1979: Als Düsseldorf Barca ärgert

Ausflug der Underdogs

16. Mai 1979: Fortuna Düsseldorf steht zum ersten Mal in einem Europapokalfinale und spielt den haushohen Favoriten aus Barcelona nahezu an die Wand. Wir erinnern an das größte Spiel in der Vereinsgeschichte. 1979: Als Düsseldorf Barca ärgert Thomas Allofs: »Wir waren die Underdogs gegen die Weltmannschaft aus Barcelona. 30.000 Fans waren aus Spanien angereist. Dass überall gelb-rote Fahnen wehten, war etwas erdrückend. Doch als das Spiel angepfiffen war, haben wir uns davon nicht mehr beeindrucken lassen.

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Zur Halbzeit stand es 2:2, großartig das Tor von Wolfgang Seel, der einen 60-Meter-Pass von Gerd Zimmermann annimmt und zum erneuten Ausgleich einschob. Doch ganz ehrlich: Es stand zur Halbzeit vor allem Unentschieden, weil unser Torhüter Jörg Daniel einen Elfmeter gehalten hatte und auch sonst in der einen oder anderen brenzligen Situation zur Stelle war.

Doch in der zweiten Halbzeit waren wir, der Außenseiter, plötzlich spielbestimmend. Es war nicht so, dass wir das 2:2 über die Zeit gerettet hätten. Der große Favorit hat tatsächlich gewackelt! Wir kassierten aber in der Verlängerung zwei Treffer, von Asensi und Krankl.

Das Spiel ging gleichzeitig auch als ein Tiefpunkt in die Klubgeschichte ein: Unsere Leistungsträger Dieter Brei und Zimmermann verletzten sich so schwer, dass sie nie mehr ein richtiges Comeback schafften. Mit Zimmermann und Zewe hatten wir vorher die beste Defensive der Bundesliga; außerdem junge Spieler wie Rudi Bommer oder meinen Bruder, der mit 22 Jahren bereits Nationalspieler war. Zimmermann hat hinterher nur noch ein bisschen in den USA gekickt. Man nannte ihn dort ›Thunderleg‹ wegen seiner gewaltigen Schüsse. Wir haben ihn schmerzlich vermisst, seit dieser Nacht von Basel!«

>> Seite 2: So berichtete der Sport-Informations-Dienst am 16. Mai 1979 über das Finale

Der Sport-Informations-Dienst (sid) schrieb am 16. Mai 1979:

In einer hochdramatischen Begegnung musste sich der Bundesliga-Sechste mit 3:4 (2:2, 2:2) in der Verlängerung den FC Barcelona beugen. Vor 53.000 Zuschauern im überfülIten Baseler St. Jakob Stadion fiel die Entscheidung in der 104. Minute, als der 32 Jahre alte Carlos Rexach im Düsseldorfer Strafraum den Ball erhielt, sofort schoss und dabei das Glück hatte, dass Zewe das Leder unerreichbar für den ausgezeichneten Torhüter Daniel ins eigene Netz abfälschte. Krankls 2:4 in der Minute war schließlich das Ergebnis des letzten Anstumrs der Fortuna, die mit allen Spielern noch eine Wende herbeiführen wollte. Noch einmal griff die Fortuna an und tatsächlich schaffte Seel in der 114. Minute noch einmal das Anschlusstor zum 3:4, doch dann brachten die Katalanen den knappen Sieg über die Zeit, und Kapitän Juan Asensi erhielt von Uefa-Präsident Artemio Franchi im Jubel von 25.000 Landsleuten den begehrten Pokal.

In einem der besten Endspiele der jüngsten Europacup-Geschichte wuchsen die Düsseldorfer vor allem in kämpferischer Hinsicht über sich hinaus. Bewundernswert ihre Moral, mit der sie in der ersten Halbzeit einen zweimaligen Rückstand egalisierten. Sanchez brachte Barcelona in der 5. Minute in Führung, Thomas Allofs gelang schon in der 8. Minute das 1:1. Kapitän Asensi war in der 35. Minute zum 2:1 erfolgreich, ehe sieben Minuten später Seel den Torreigen vor der Pause abschloss. Dazwischen lag noch in der 12. Minute ein von Rexach schwach geschossener Foulelfmeter, den Daniel beinahe mühelos parieren konnte. Nach dem Wechsel schien die Fortuna die Begegnung immer besser in den Griff zu bekommen. Barcelona fand kaum noch zu geordneten Aktionen. In dieser Phase machte sich jedoch nachteilig bemerkbar, dass zwei der wichtigsten Düsseldorfer Akteure mit Bänderdehnungen den Platz hatten verlassen müssen. Brei ereilte das Schicksal bereits in der 25. Minute, der gegen Krankl hervorragend spielende Zimmermann musste sechs Minuten vor Schluss der regulären Spielzeit die Waffen strecken.

So fand der FC Barcelona wieder zu seiner Linie zurück, hatte aber kaum Vorteile, als es in die Verlängerung ging. Die zusätzliche Spielzeit brachte zunächst ein Plus für die Düsseldorfer, denn der eingewechselte Lund und Klaus Allofs scheiterten nur denkbar knapp vor dem spanischen Gehäuse. In dieser Phase wurde deutlich, dass letztlich nur noch die glücklichere und nicht die bessere Mannschaft gewinnen würde. Barcelona hatte schließlich dieses Glück, das dem Club bei seinen 2:3-Finalniederlagen von 1962 (gegen Benfica Lissabon) und 1960 (gegen Slovan Pressburg) gefehlt hatte. Die Fortuna wiederum lag um jene wieder einmal entscheidende Nuance zurück, die schon im April vergangenen Jahres beim 2:0-Pokalsieg des 1.FC Köln in Gelsenkirchen gefehlt hatte.

Die Mannschaft des jungen Trainers Dieter Tippenhauer, die eine Siegprämie von 15.000 Mark pro Spieler verpasste, immerhin aber ein »Trostpflaster« von 6500 Mark erhält, verdiente sich ein Sonderlob für die kaum zu überbietende kämpferische Leistung. Leider fanden jedoch die Nationalspieler Gerd Zewe und Klaus Allofs nicht zu ihrem wahren Leistungsvermögen, sonst wäre das berühmte Tüpfelchen auf dem »i« wohl möglich gewesen. Überraschend in der Düsseldorfer Mannschaft war Zimmermann als Kontrahent des praktisch bedeutungslosen Hans Krankl, Außenverteidiger Baltes und auch Bommer im Zweikampf gegen Johan Neeskens.

Fortuna war keinen Deut schlechter

Alle Spieler zeigten eine Steigerung gegenüber ihren letzten Vorstellungen in der Meisterschaft. Alle Mühen waren jedoch vergebens und die Niedergeschlagenheit der auf dem Rasen zusammensinkenden Fortuna-Akteure war nur allzu verständlich. Barcelona hatte vornehmlich in den ersten 45 Minuten ein spielerisches Plus, offenbarte jedoch Mängel in der Abwehr. Insgesamt waren die frenetisch angefeuerten Katalanen noch eine Spur cleverer, was in den vielen, meist mit Haken und Ösen ausgetragenen Zweikämpfen zum Ausdruck kam. Sehr stark beim neunmaligen spanischen Meister, der am Abend des ersten Europacupgewinnes eine absage von Kölns Trainer Hennes Weisweiler erhielt, waren Kapitän Asensi und auch Rexach, der schon 1969 im Finale an gleicher Stätte dabeigewesen war.

Das Fazit der von Hektik und Dramatik gekennzeichneten 120 Minuten zog Düsseldorfs Alt-Nationalspieler Paul Jaes: »Wenn man drei Tore schießt, darf man normalerweise nicht mehr verlieren. Leider hat die Fortuna unglückliche Gegentore hinnehmen müssen und leider hat auch Klaus Allofs im Angriff nicht zu seiner sonstigen Stärke gefunden. Die Fortuna war keinen Deut schlechter als der neue Europacup-Gewinner.«

Düsseldorf: Daniel - Zewe - Baltes, Zimmermann (84. Lund), Köhnen - Schmidt, Bommer, Brei (25. Weikl) - Thomas Allofs, Klaus Allofs, Seel.

Barcelona: Artola - Migueli - Zuviria, Costar (66. Martinez), Albaladejo (58. Delacruz) - Neeskens, Sanchez, Asensi - Rexach, Krankl, Carrasco.

Schiedsrichter: Karoly Palotai (Ungarn) - Zuschauer: 58.000 (ausverkauft) - Tore: 0:1 Sanchez (5.), 1:1 Allofs (8.), 1:2 Asensi (35.), 2:2 Seel (42.), 2:3 Rexach (104.), 2:4 Krankl (111.), 3:4 Seel (114.).
>> Seite 3: Stimmen zum Finale

Stimmen zum Finale (zusammengestellt vom sid):

Manager Werner Fassbender (Fortuna Düsseldorf): »Die Mannschaft hat alles gegeben und eine überragende Leistung gebracht. Die größere Härte und auch Unfairness der Spanier hat das Spiel entschieden. Außerdem waren die Ausfälle von Dieter Brei und Gerd Zimmermann nicht zu verkraften.«

Trainer Dieter Tippenhauer (Fortuna Düsseldorf): »Durch die frühe Verletzung von Brei und das spätere Ausscheiden von Zimmermann wurden meine taktischen Planungen natürlich über den Haufen geworfen. Dennoch hat meine Mannschaft einen großartigen Kampf geliefert und hervorragenden Fußball gespielt. Barcelona war nicht die bessere sondern die glücklichere Mannschaft. Die Spanier haben die Lücken in unserer Abwehr konsequent genutzt, und das hat gereicht. Obwohl auch wir immerhin drei Tore erzielt haben. Vor der Saison hätten wir nie und nimmer daran gedacht, dass wir ins Europacup-Endspiel kommen könnten, doch dann haben wir Blut geleckt und uns - so glaube ich - gut geschlagen.«

Johan Neeskens: »Düsseldorf hat vielleicht spielerisch ein Übergewicht gehabt, vor allem vor der Pause, doch wir haben eben ein Tor mehr geschossen, und das allein zählt. Ich glaube, es war ein großartiges Endspiel und zwar von beiden Mannschaften. Für mich war es ein großartiger Abschluss meiner Zeit beim FC Barcelona.«

Gerd Zimmermann (Fortuna Düsseldorf): »Die Bänder an meinem rechten Knie sind kaputt. Und dazu haben wir noch verloren... Obwohl wir drei Tore gemacht haben, reichte es nicht. Wir hatten in der Abwehr einige Schwächen und haben es den Spaniern mit dem Tore-Schiessen zu leicht gemacht.«

Der »Tagesanzeiger« schrieb: »Es war eine Auseinandersetzung voller Nervosität, zerhackt, mit zahlreichen Unterbrechungen, die keinen der 58.000 Zuschauer unberührt liess. Ein Kampf, der das Publikum aufwühlte, aber kein schönes und hochklassiges Spiel. So packend der Kampf auch war, eine Werbung für sauberen, sportlichen Fussball war er nicht. Der Sieg der Katalanen war gerechtfertigt, doch die Düsseldorfer waren ein kämpfender und jederzeit gefährlicher Verlierer.«

Die »Berner Zeitung« meint: »Ein großes spiel, wie man es vor einigen Wochen in Meistercup-Halbfinale zwischen Nottingham und Köln vorgesetzt erhielt, war es nicht. Dazu gab es zu viele Flauten, und in beiden Teams fehlte zeitweilig die Linie und letztlich auch die große Klasse.«

Die »Luzerner neueste Nachrichten« glauben: »Die Partie war für die Deutschen wohl in jenem Moment verloren, als der überragende Zimmermann kurz vor dem Ende der normalen Spielzeit das Feld verletzt verlassen musste.«

Die »Neue Zürcher Zeitung« berichtet: »Der kämpferische Vorteil mag wohl entscheidend für den Ausgang gewesen sein, waren doch die Deutschen ein spielerisch ebenbürtiger Gegner, der ebenso gut als Sieger hätte hervorgehen können.«


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