1986, als das Leiden begann

Das Leiden des Rolf Kramer

Felix Magath, Hans-Peter Briegel, Andi Brehme, Dieter Hoeneß, Ditmar Jakobs: Gesichter von 100-jährigen Druiden. Körper von Bergarbeitern unter Tage. Im Gegensatz dazu die Elf Argentiniens, Burruchaga, Valdano, natürlich Maradona. Sein Jahrhunderttor, dann die beiden Treffer gegen Belgien. Maradona, dieses kleine unverstehbare Wiesel. Jeder Blick wie ein Manifest, jede Geste wie ein Aufbruch, jede Bewegung wie ein eleganter, doch unbändiger Tanz aus dem fernen Land.

Sie würden verlieren, die Deutschen

Der Fernseher flimmerte. Die Hitze flimmerte. Durch den Fernseher auf meine Haut. Das Azteken-Stadion war nie mehr so nah. Die deutschen Spieler sahen schon vor dem Anstoß abgekämpft aus wie Marathonläufer vor ihren letzten Metern. Beckenbauer versuchte den Sonnen mit seiner karierten Leinenhose und dem sehr offenen sandfarbenen Oberhemd Herr zu werden. Sie würden verlieren, die Deutschen, denn sie waren so deplatziert wie Buchhalter bei einer Revolution. Ich war mir ziemlich sicher.


Doch als Schumacher die Flanke unterlief und Brown einköpfte, jubelte ich nicht laut, denn ich wusste, Opa und Papa würden es mir übel nehmen, auch wenn sie ständig darauf hinwiesen, nur ein gutes Fußballspiel sehen zu wollen. Dann das 2:0, unser Wohnzimmer flimmerte weiter. Maradona war bis dahin nicht zu sehen. 2:1, Rummenigge hatte den Anschlusstreffer markiert. Rummenigge, den ich nicht mochte, denn der lief auch höchst seltsam, dabei aber niemals so geheimnisvoll wie Matthias Herget, eher grob, im Sprint fast steif. 2:2, Rudi Völler glich tatsächlich aus – und Rolf Kramer, der ZDF-Reporter, der sich stets sehr zurückhielt, der stets Sorge hatte, zu parteiisch zu kommentieren, schrie nun in einem kurzen Anfall von Euphorie: »Ist das denn die Möglichkeit? Sie schlagen sie da, wo sie unschlagbar schienen.«

»Toni!«, flehte Rolf Kramer

Drei Minuten später. Maradona drehte sich, alles ging rasend schnell, es fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit, der Pass, steil auf Burruchaga, kein Abseits, nur noch wenige Meter. »Toni!«, flehte Rolf Kramer, während Hans-Peter Briegel, der Leichtathlet, der mit den heruntergelassenen Stutzen, in Riesenschritten von der Seite heran eilte, nur noch ein paar Meter, eine Grätsche, jetzt. »Toni! Halt den Ball!«

Ein letztes Mal legte sich Jorge Burruchaga den Ball vor. Briegel verlangsamte. Schuss.

»Nein!«

Rolf Kramer war alleine. Briegel alleine. Toni alleine. Beckenbauer, Matthäus, Rummenigge, Völler, alle alleine.

»Nein!« Briegel am Boden. »Nein!«

Opa schlug die Bibel auf, stopfte die Pfeife. Papa machte irgendwas. Niemand sagte ein Wort. »Nein!« Nie wurde ein Gegentor nüchterner beschrieben. Nie wieder wurde es so wahrhaftig beschrieben. »Nein!« Ich jubelte nicht mit Maradona, nicht mit Burruchaga, mit den Helden der Panini-Tüten, diesen Artisten. Ich litt. Auf einmal litt ich mit den Deutschen. Das erste Leiden im Fußball. Und es fühlte sich großartig an. Trotz der Tränen der Spieler, trotz des Entsetzens in Briegels Gesicht. In dieser Sekunde wollte ich sie alle umarmen, all diese seltsamen Typen, diese druidenartigen, kantigen Kerle. Fußball war Ächzen. Hier und jetzt. Ganz unten, geschlagen.

In diesen Sekunden war die Schwärmerei vorbei. Endgültig. Ich wurde Fußballfan.