11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingstrikot (5)

Die Tür zur Zukunft

Kennen Sie den Film »Herbstmilch«? So etwa wuchs 11FREUNDE-Redakteur Dirk Gieselmann auf – bis der »Portas«-Mann kam und seine Jugend modernisierte. An dem Werder-Trikot mit dem »Portas«-Schriftzug schnüffelt er noch heute voller Dankbarkeit. 11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingstrikot (5) Mein Elternhaus ist ein alter Bauernhof, gebaut um die Jahrhundertwende. Was heute, da jede Zahnarztfrau, die etwas auf sich hält, das Magazin »Landlust« im Abo hat und sich Getreidekränze aufs Klo hängt, klingt wie ein dörfliches Idyll, war für mich damals ziemlich beschämend. Ich wollte auch in einem Reihenhaus wohnen, mit Hobbykeller und Vorbau aus Glas. Wie Marcel aus meiner Klasse. Fakt ist: Ich war schon mit sieben vom Neid zerfressen.

[ad]

Jeden Morgen holte ich mein Fahrrad aus dem Schweinestall, in dem keine Schweine mehr wohnten, nur der Hund unterschlüpfte, wenn es regnete. Er war da sehr empfindlich. Der greise Dachstuhl ächzte, wenn das Wetter umschlug. Und auch die Türen waren so alt wie das Haus selbst. Die zu meinem Kinderzimmer etwa quietschte so markerschütternd, dass ich mich niemals hätte herausschleichen können, um nach 22 Uhr heimlich »Miami Vice« zu schauen.

Kuhlenkampff war der größte Star, den ich mir vorstellen konnte

In den 80er Jahren, lange vor dem Ausbruch des Privatfernsehens, des Internets und der Mobiltelefonie, gab es wenig, was Modernisierung versprach. Das Leben war im Großen und Ganzen seit den 50er Jahren gleich geblieben, Hans-Joachim Kuhlenkampff war der größte Star, den ich mir vorstellen konnte, samstags gab es Toast Hawaii, und ich schleckte frei von gesundheitlichen Bedenken an meinen Spielsachen aus Polyethylen.

Eigentlich eine Kindheit, die Anlass zu tiefer Zufriedenheit geboten hätte, wäre da nicht dieses alte Haus mit seinen alten Türen gewesen. Im Herbst pfiff der Wind durch die Ritzen, und ich dachte: »Aus mir wird nie etwas. Ich werde Bauer. Ein Bauer, der nicht einmal mehr Schweine hat, nur einen Hund, der sich vorm Regen fürchtet.«

Doch dann lag eines Tages ein Prospekt von »Portas« auf dem Küchentisch. »Europas Renovierer Nr. 1«, las ich dort. Und: »Modernisierung von Türen.« Modernisierung! Von Türen! Ich war begeistert. Als zwei Wochen später der Mann in seiner »Portas«-Latzhose kam und unsere Türen modernisierte, wich ich ihm nicht von der Seite, bestaunte jeden seiner Handgriffe. Er war der große Erneuerer des Milieus meiner Jugend. Ich hätte ihn mit Willy Brandt verglichen, wenn ich nicht erst sieben gewesen wäre.

Völler, Riedle – ihr Angriffsstil war die Modernisierung des Tores

Dass mein Lieblingsverein Werder Bremen auf seinen Trikots und Trainer Otto Rehhagel in Zeitungsanzeigen Werbung für »Portas« machten, kam mir da nur logisch vor. Bremen, die große Stadt, in die wir jedes Jahr zum Weihnachtseinkauf reisten, wo Straßenbahnen fuhren und elektrische Schneemänner aus den Schaufenstern winkten, war für mich ohnehin der Inbegriff der Moderne. Und bei Werder passierten im Wochentakt Wunder von der Weser. Erst Rudi Völler, dann Kalle Riedle – ihr Angriffsstil schien mir so etwas wie die Modernisierung des Tores zu sein.

All das ist sehr lange her. Die damals von »Portas« modernisierten Türen meines Elternhauses würden heute jeden »Landlust«-Redakteur in blanke Agonie versetzen, und er würde sein dreizehntes Monatsgehalt für die alten herschenken. So ähnlich verhält es sich auch mit Werder Bremen – das Neue ist längst alt geworden.

Mein Lieblingstrikot aber bleibt das mit dem »Portas«-Schriftzug. Was wäre ich heute ohne die Türenmodernisierer? Ich will es nicht wissen.