11Freunde spielen Kiebitz (9)

5 Dinge über den VfL Bochum

Marcel Koller geht es prächtig in diesen Tagen. Endlich genießt er die Rückendeckung, die ihm in Köln nie vergönnt war. Zudem ist er sich sicher: »Momentan haben wir den besten Kader.« Gut genug für den UEFA-Cup? 11Freunde spielen Kiebitz (9)imago images
1. EIN SCHWEIZER IM POTT

Als Marcel Koller am 23. Mai 2005 Trainer beim VfL Bochum wurde, wartete eine knifflige Aufgabe auf den Schweizer. Der Klub musste mal wieder den bitteren Gang in die zweite Liga antreten und Koller sollte den Betriebsunfall schnell korrigieren. Es sollte ein Neuanfang werden. Für den Klub, wie auch für den Trainer Koller, für den es eine willkommene Gelegenheit war, seinen ramponierten Ruf wieder aufzupolieren. Den Ruf, den er sich mit gleichermaßen akribischer wie erfolgreicher Arbeit in der Schweiz erworben hatte. Und den Ruf, der bei seinem ersten Ausflug in den deutschen Profifußball beim 1. FC Köln so gelitten hatte.

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Seine Zeit in Köln wird allen Beteiligten in erster Linie als großes Missverständnis in Erinnerung bleiben. Der Erbe von Friedhelm Funkel sollte am Geißbockheim den Feuerwehrmann spielen. Und es brannte lichterloh. Als Koller kam, krebste der FC am Tabellenende und hatte als einzige Mannschaft der Liga eine magere einstellige Punktezahl auf der Habenseite. Der Leck geschlagene Dampfer musste schnellst möglich wieder flott gemacht werden. Eine Herkulesaufgabe, die Koller nicht bewältigen konnte. Die Rheinländer verabschiedeten sich in Liga zwei und der verhinderte Feuerwehrmann zurück gen Schweizer Heimat. »Es fehlte an Qualität und an Ruhe im Verein und im Umfeld«, beschrieb Koller die Zeit in Köln vor kurzem in einem Zeitungsinterview, »es hat einfach nicht gepasst«. Einzig für die Entdeckung von Lukas Podolski feierte ihn der launische rheinische Boulevard.

Ein Jahr später stand er in Bochum auf der Matte und entpuppte sich als echter Glücksfall für den Revierklub. Die Forderung der Chefetage, den Aufstieg in die erste Bundesliga zu realisieren, erfüllte der gehorsame Koller auf Anhieb. Der VfL dominierte das Unterhaus und beendete die Saison 2005/06 als Zweitliga-Meister. Zurück in der Eliteklasse spielte sich die einstmals respektlos als »graue Maus« geschimpfte Truppe mit soliden Leistungen bis auf den achten Tabellenplatz, eine der besten Platzierungen der Vereinsgeschichte. Ähnlich erfolgreich war in Bochum auch Kollers Vorgänger Peter Neururer. Mit dem extrovertierten Schnauzbartträger, der sich nach Siegen der Mannschaft mit gewagten tänzerischen Einlagen von der Kurve hochleben ließ, qualifizierte sich der VfL sogar für den europäischen Wettbewerb. Doch der Absturz war rasant und schmerzhaft, ein Jahr später war Bochum wieder zweitklassig. Koller dagegen gelang es das Schiff nach einem sehr erfolgreichen Jahr auf Kurs zu halten. Nach einer passablen Saison, in der der Klassenerhalt nie wirklich in Gefahr war, langte es schließlich für einen soliden zwölften Rang.

Koller schwärmt vom »besten Kader«


Der Erfolg des Schweizers ist kein Zufallsprodukt, denn Koller hat in Bochum gefunden, was er im hektischen Köln so sehr vermisste. »Hier kann man in Ruhe arbeiten und genießt die Rückendeckung einer Vereinsführung, die sich intensiv mit meiner Arbeit beschäftigt hat«. Arbeitsbedingungen, die sich viele Trainer in der Bundesliga wünschen und dennoch nicht haben. Konsequenterweise hat man sich Anfang des Jahres auf eine vorzeitige Verlängerung der Zusammenarbeit bis 2010 geeinigt. Der Schweizer ist heimisch geworden in der Castroper Straße. Und der sonst so sachliche Coach wirkt fast euphorisch, wenn er in diesen Tagen »vom besten Kader« schwärmt, den er in Bochum jemals angetroffen hat. Sieht ganz so aus, als ob eine Rückkehr in die Schweiz erstmal nicht zur Debatte steht.

2.NEUE ALTE GESICHTER

Als Paul Freier vor vier Jahren in Bochum seinen Spind räumte und nach Leverkusen wechselte, sollte das die nächste Etappe in einer verheißungsvollen Karriere werden. Freier, im polnischen Beuthen zur Welt gekommen, hatte sich in Bochum zum Nationalspieler gemausert. Nun wollte er in Leverkusen seine Karriereplanungen vorantreiben. Der offensive Tempofußball der Werkself und der flinke Dribbler auf der rechten Außenbahn – das versprach mehr zu werden als eine reine Vernunftehe.

Zurück in den Schoß der Familie

Doch zu seinem Leidwesen wurde Freier nach und nach zum Edelreservisten abkommandiert und drehte Däumchen abseits des Geschehens. Seine Dienste waren oft nur bei Rückständen gefragt. Ein Mann, der Spiele noch drehen kann, einer für die besonderen Momente, die für ihn persönlich immer seltener wurden. Als die Verantwortlichten in Leverkusen merkten, dass Freier unzufrieden war und weg wollte, zeigten sie ihm seine Statistik. Von 2005 bis 2007 hatte er 75 Pflichtspiele bestritten, von 85 möglichen. Doch bei Freier überwogen die dunklen Erinnerungen an die letzte Spielzeit, in der er nach einer Verletzung den Anschluss verloren hatte und seine Einsätze als Teilzeitarbeiter auf dem Rasen immer seltener wurden. Jetzt kehrt er zu dem Verein zurück, von dem er meint, dort seine »bisher schönste Zeit als Fußballer« erlebt zu haben. Eine Rückkehr, die streng genommen keine ist. Denn Freier hat Bochum nie verlassen. Seinen Wohnsitz in Bochum hat er immer behalten, geräumt hat er nur den Spind in der Kabine. Die Eingewöhnungsphase bei seiner alten Liebe dürfte dementsprechend kurz ausfallen. Wenn er jetzt noch seine Zehenverletzung vernünftig auskuriert, wird Freier helfen können und auch lange helfen wollen. Sein Vertrag läuft bis 2013.

Helfen soll auch der zweite Heimkehrer. Vahid Hashemian spielte von 2001 bis 2004 in Bochum. 34 Buden in 87 Pflichtspielen machten den »Hubschrauber« zum Liebling der Fans. Als der Rekordmeister aus München mit Scheinen und Prestige lockte, wurde der kopfballstarke Iraner schwach. Glücklich wurde er beim Branchenkrösus nicht. Auch der Wechsel zu Hannover 96 entpuppte sich nicht als der erhoffte Befreiungsschlag. Spärliche neun Tore gelangen dem Stürmer in den letzten drei Jahren. Das war den Niedersachsen zu wenig, sie holten Jan Schlaudraff und Mikael Forsell. Für Hashemian war kein Platz mehr. Darum rotiert der »Hubschrauber« jetzt zurück nach Bochum und hofft mit Kollege Freier auf neue Höhenflüge in alten Gefilden.


3. DIE FROHE BOTSCHAFT

Resultate in der Saisonvorbereitung sind im Allgemeinen nicht aussagekräftiger als in TV-Mikros geächzte Analysen von schwer schnaufenden Profis unmittelbar nach Spielende. Trainer wechseln, taktieren und experimentieren wild herum, bis sich die Balken nicht mehr weiter biegen lassen. Die Spieler haben wegen der üblen Konditionsbolzerei schwere Beine, Blutgeschmack im Mund und das Laktat läuft ihnen aus den Ohren raus. Ab der 70. Minute wird oft mehr gestolpert als gespielt. In Bochum machen sie sich deswegen auch keine ernsthafteren Sorgen über die Ergebnisse der bisherigen Vorbereitungsspiele. Denn die waren alles andere als berauschend. In fünf Spielen setzte es drei Niederlagen. Nur gegen den portugiesischen Vorzeigeklub und ehemaligen Champions-League-Sieger FC Porto (1:1) und den griechischen Erstligisten OFI Kreta (0:0) konnte man auch zahlenmäßig mithalten.

Die Qualität der Gegner ist eine kleine Entschuldigung, denn auch die übrigen Sparringspartner waren nicht aus Pappe. Gegen das türkische Schwergewicht Besiktas Istanbul wurde eine 2:0-Führung noch verspielt, als Trainer Koller in der Halbzeit bis auf den Torhüter die komplette Mannschaft austauschte. Die Spiele gegen die Landesmeister aus Rumänien (CFR 1907 Cluj/1:3) und Zypern (Anorthosis Famagusta/1:2) gingen ebenfalls verloren. Die gefürchtete Frühform, die sich schon für so viele Mannschaften als Bumerang erwiesen hat, ist beim VfL nicht zu beobachten. Sorgenfalten und Panikattacken sind somit nicht angebracht.


4. MUSS MAN NICHT WISSEN

Siemens, Mercedes-Benz, Bayer-Konzern und der VfL Bochum. Man mag es kaum glauben, doch es gibt Gemeinsamkeiten zwischen den Big-Playern der deutschen Wirtschaft und dem beschaulichen Bundesligisten aus dem Ruhrgebiet. Sie alle verfügen über ein Leitbild. Ein Leitbild, das in einem mühsamen Arbeitsprozess erstellt wurde und Auskunft erteilt über Selbstverständnis, Werte und Ziele des Herausgebers. Der VfL Bochum ist laut eigenen Angaben der erste deutsche Fußballverein, der ein Leitbild entworfen hat. Insgesamt fünf Jahre dauerte es, in Interviews und Gruppendiskussionen ein stimmiges Bild des Vereins zu zeichnen. Herausgekommen ist, dass man sportlich und wirtschaftlich dauerhaft erstklassig sein will. Weitere Überraschungen gefällig: der VfL ist unbeugsam, nah, professionell, mitreißend und bekennt sich zu sozialer Verantwortung und regionaler Identität. Hört sich gut an. Und was noch viel besser ist: »Jede einzelne Tätigkeit intern und jede extern wirkende Maßnahme wird mit dem Leitbild abgestimmt«. So steht es zumindest auf der Homepage. Alles schön und gut. Warum man aber für diese Erkenntnisse ein halbes Jahrzehnt Arbeit benötigte, bleibt das Geheimnis des VfL.


5. 11FREUNDE ORAKELT

Jungmanager »Gustl« Ernst reibt sich schelmisch grinsend die Hände. Denn der VfL hat »erstmals seit langer Zeit« wieder investieren können, ohne gleich sämtliche Leistungsträger verhökern zu müssen. Stanislav Sestak, Glücksgriff der letzten Saison, ist geblieben. Und mit Paul Freier, Vahid Hashemian und Christian Fuchs hat der Kader eine prall gefüllte Qualitätsspritze erhalten. Schon am ersten Spieltag wird sich im Karlsruher Wildpark zeigen, ob die Bäume für den VfL in den Himmel wachsen. Wenn Hashemian nach Freier-Flanke in der 89. Minute, zwei Meter über der Grasnarbe stehend, zum Sieg einköpft, werden die Blauen eine Wolke erwischen, die sie sensationell bis auf einen UI-Cup-Platz trägt. Wenn es für den großen Coup nicht reicht, gilt das Credo des österreichischen Neuzugangs Fuchs, der aus seiner Heimat »einen einstelligen Tabellenplatz gewohnt« ist. Obwohl ihm wohl bewusst ist, dass in Österreich nur zehn Mannschaften in der Liga spielen, in Deutschland aber 18, was die Aufgabe ungleich schwerer macht, will und wird er in Bochum von dieser Gewohnheit nicht ablassen. Platz 6 bis 8.