Was für ein Auf­tritt! Wie­sel­flink war der schon etwas betagte, aber durch­trai­nierte Flitzer von der Tri­büne auf den Rasen gehuscht. Noch ehe sich die Spieler der däni­schen Erst­li­gisten Randers FC und Sil­ke­borg IF ver­sahen, hatte er den Mit­tel­kreis erreicht, wo er einen Kopf­stand voll­führte. Ach ja, split­ter­nackt war er oben­drein.

Dass der Mann, der da mit bau­melndem Penis posierte, in Randers und in ganz Däne­mark eine lebende Legende ist, machte das Ganze noch unan­ge­nehmer. Es han­delte sich näm­lich um Lars Els­trup (53), den däni­schen Euro­pa­meister von 1992. Wer die Dimen­sion dieser Pein­lich­keit noch immer nicht erfasst hat, der stelle sich vor, Lothar Mat­thäus oder Andreas Brehme würden — nein, das würden sie ganz sicher nicht!

Für ihn durfte es auch mal ein Bier sein — oder zwei

Was Lars Els­trup an jenem 26. August 2016 im Bio­Nutria Park“ von Randers darbot, war der vor­läu­fige Höhe­punkt eines Dramas. Schon als Aktiver wan­delte der gelernte Mit­tel­stürmer häufig links und rechts der vor­ge­ge­benen Pfade.

Ziga­retten, Alkohol, Frauen, Partys – Els­trup war in der 92er EM-Mann­schaft einer der lebens­lus­tigsten. Wäh­rend sich Schmei­chel, Povlsen, Chris­tofte & Co. der Legende nach von Cola und Big Macs ernährten, durfte es für ihn auch mal ein Bier zum Essen sein. Oder zwei.

Das EM-Finale war für Els­trup ein trau­riger Tag

Doch Els­trup lie­ferte auch auf dem Platz: Sein Jokertor zum 2:1‑Sieg über Frank­reich sicherte den Skan­di­na­viern, die erst auf­grund der Dis­qua­li­fi­ka­tion Jugo­sla­wiens ins Teil­neh­mer­feld gerückt waren, das Halb­final-Ticket. Dort traf Els­trup auch im Elf­me­ter­schießen gegen Hol­land und wurde einmal mehr als Held in Rot und Weiß gefeiert. Der Ruhm und die Aner­ken­nung der Kol­legen wirkten wie Drogen auf ihn.

Doch dann kam das End­spiel gegen Deutsch­land (2:0). Für Däne­mark ist dieser 26. Juni 1992 bis heute ein his­to­ri­scher Fei­ertag. Für Els­trup, der das Match 90 Minuten lang von der Bank ver­folgen musste, war es ein trau­riger Tag.

Sekte und Selbst­mord­ver­suche

Frü­here Weg­be­gleiter sehen die Nicht-Berück­sich­ti­gung im Finale sogar als Ur-Kata­strophe im Leben des stolzen Stür­mers. Von da an ging es nur noch bergab. Dabei hatte Joker Els­trup ein­fach nur Pech gehabt: Der Spiel­ver­lauf – Däne­mark führte früh mit 1:0 – machte die Ein­wechs­lung eines Angrei­fers über­flüssig.

Rund zehn Monate nach dem End­spiel von Göte­borg been­dete der frus­trierte Lars Els­trup, gerade erst 30 Jahre alt geworden, seine Kar­riere. Doch ohne Stol­len­schuhe verlor er schon bald jeg­li­chen Halt.

Els­trup trat in eine obskure Sekte namens Son­nen­herz“ ein, nannte sich fortan Dorando“ und hauste mit seinen Glau­bens­brü­dern in einem her­un­ter­ge­kom­menen Holz­haus auf der Insel Fünen. Das ange­strebte See­len­heil fand er dort nicht, im Gegen­teil: Der frü­here Legionär von Feye­noord Rot­terdam und Luton Town unter­nahm nach eigenen Angaben meh­rere Selbstmordversuche.