Mara­canã schweigt diesmal nicht. Anders als nach dem letzten Spiel der WM 1950, als der Uru­gu­ayer Alcides Ghiggia mit seinem Siegtor die bra­si­lia­ni­schen Gast­geber in Agonie stürzte. Augen­blicke bevor Philipp Lahm der Pokal über­reicht wird, ist es ohren­be­täu­bend laut im rund­erneu­erten Sehn­suchtsort des Fuß­balls. Das rhyth­mi­sche Hüpfen der deut­schen Spieler wird unter­malt vom hellen Krei­schen zehn­tau­sender Zuschauer. Dann aber schält sich aus dem unsor­tierten Geschrei plötz­lich der syn­ko­pi­sche Ruf der bra­si­lia­ni­schen Pro­test­be­we­gung. Hey Dilma, vai tomar no culo“, skan­dieren die Bra­si­lianer in Rich­tung ihrer Prä­si­dentin Dilma Rousseff, die neben FIFA-Boss Sepp Blatter auf der Ehren­tri­büne steht: Hey Dilma, steck es dir in den Arsch!“

In diesem Moment kommen noch einmal all die poli­ti­schen und sozialen Pro­bleme zum Vor­schein, die dieses Tur­nier seit der Ver­gabe begleitet haben. Nie zuvor war eine WM von derart gegen­sätz­li­chen Gefühlen begleitet: Von der Wut über den Grö­ßen­wahn der Politik, der Gigan­to­manie, mit der das boo­mende Bra­si­lien beweisen wollte, dass es die beste WM aller Zeiten aus­richten kann. Von der Fas­sungs­lo­sig­keit über die unstill­bare Gier der FIFA. Ande­rer­seits aber auch von der großen Vor­freude auf ein Sport­er­eignis in einem Land, das wie kein anderes für die Schön­heit und Lei­den­schaft des Fuß­balls steht. Und auch des­halb die Hoff­nungen der deut­schen Fans nährte, nach 24 Jahren end­lich wieder einen WM-Titel zu feiern. Als Philipp Lahm im Lamet­t­a­regen den Welt­pokal in den Himmel reckt, wei­chen die Pro­test­rufe der Begeis­te­rung – und zumin­dest ein Ver­spre­chen wird ein­ge­löst: Zumin­dest ein Teil der Sommermärchen“-Generation tritt nicht ohne Titel ab.

His­to­riker werden ermit­teln müssen, wann sich alles zum Guten gewendet hat. Warum es am Ende dieser fas­zi­nie­renden, von so vielen sport­li­chen Wen­dungen geprägten WM auf einmal logisch erschien, dass die deut­sche Elf das Zeug zum Welt­meister hat. Warum auf der Short­list der Wahl zum Spieler des Tur­niers mit Thomas Müller, Toni Kroos, Mats Hum­mels und Philipp Lahm gleich vier aus dem DFB-Kader auftauchten.

Schließ­lich ist vom guten Gefühl, das der Fuß­ball des deut­schen Teams seit einigen Jahren bei seinen Anhän­gern erzeugt hat, wenig geblieben, als die Mann­schaft von Süd­tirol in ihr Quar­tier im bra­si­lia­ni­schen Bes­ser­ver­die­nenden-Hot­spot Porto Seguro auf­bricht. Der halben Stammelf man­gelt es an Fit­ness und Spiel­praxis: Bas­tian Schwein­s­teiger, Sami Khe­dira, Mario Götze, André Schürrle, Mesut Özil und Miroslav Klose haben grö­ßere Teile der Saison auf Ersatz­bänken oder in medi­zi­ni­schen Ein­rich­tungen zuge­bracht. Die Abwehr der DFB-Aus­wahl gilt schon länger als löch­rige Groß­bau­stelle, auf der eine ver­läss­liche Beset­zung auch dadurch erschwert wird, dass Joa­chim Löw Kapitän Philipp Lahm von seiner gewohnten rechten Außen­po­si­tion ins Mit­tel­feld beor­dert hat. Zu allem Über­fluss zieht sich Marco Reus, der her­aus­ra­gende Akteur der zurück­lie­genden Spiel­zeit, im letzten Freund­schafts­spiel gegen Arme­nien eine kom­pli­zierte Bän­der­ver­let­zung zu. Doch der Bun­des­trainer ersetzt den ide­en­rei­chen Angreifer nicht etwa durch einen zweiten Stoß­stürmer, son­dern durch Shko­dran Mus­tafi, einen jungen Ver­tei­diger in Diensten von Sam­pdoria Genua, der selbst Experten weit­ge­hend unbe­kannt ist.

Die Jour­naille ist sicher: Wenn Löw auf solche Mittel zurück­greifen muss, ist er ent­weder kom­plett ahnungslos, ein sturer Hund oder mit seinem Latein am Ende.

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