ERSTER AKT

22. April 2009, DFB-Pokal,
Halb­fi­nale

Es regnet aus dunklem Himmel in Ham­burg, natür­lich regnet es in Ham­burg. Ein Drama wird nicht von Sonne beschienen. Im Mit­tel­kreis singt eine Band: Wir sind die Könige des Nor­dens, und es wird alles, wie es einmal war.“ Die Hoff­nung, die neun­zehn Tage später einen grau­samen Tod stirbt, hier wird sie beschworen.

Thomas Schaaf hat in den Tagen zuvor gemahnt, man dürfe nicht den Über­blick ver­lieren, in wel­chem Wett­be­werb man gerade gegen den HSV antrete. Vier Duelle binnen nicht einmal drei Wochen, das hat es so noch nicht gegeben. Ham­burgs Mar­cell Jansen sagt in einem Inter­view: Das werden Schlachten.“ Sein Satz wird hell und heller, wie eine Leucht­ra­kete steigt er auf und taucht den Der­by­ma­ra­thon in glei­ßendes Licht.

Wir fahren über Ham­burg nach Berlin“

Werder, das damals ein anderes Werder ist als heute, ein Sturm-und-Drang-Werder noch, mit Wiese im Tor, mit Naldo in der Innen­ver­tei­di­gung, mit dem genia­li­schen Diego und dem knos­penden Özil, mit Pizarro und Sturm­s­tier Almeida, dieses Werder berennt vom Anpfiff weg das Tor von Frank Rost, als ließe sich der ganze Wahn­sinn durch einen frühen Treffer ver­kürzen. In der elften Minute grätscht Mer­te­sa­cker einen Abpraller ins Netz. Wir fahren über Ham­burg nach Berlin“ singt der Bremer Block.

Der HSV, der damals ein anderer HSV ist als heute, ein HSV, der um die Meis­ter­schaft kämpft, mit Kraft­paket Demel auf rechts und dem umsich­tigen Mathijsen in der Defen­sive, mit dem nim­mer­müden Jarolim im Zen­trum und Petric vorne, mit Olic, Tro­chowski, Boateng, dieser HSV kommt wütend aus der Kabine. In der 67. Minute schießt Guy Demel, Olic fährt den Fuß aus, 1:1. Verlängerung.

Wiese, den sie hier hassen, hält drei Elfmeter

Rosen­berg und Naldo ver­zwei­feln an Rost, der, 35 Jahre alt, ein groß­ar­tiges Spiel lie­fert. Aber auf der anderen Seite steht Tim Wiese, nein, mehr als das, er schwillt, pumpt sich auf, zu Über­le­bens­größe. Von Wiese ist bekannt, dass er an seinen Gegen­übern wächst. Jede Parade von Rost kon­tert er mit einer eigenen. Im Elf­me­ter­schießen pariert Wiese, den sie hier seit einer Kung-Fu-Attacke gegen Olic im Jahr zuvor hassen, drei Ver­suche. Als sich die Arena schon geleert hat, tollt der Mus­kel­protz noch brust­trom­melnd über den Rasen, berauscht von sich selbst und diesem Moment. Werder Bremen steht im DFB-Pokalfinale.