Fredi Bobic, gut, dass wir Sie hier im Frank­furter Sta­dion ange­troffen haben. Wir waren schon auf dem Weg zur Geschäfts­stelle am Rie­der­wald.
Sie schauen halt viel zu selten in Frank­furt vorbei. Sonst wüssten Sie, wo ich mein Büro habe. 

Hehe. Wir wollten eigent­lich darauf hinaus, dass die Ein­tracht ihre Räum­lich­keiten weit über das Stadt­ge­biet ver­streut hat.
Wir arbeiten daran, dass sich das rasch ändert. Dieses Jahr beginnen die Bau­ar­beiten für die neue Geschäfts­stelle direkt an der Arena. Die Ein­tracht braucht eine sport­liche Heimat. Der­zeit muss ich einmal ums halbe Sta­dion laufen, wenn ich mit den Mit­ar­bei­tern spre­chen will. Oder mich ins Auto setzen und eben zum Rie­der­wald fahren.

Was wussten Sie von der Ein­tracht, als Sie hier anfingen?
Nur das Übliche. Großer Tra­di­ti­ons­verein, begeis­te­rungs­fä­higes Umfeld, span­nender Arbeits­platz. Aber die ganze Geschichte der Ein­tracht, die legen­dären Euro­pa­po­kal­spiele, die Meis­ter­schaft 1959, das musste ich mir alles erar­beiten. Niko Kovac und ich haben fest­ge­stellt, dass wir früher als Spieler ach­sel­zu­ckend nach Frank­furt gefahren sind, ohne die Stim­mung im Sta­dion wahr­zu­nehmen. Für uns war das ein stink­nor­males Aus­wärts­spiel. Das ist heute natür­lich anders. 

Was ist an der Ein­tracht beson­ders?
Die tiefe Ver­wur­ze­lung des Klubs in der Stadt und der Region. Kaum ein Auto, auf dem nicht ein Ein­tracht-Auf­kleber zu sehen ist. Und nehmen Sie die Stim­mung im Sta­dion. Wir haben in dieser Saison schon so oft daheim ver­loren. In anderen Sta­dien wären die Zuschauer mit gesenkten Köpfen nach Hause mar­schiert oder hätten gepfiffen. Aber unsere Mann­schaft wurde mit Applaus ver­ab­schiedet. Weil die Spieler gekämpft und bis zur letzten Minute gera­ckert haben. Das wird hier hono­riert. Wie enthu­si­as­tisch das Umfeld sein kann, hat man übri­gens auch beim Pokal­fi­nale gesehen. Da war halb Frank­furt in Berlin. 

War das Pokal­fi­nale der Höhe­punkt Ihres bis­he­rigen Schaf­fens in Frank­furt?
Nein, das Halb­fi­nale in Glad­bach! Zum Elf­me­ter­schießen bin ich hin­unter zur Bank gegangen, hab mich locker ange­lehnt und die Situa­tion genossen. Wir waren ja nicht der Favorit. Um mich herum sind alle bei jedem Schuss aus­ge­tickt, zwi­schen­durch hat auch der Sta­di­on­spre­cher ein wenig die Con­ten­ance ver­loren. Und als wir dann gewonnen hatten und sich die große Spie­ler­traube auf dem Spiel­feld bil­dete, dachte ich bei mir: Jungs, ihr steht im Pokal­fi­nale. Ihr wisst gar nicht, was auf euch zukommt!“

Das Finale ging ver­loren.
Aber das End­spiel hat dem Klub und den Anhän­gern großes Selbst­ver­trauen gegeben. Weil selbst die Dort­munder, die ja wirk­lich eine große und aktive Fan­szene haben, hin­terher beein­druckt von der groß­ar­tigen Unter­stüt­zung aus der Frank­furter Kurve waren. Und weil es gezeigt hat, was wir mit harter Arbeit und einem klaren Kon­zept errei­chen können. 

Harte Arbeit, dieses pro­le­ta­ri­sche Ethos wird von Funk­tio­nären oft und gerne bemüht. Was bedeutet das denn kon­kret für die Ein­tracht?
Dass wir eine Vor­stel­lung davon ent­wi­ckeln, wo wir hin­wollen. Auch gerne gewählt werden Aus­sagen wie: Ich arbeite von früh mor­gens bis spät abends. Aber es stimmt. Ich treffe mich mit dem Trainer auch schon mal erst kurz vor Mit­ter­nacht, weil es früher nicht passt. Oder der Fakt, dass ich im Dienste der Ein­tracht fast schon drei Mal die Welt umrundet habe. Wir schauen auf jede Klei­nig­keit, haben ein begeis­te­rungs­fä­higes Team, das mit­zieht. Natür­lich sind wir gerade kein Kan­didat für große Titel. Wir spielen nicht um die Meis­ter­schaft mit. Als wir irgend­wann kurz­zeitig auf Platz drei standen, war das eine schöne Moment­auf­nahme, aber mir war klar: Da gehören wir eigent­lich nicht hin. Der­zeit ist ein ein­stel­liger Tabel­len­platz für die Ein­tracht wie ein Titelgewinn. 

Weiß das auch das Umfeld des Klubs? Ihr Vor­gänger Heri­bert Bruch­hagen war fast täg­lich damit beschäf­tigt, allzu hohe Erwar­tungen zu dämpfen.
Das muss ich gar nicht mehr, jedem hier ist klar: Wir sind ein geho­bener Aus­bil­dungs­verein, wir lie­fern Talente an die Großen. Das bedeutet, dass unsere Aus­sichten, uns den Bayern und Dort­mun­dern anzu­nä­hern, der­zeit und in der näheren Zukunft sehr über­schaubar sind. Aber es haben immer wieder Mann­schaften geschafft, vorne rein­zu­rut­schen. Wenn die großen Mann­schaften schwä­cheln, müssen wir da sein. Dort­mund war schon so gut wie tot – das war 2005 – und ist 2017 eine glo­bale Marke. Und Borussia Mön­chen­glad­bach ist vor fünf Jahren knapp dem Abstieg ent­ronnen. Heute ist das ein her­vor­ra­gend geführter Klub, der immer in der Lage ist, sich für die Cham­pions League zu qualifizieren.