Aus­giebig ver­folge ich mit erregten Fin­ger­spitzen deine Brüste“, raunt Pep Guar­diola um 20.43 Uhr, und der Mode­rator neben ihm lächelt errö­tend. Er raunt es in die Hitze des Münchner Junia­bends hinein, er raunt es auf Kata­la­nisch. In einer Sprache also, in der für deut­sche Ohren eigent­lich jeder belie­bige Satz klingt wie: Aus­giebig ver­folge ich mit erregten Fin­ger­spitzen deine Brüste.“ 

Aber es ist keine Som­mer­nachts­fan­tasie, er raunt es ja tat­säch­lich, der Trainer des FC Bayern. Seine gepflegte Glatze schim­mert im Schein­wer­fer­licht wie ein lang ersehnter Pokal, der Fünf­ta­ge­bart kratzt lasziv am Mikrofon. Für die 350 Zuhörer im aus­ver­kauften Lite­ra­tur­haus, die mit tro­ckenen Kehlen im Halb­dunkel sitzen, wird das kata­la­ni­sche Ori­ginal von einem Schau­spieler ins Deut­sche über­setzt. Das klingt dann zwar nicht mehr ganz so lei­den­schaft­lich, aber die Tem­pe­ratur im Saal steigt trotzdem gleich um wei­tere fünf Grad auf jen­seits der dreißig. Erregte Fin­ger­spitzen: meine Güte! 

Brüste: Da legst di nieda!

Aparte Lite­ra­tur­kreis­damen fächeln sich mit ihren Reser­vie­rungs­zet­teln Luft zu, eine Nach­wuchs­au­torin im geblümten Som­mer­kleid notiert die ero­ti­sche Zeile in Schön­schrift in ihr Büch­lein, auf dessen Ein­band Für meine Gedanken“ steht, und zwei bul­lige Spezln in Bay­ern­tri­kots und Drei­vier­tel­hosen schauen ein­ander so ver­klemmt lüs­tern an, als hätten sie soeben die junge Senta Berger nackt im Freibad gesehen. Brüste: Da legst di nieda! Der Licht­baum der Sinne“, fährt Guar­diola mit hyp­no­ti­schem Timbre fort, sei bevöl­kert von Blät­tern und Vögeln.“ 

Es ist der Tag vorm Trai­nings­auf­takt an der Säbener Straße. Ein letztes Mal will der Verein mit seinen alternden Kämpen Lahm, Robben und Ribéry den Gipfel des Fuß­balls in Angriff nehmen. Der vierte Meis­ter­titel in Folge, der erneute Gewinn der Cham­pions League: Es soll die Voll­endung einer Ära werden. Und auch für Guar­diola wird die kom­mende Saison erweisen, ob seine Amts­zeit nun super war oder super­super oder viel­leicht noch mehr oder doch wesent­lich weniger. Was plant der Mann, von dem zwi­schen­zeit­lich ange­nommen wurde, er sei derart genial, dass er den Ball höchst­selbst ins Tor denken könnte? Von dem dann jedoch, nach dem Aus­scheiden im Halb­fi­nale gegen den FC Bar­ce­lona, ange­nommen wurde, dass seine Theo­reme sogar ihm zu hoch seien? Man weiß es nicht. Guar­diola gibt keine Inter­views, er beant­wortet nur ein paar Fragen auf Pres­se­kon­fe­renzen, die in ihrer Zusam­men­hang­lo­sig­keit das große Ganze auch nicht sicht­barer machen.