Herr Büs­kens, bis heute singen die Schalker Fans den Hit Wir schlugen Roda…“. Stimmt es, dass dieser Gesang auf Ihrem Anruf­be­ant­worter seinen Anfang nahm?
Ich kann mich nicht mehr genau daran erin­nern, aber der Ver­fasser ver­si­chert mir immer wieder, dass er ihn auf der Rück­fahrt vom Ach­tel­fi­nal­spiel in Brügge erfunden hat. Dann rief er bei mir an und ein ganzer Bus sang los: Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzon, wir schlagen Brügge sowieso, Tene­riffa, Inter Mai­land und Monaco – das wäre ne Show.“ Also noch im Konjunktiv.

Dann wurde es tat­säch­lich eine Show…
… und was für eine. Eine Show, von der du als junger Fuß­baller nur träumen kannst. Wissen Sie, als Kröte war ich Fan von Borussia Mön­chen­glad­bach, Heynckes, Lienen, Uli Sude, Wil­fried Hannes. Ich ver­folgte die Euro­pa­po­kal­spiele im Radio auf WDR2, obwohl ich eigent­lich schon lange ins Bett musste. Am anderen Tag habe ich dann auf dem Schulhof die Spiele gegen Liver­pool auf der Straße nach­ge­spielt. Selbst mal im Euro­pa­pokal zu spielen, das war für mich schon das abso­lute High­light. Eigent­lich für uns alle, wir waren ja nicht einmal der Favorit für die dritte Runde. Vom Uefa-Pokal-Sieg ganz zu schweigen.

Wie war die Stim­mung inner­halb der Mann­schaft wäh­rend der Saison 1996/97?
Der Zusam­men­halt war ganz beson­ders. Ich glaube, dass Trainer Jörg Berger 1993 bereits den Grund­stein für unseren Team­spirit gelegt hat. Vor seiner Zeit waren wir noch nicht so ein ver­schwo­rener Haufen, Berger aber führte so genannte Kabi­nen­feste“ ein. Dabei saßen wir nach dem Trai­ning in der Umkleide zusammen, mal hat einer Kuchen mit­ge­bracht, ein anderer mal Getränke. So haben wir uns außer­halb des Fuß­balls mit­ein­ander beschäf­tigt, den anderen kennen gelernt. Ber­gers Nach­folger Huub Ste­vens hat diese Treffen weiter gepflegt.




»>Das Werk eines Wahn­sin­nigen: Lesen Sie hier die Hom­mage an Büs­kens‘ Tor in Brügge»>

Hat die Ent­las­sung von Berger im Oktober 1996 auch zu dieser Geschlos­sen­heit bei­getragen? Die Mann­schaft stand in jenen Tagen immens in der Kritik.
Wir galten in der Öffent­lich­keit als die Schul­digen für die Ent­las­sung, das wurde uns nicht gerecht. Diese Mann­schaft wollte sich ent­wi­ckeln, sie war gierig nach Erfolg. Bis auf Thöni hatten die meisten noch keine Titel gewonnen, wir wollten mehr, mehr, mehr. Wir hatten aber das Gefühl, dass die Dinge etwas schleifen gelassen werden. Rudi Assauer hat uns in dieser Situa­tion befragt und wir haben uns geäu­ßert. Doch wir haben Berger nicht ans Messer gelie­fert. Wir waren keine Horde Schwei­ne­priester, die mit der Ket­ten­säge an den Stuhl des Trai­ners gehen.

Das fol­gende Heim­spiel wurde den­noch zum Spieß­ru­ten­lauf.
Die Fans riefen bei der Auf­stel­lung hinter jedem Vor­namen der Spieler nur: Berger. Thöni, Martin und ich hatten am Abend vorher einen all­er­gi­schen Schock erlitten, uns ging es auf dem Platz richtig dre­ckig. Und dann wurden wir offen ange­feindet. Wir mussten mit der grünen Minna vom Sta­dion zur Geschäfts­stelle gebracht werden. Sat.1 hat zwei, drei Spieler zum Inter­view am Sonntag ins Studio ein­ge­laden. Doch wir ent­schlossen uns, mit der kom­pletten Mann­schaft hin­zu­fahren, um uns zu stellen. Zu Ihrer Frage: Ja, wir haben dadurch eine Wagen­burg­men­ta­lität aufgebaut.

In jener Saison gab es wei­tere Rück­schläge: Die beiden Stürmer ver­letzten sich schwer, auf Tene­riffa vergab Johan de Kock einen ent­schei­denden Elf­meter. Wie ist die Mann­schaft damit umge­gangen?
Das alles konnte uns nicht auf­halten. Für uns war diese Saison etwas Ein­ma­liges. So eine Chance, mit Schalke den Euro­pa­pokal zu gewinnen, hast du als Spieler nur einmal im Leben. Da gibt es nur eine Losung: Greif zu! Wir haben in allen sechs Uefa-Cup-Heim­spielen kein Gegentor bekommen, das hat unser Selbst­be­wusst­sein geschärft. Außerdem herrschte im Jahr 1997 eine ganz beson­dere Atmo­sphäre, diese Energie in der Stadt und drum herum hat uns ein­fach getragen. Zum End­spiel nach Mai­land reisten 25 000 Schalker und in jeder Ecke der Stadt wur­dest du auf­ge­baut. Ich habe das mit­be­kommen, weil ich vor jeder Runde aus Aber­glaube Cur­ry­wurst-Pommes essen gegangen bin. (lacht.) Das war der eigent­lich ent­schei­dende Grund für den Titel – ich habe mich geopfert.