10 Dinge über Handspiel

Geistige Umnachtung und geklaute Brieftaschen

6.

Zwischenbilanz: Es ist schwierig mit der Auslegung. Geht ja auch immer ganz schnell im Fußball. Wenn eine Feldspielerin den Ball allerdings zwei Sekunden lang mit beiden Händen festhält und dabei mehrere Schritte durch den eigenen Strafraum geht – dann muss das doch gepfiffen werden, oder? Nicht zwangsläufig, wie diese Szene der WM 2011 beweist. Glück für Äquatorial-Guineas Bruna, dass Schiedsrichterin Gyonengi Gaal diesen Moment geistiger Umnachtung mit ihr teilte.


7.

Unter erschwerten Bedingungen kann aber auch das absichtlichste Handspiel legal sein. Zum Beispiel auf den Faröer-Inseln. Das raue Land des ewigen Quali-Gegners ist geprägt von Felsen, Niederschlag und starken Winden. Letztere sind häufig stark genug, dass ein ruhender Ball diesen Namen nicht verdient. Deswegen darf auch bei internationalen Spielen ein Mitspieler beim Strafstoß den Ball für den Schützen mit der Hand auf dem Elfmeterpunkt festhalten. Vielleicht sollte man auf den Inseln die Torpfosten nach oben verlängern. Wenn der Schuss dann drüber geht, kann man sich wenigstens für den gelungenen Field-Goal-Versuch feiern.

8.

Abseits aller (Il)Legalitäten, Interpretationsspielräume und (Un)Absichtlichkeiten ist so ein Handspiel häufig vor allem eins: ärgerlich. Oder eine nationale Schande. Nachdem Süd-Koreas Verteidiger Hyun-Soo Jang bei der WM 2018 einen Handelfmeter verursacht hatte, gingen mehrere Hundert Petitionen beim Präsidialamt ein. »Vertreibt Jang und seine Familie aus Korea« lautete beispielsweise eine der Forderungen.

9.

Das Gegenbeispiel dazu ist das womöglich berühmteste Handspiel der Fußballgeschichte: Diego Maradonas Hand Gottes im WM-Viertelfinale 1986, die zum argentinischen Kulturgut zählt. Die Geschichte des Tors selbst wurde schon oft genug erzählt. Viel spannender ist eigentlich die Einordnung Maradonas, der im gleichen Spiel auch das »WM-Tor des Jahrhunderts« per legendärem 60-Meter-Lauf erzielte. Er persönlich ziehe das Hand-Tor dem womöglich schönsten Treffer aller Zeiten vor, ist in Maradonas Biografie zu lesen. Warum? »Es war in etwa so, als würde ich den Engländern die Brieftasche klauen.« Damit wäre dann auch alles über Maradonas Charakter gesagt.

10.

Bleibt festzuhalten: Früher wurde bei Handspielen eher zu selten gepfiffen. In Zeiten von VAR und Superzeitlupe ist es fast schon etwas viel, doch in den entscheidenden Momenten bleibt die Pfeife trotzdem immer wieder stumm. Wie Felix Brych 11FREUNDE bestätigte, ist die Auslegung auch unter Schiedsrichterkollegen häufig unterschiedlich. Das IFAB will sich mit einer Änderung oder zumindest Erweiterung der Regel noch dieses Jahr befassen. Es wäre höchste Zeit. Strafbare Handspiele müssen auch konsequent bestraft werden, nur müssen sie dafür klar identifiziert werden können. Andererseits ist nicht jedes Handspiel automatisch strafbar – vielleicht kann der Fußball ja doch noch etwas vom Handball lernen.