Ioannis Topa­lidis, im Oktober 2001 holte Sie Otto Reh­hagel als Co-Trainer und Über­setzer zur grie­chi­schen Natio­nal­mann­schaft. Wie kam es dazu?
Als klar war, dass Reh­hagel Grie­chen­land trai­niert, habe ich ver­sucht, mich ins Gespräch zu bringen. Irgend­wann klin­gelte dann mein Telefon, Otto mel­dete sich: Hallo, hier ist Otto Reh­hagel, ich würde mich gern mit Ihnen treffen.“ Ich dachte, dass ein Freund ein Späß­chen mit mir macht, habe aber zum Glück ganz gut reagiert. Eine Woche später, am 6. Oktober 2001, war ich beim Spiel gegen Eng­land mit dabei. 

Stimmt es, dass Sie tat­säch­lich der ein­zige Mit­ar­beiter von Otto Reh­hagel waren? 
So ist es. Bis zum Jahr 2008 waren wir nur zu zweit, Trainer und Co-Trainer. Die Trai­ner­teams unserer Gegner bestanden meist aus sechs oder sieben Mann. Aber das war kein Pro­blem, denn Otto ist eine ganz große Per­sön­lich­keit. Er hat immer das gemacht, wovon er über­zeugt war und sich nicht rein­reden lassen. 

Welche Ziele hatte Sie intern vor der Euro­pa­meis­ter­schaft 2004 in Por­tugal aus­ge­geben?
Wir hatten uns zuvor in einer schweren Qua­li­fi­ka­ti­ons­gruppe durch­ge­setzt. Unter anderem hatten wir in Spa­nien mit 1:0 gewonnen. Eine sen­sa­tio­nelle Leis­tung! Wir wussten also, dass wir eine wett­be­werbs­fä­hige Mann­schaft hatten. Keine Top­mann­schaft, aber eine, die nicht so leicht zu schlagen war. Wir wollten Grie­chen­land mit Stolz ver­treten. Das ist uns dann ja auch gelungen. Wir über­standen die Vor­runde und räumten im Viertel- und Halb­fi­nale auch noch Frank­reich und Tsche­chien aus dem Weg. 

Wie hat sich die Stim­mung im Ver­lauf des Tur­niers gewan­delt?
In Grie­chen­land herrschte eine rie­sige Euphorie über den Einzug ins Vier­tel­fi­nale. Die Leute waren schon froh, dass wir uns nicht in der Vor­runde bla­miert hatten. Wären wir im Vier­tel­fi­nale gegen Frank­reich raus­ge­flogen, hätte uns das nie­mand übel genommen. Nachdem wir aber auch dieses Spiel gewonnen hatten, spielten plötz­lich alle ver­rückt. Auch intern begannen wir daran zu glauben, dass noch viel mehr mög­lich sein könnte. Nur Otto hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Er war immer auf dem­selben Level. Er hat sich natür­lich auch gefreut, aber er ist nie wirk­lich ausgeflippt. 

Auch nicht, nachdem Ihre Mann­schaft mit 1:0 das Finale gegen Por­tugal gewann?
Doch, das war Wahn­sinn! Wir sind alle durch­ge­dreht. Otto ist aufs Feld gestürmt und hat alle Spieler umarmt. Später ist der Pre­mier­mi­nister in unsere Kabine gekommen und hat uns beglück­wünscht. Reh­hagel ist zu einer Legende geworden. Mit Deutsch­land Euro­pa­meister werden oder mit Bayern die Cham­pions League gewinnen – das können viele. Aber mit Grie­chen­land den Titel zu holen, ist ein­malig. Noch heute fragen mich alle nach ihm. Reh­hagel ist ein High­light in Griechenland. 

Außer­halb Grie­chen­lands gab es aller­dings Kritik an der anti­quierten Spiel­weise Ihrer Mann­schaft, die sich vor allem auf das eigene Abwehr­boll­werk ver­lassen hat.
Wir haben gegen sehr gute Mann­schaften gespielt, da mussten man auf die Abwehr achten. Gegen eine Mann­schaft wie Por­tugal, die Spieler wie Cris­tiano Ronaldo, Luis Figo und Pau­leta in ihren Reihen haben, kann man nicht offensiv spielen. Die hauen dir sonst vier oder fünf Dinger rein.

Sie waren nicht nur Co-Trainer son­dern auch Über­setzer. Im 11FREUNDE SPE­ZIAL Das waren die Nuller“ schreibt Johannes Ehr­mann in Die Zwei“ vom so genannten Topa­lidis-Filter“. Klären Sie uns auf, was ist das? 
Ich habe nicht alles Eins zu eins über­setzt. Wenn Otto die Mann­schaft mit Meine Herren“ begrüßte, sagte ich dann ein­fach paidia“, was so viel bedeutet wie Meine Kinder“. Wir sind ja nicht in der Politik, wo Angela Merkel mit Giorgos Papan­dreou spricht und es auf jede Fein­heit in der Über­set­zung ankommt, um keine diplo­ma­ti­sche Krise aus­zu­lösen. Das ist Fuß­ball und ich habe in die Sprache der Spieler über­setzt. Wie man sieht: Mit Erfolg.

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Neun Jahre lang war Ioannis Topa­lidis Co-Trainer der grie­chi­schen Natio­nal­mann­schaft unter Otto Reh­hagel. Zuvor arbei­tete der gebür­tige Grieche als Coach einiger schwä­bi­scher Ama­teur­ver­eine und zuletzt als Co-Trainer bei Hertha BSC. Im 11FREUNDE SPE­ZIAL Das waren die Nuller“ ana­ly­siert Johannes Ehr­mann in seinem Artikel Die Zwei“ Topa­lidis‘ Rolle beim größten Tri­umph des grie­chi­schen Fuß­balls, dem Titel­ge­winn bei der Euro­pa­meis­ter­schaft 2004.