11FREUNDE-Titelstory: Der Mythos Real Madrid

Der unbescheidenste Klub der Welt

Der Mann heißt José Ángel Sánchez, und niemand könnte besser erklären, wie dieses Monster heute funktioniert. Denn er hat es erschaffen, gemeinsam mit dem Präsidenten Florentino Pérez. Als der vor 13 Jahren seine erste Amtszeit antrat, brachte er Sánchez als Marketingchef mit. Sánchez war damals Anfang 30 und kam vom Videospielhersteller Sega. Mittlerweile ist er, der nicht Wirtschaft, sondern Philosophie studiert hat, CEO des Klubs.

Kein anderer Verein der Welt tritt so unbescheiden auf wie Real Madrid, mit seinem Anspruch, seiner Ruhmsucht und seinem Drang nach dem immer noch größeren Spektakel. Doch in seinem Zentrum steht einer, der bescheiden daherkommt. Obwohl Sánchez nach Pérez der wichtigste Mann im Klub ist, weiß fast niemand, wie er aussieht. Weil er sich so selten zeigt. Er hat ein freundliches Gesicht, trägt Anzug, gestreiftes Hemd und blaue Krawatte, das Haar ist gelockt. Sein Büro ist unprätentiös, ein schlichter Schreibtisch, ein Konferenztisch, ein Fernseher, vor dem sich unordentlich Papiere stapeln. Vor diesem Treffen mit ihm hat die Pressesprecherin geschrieben, dass Sánchez keine Fotos will, und überhaupt könne dieses Treffen »niemals ein Interview« sein. In all den Jahren bei Real hat Sánchez keine Interviews gegeben. Aber er spricht über den Klub, eine Stunde lang. Zwischendurch klingelt sein Handy. Pérez ist dran. Sánchez nennt ihn »Presi«.

Der Chef hält sich im Hintergrund

Was Sánchez über die Strategie des Klubs erzählt, über das Selbstverständnis, über die Gegenwart und die Herausforderungen der Zukunft, das darf man zwar schreiben, aber wörtlich zitiert werden will er nicht. Dass man überhaupt erwähnen darf, sich mit ihm getroffen zu haben, muss man ihm abringen. Sánchez will nicht in der Öffentlichkeit agieren, wo man leicht in die Schusslinie gerät. Er hält sich lieber im Hintergrund. Hätte er sich anders verhalten, wäre er heute wahrscheinlich nicht mehr hier.

Auch alle anderen Interviewanfragen werden von der Pressestelle eher uncharmant abgeblockt. Der Leiter der Fußballschule? Nein, nur mit deren Pressesprecher könne man reden, aber auch das werde »niemals ein Interview« sein. Jemand vom Marketing? Man könne mal ein paar Fragen schriftlich schicken. Einen Spieler während der Saison anzufragen, ist völlig zwecklos. Der Kollege einer der größten Zeitungen des Landes, der seit mehr als einem Jahrzehnt jeden Tag über Real schreibt, erinnert sich an sein letztes Interview mit einem Spieler von Real: Sergio Ramos, 2010. Das ist, als ob die »Süddeutsche Zeitung« seit drei Jahren keinen Spieler vom FC Bayern mehr hätte befragen dürfen...

-----
Die komplette Reportage über Real Madrid, den größten und berühmtesten Klub der Welt, lest Ihr in 11FREUNDE#142!