thomas Häßler mal irgendwann entdeckt worden ist und aufgebaut worden ist, dass ich einen Bodo Illgner schon als Jugendlichen geholt habe und aufgebaut habe, die mittlerweile Stützen sind. Jürgen Kohler, hoffentlich wirst du den … «

Heynckes: (böse) »Hast du entdeckt, hä?!?«

(Punkt für Heynckes, das Publikum staunt und spendet Beifall)

Daum:
(unbeirrt) » … noch erleben. Der hat auch sehr, sehr viel in Köln … der hat sehr viel bewirken können. Ich kann dir noch andere Leute nennen, die Stützen des deutschen Fußballs sind, und die auch sicherlich auch Einiges zum Ansehen des deutschen Fußballs in der Welt beitragen. Und da hab ich auch einen kleinen Anteil mit daran gehabt. Ich will mich jetzt gar nicht größer machen, als ich bin. Nur man sollte das nicht so darstellen, wie du das sagst: ›Überhaupt keinen Anteil!‹ Ich glaube, man sollte auch da ein bisschen die Ausgewogenheit, jetzt mal langsam reinkriegen.«

Heynckes: (bitter) »So wie du. So wie du.«

Hoeneß: (wittert seine Chance) »Ich glaube, du überschätzt dich hier maßlos. Du musst auch mal hier oben schauen, (deutet auf die Requisiten-Fußbälle) das ist ein Ball über dir, das ist kein Heiligenschein!«

Auftritt Publikum: Einige Rufe, dazu ordentlich Beifall

Daum:    »Um das Maß an Überschätzung zu erreichen wie du, muss ich hundert Jahre alt werden.« (auch hier: Zustimmendes Tohuwabohu im Studio)

Hoeneß: (nimmt’s gelassen) »Das ist richtig.«

Nach achtzehn Minuten ist der größte Spaß vorbei. Heller plauscht mit Heynckes noch darüber, wann und ob er Deutscher Meister wird. Lattek wirft weise ein, dass es schön ist, dass die Meisterschaft nicht im Vorfeld entschieden wird, sondern erst dann, wenn die Mannschaften gegeneinander spielen. Es wird weiter über legitime Maßnahmen der Verunsicherung gesprochen, über Otto und Udo und was die beiden von Christoph und Jupp unterscheidet und über Uli Hoeneß’ Urteilsvermögen. Lattek beweihräuchert seine erfolgreiche Zeit in München, Hoeneß grinst sich eins und lässt »die Kirche beim Dorf«, Heller versucht vergeblich, mit Anekdoten zu glänzen, Daum warnt den FC Bayern davor, noch abgefangen zu werden, Heynckes verweist auf wärmende Tierfelle und das Publikum glänzt weiterhin mit Zwischenrufen. Schließlich gibt’s eine Wette zwischen Hoeneß und Lattek, bei der auch ein Studiogast gerne mitmischen würde. Doch die finanzielle Hürde ist hoch. Man wettet um 10 000 Mark für einen guten Zweck. Alle sind zufrieden und gut ist.

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