11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingstrikot (4)

Hässliches Hemdlein

Jahrelang träumte 11FREUNDE-Redakteur Andreas Bock von einem HSV-Jersey der goldenen achtziger Jahre. Schlichte Schönheit mit dem Logo eines Ölkonzerns. Schließlich bekam er ein Trikot aus den grauen Neunzigern. Es ist sein größter Schatz. 11FREUNDE-Serie: Mein Lieblingstrikot (4)imago

Einige Menschen behaupten, Fußball sei »the beautiful game«, das schöne Spiel. Die Spieler sehen aus wie Topmodels, tragen Frisuren wie Popstars aus MTV-Videos, die Pässe und Tricks gleichen Malereien holländischer Impressionisten, die Stadien – heute: Arenen – sind die Kathedralen des 21. Jahrhunderts. Es ist nicht nur alles so schön bunt hier, es ist auch alles so schön schön hier.

Wenn ich an die späten Achtziger und frühen Neunziger denke, war Fußball vor allem eines: hässlich. Das Hamburger Volksparkstadion, diese seelenlose Betonschüssel, irgendwo im Nordwesten der Stadt gelegen, erreichte man nur mit einer S-Bahn, die für gewöhnlich im 20 Minuten-Takt fuhr und sich an Stationen mit Namen wie Diebsteich, Langenfelde und Elbgaustraße vorbeiquälte. Das Panorama links: Plattenbauten, Satellitenschüsseln, ewig wartende Männer mit filterlosen Zigaretten am Bahnsteig. Das Panorama rechts: Güterbahnhöfe, Industrie-Brachland, ewig wartende Männer mit filterlosen Zigaretten vor Lagerhallen.

Wut auf Fußball

Im Stadion ein ähnlich trostloses Bild: Die Trainerbank war in eine enge Mulde eingelassen, an der linken Seite klaffte ein großes Loch, der Putz bröckelte herab. Einer der vielen Manager in der Zeit nach Happel/Netzer soll diese Renovierung veranlasst haben, weil er nichts vom Spiel auf der linken Spielfeldhälfte sehen konnte. Andere sagten, er habe den Beton vor Wut eingetreten. Wut auf Fußball. Wut auf dieses Stadion.

Ich verliebte mich in den HSV in eben dieser wütenden Zeit. Die Trainer hießen Josip Skoblar, Gerd-Volker Schock, Egon Coordes, Willi Reimann und Benno Möhlmann hießen. An ihnen klebten die Tabellenplätze 11, 12, 13 oder 14. Wie die Althauer um mich herum fluchte ich damals auf das Spiel des HSV, das so vorhersehbar war wie ein Modern-Talking-Akkord und so trist wie die Stationen auf dem Weg zum Volkspark. Ich wünschte mir die gute alte Happel-Zeit zurück, wenngleich ich diese zu großen Teilen – das gehörte natürlich nicht zu meiner Verklärung – nur aus Erzählungen meines Vaters kannte. »Verdammte Scheiße!«, rief ich, wenn der HSV mal wieder gegen Wattenscheid 09 verloren hatte. »Da fehlt doch einer wie Kevin Keegan.« Die Männer mit den langen Haaren und den nietenbekappten Kutten um mich herum nickten wissend.

100-Kilo-Kanten in BP-Trikots der Größe L

In jener Zeit wünschte mir nichts sehnlicher als ein Trikot mit Campari-Aufdruck oder jenes BP-Jersey, das die Spieler von 1979 bis 1986, also in den goldenen Zebec- und Happel-Jahren, getragen hatten. Es war unbezahlbar. Also malte ich in dicken Lettern die Buchstaben H, S und V auf ein weißes Shirt. Erst 1995, ich war mittlerweile 17 Jahre alt, bekam ich mein erstes Trikot zum Geburtstag geschenkt. Auf dem Rücken prangte die Nummer 9, es war das Leibchen von Valdas Ivanauskas, diesem Stürmer, der der Kraft und Ausdauer eines Ackergauls besaß, der vor dem Tor allerdings so erfolgreich war, wie ein durstiger Alkoholiker beim Versuch den Eiffelturm als Origami zu modellieren. 

Doch es half alles nichts, also streifte ich mir diesen synthetischen Fetzen über. Auf der Brust das lilafarbene Logo einer Fernsehzeitschrift, auf den Schultern ein keckes schwarz-rotes Rautenschachbrett. Während sich die harten 100-Kilo-Kanten in Block E weiterhin in ihr BP-Trikot Größe L quetschten und darin aussahen wie verdammt gute Typen, flatterte an mir – damals hühnerbrüstig und etwa 80 Kilo leichter – ein XL-Trikot am Leib, das Hässlichkeit neu definierte. Die Langhaarigen nickten nun auch nicht mehr, wenn ich »Scheiße« schrie oder irgendwas mit »Kevin Keegan« forderte. Ich war Modefan. Verpickelt dazu. Am Ende der Saison wurde der HSV wieder Zwölfter oder Dreizehnter. Ein neuer Trainer kam, neue Spieler wie Pawel Wojtala und Andreas Fischer ebenfalls. Das Trikot an meinem Oberkörper blieb.

Sag ja zur Hässlichkeit

Und erst in den kommenden Spielzeiten, als sich der HSV endgültig im Grau der Liga bequemt hatte, begriff ich, dass jedes andere Trikot eine riesengroße Lüge gewesen wäre. Fußball war in jener Zeit so wie mein Trikot. Nicht wie ein Sektempfang im Rathaus, nicht wie die Frisur eines MTV-Moderators. Valdas Ivanauskas wechselte ein paar Jahre übrigens später nach Salzburg. Zuvor hatte er ein Angebot eines norddeutschen Klubs ausgeschlagen, die Stadt sei seiner Frau nicht schön genug gewesen. Sie hatte nichts verstanden.