Paul war Eng­länder. Man erkannte das schnell. An seinem sehr bri­ti­schen Eng­lisch und an seinem sehr bri­ti­schen Trink­ver­halten. Paul trank Bier. Und in den Bier­pausen trank Paul Cai­pi­rinha. Nach der viel­leicht dritten Bier­pause umarmte er mich und sagte: Es ist für uns so schwer geworden, euch zu hassen.

Mit uns meinte Paul, der Eng­länder, sich und die Eng­länder. Mit euch meinte er mich und die Deut­schen. Pauls Ansprache war, wie es sich für Knei­pen­abende gehört, die langsam beginnen und dann in Völ­ker­ver­stän­di­gung enden, die Umar­mung des Glo­balen. Für ihn waren wir dort, an dieser Bar, gleich auch Bot­schafter unseres Landes. Klas­si­sche Cachaca-Diplo­matie, auf deren Höhe­punkt Paul, Invest­ment­banker aus London, irgend­wann sagte: Ich liebe die Deut­schen. Und mit den Deut­schen meinte er nicht mehr mich, meinte er nicht mal mehr die Deut­schen an sich. Son­dern die deut­sche Natio­nal­mann­schaft, die wenige Stunden zuvor die USA mit 1:0 geschlagen hatte.

Oh, Ger­many

Und ich brauchte eine Bier­pause lang, um das wirken zu lassen, um zu begreifen, dass sich da viel­leicht tat­säch­lich etwas ver­än­dert hat. In der Wahr­neh­mung des Deut­schen, der Deut­schen. Weil Paul nicht der erste war, nicht in dieser Bar und nicht mal an diesem Abend, dessen Blick sich ver­klärte, als er merkte, dass ich aus Deutsch­land kam.

Oh, Ger­many, sagten sie. Und es klang wie der Beginn einer Hymne, die gerade erst geschrieben wurde. Die deut­sche Mann­schaft, bei Welt­meis­ter­schaften immer schon Favorit, immer auch Feind­bild, war hier in Bra­si­lien immer noch Favorit, zum Feind­bild aber taugte sie nicht mehr. Das wusste ich im Grunde seit 2006, seit den Som­mer­mär­chen­tagen der WM in Deutsch­land. Und erst recht seit 2010, als die Mann­schaft in Süd­afrika, neu, tän­zelnd, den deut­schen Ruck­sack, der so schwer wiegen kann, ein­fach abstreifte. 

Das rich­tige Caipirinha-Stromausfall-Verhältnis

Selbst, am eigenen Leib, erfuhr ich es jedoch erst auf einer Insel im Atlantik. Wenige See­meilen nur vor der bra­si­lia­ni­schen Küste. Durch Paul, aber eben nicht nur. Eigent­lich war ich auf diese Insel gekommen, um dem Fuß­ball zu ent­fliehen. Nach einer Eröff­nungs­woche in Sao Paulo und einer wei­teren in Rio de Janeiro, im Men­schen­stau der Copa­ca­bana, war ich müde geworden vom Vor­über­ziehen der Städte. Kurze Pause, zu den Ach­tel­fi­nals wollte ich zurück sein. Doch auf der Insel wurde die Welt­meis­ter­schaft, die Euphorie der Völker, oben nur Sonne, drum­herum nur Ozean, wie unter einem Brenn­glas ver­dichtet. Und die Insel selbst zur Miniatur einer Welt, ein Babel auf wenigen, mit Regen­wald bewach­senen, von Stränden umge­benen Quadratkilometern.

Weil alle dort waren. Eng­länder, Aus­tra­lier, Bel­gier. Dazu Chi­lenen, Fran­zosen und US-Ame­ri­kaner. Sie bevöl­kerten diese Insel, auf der es weder Autos gab noch einen Geld­au­to­maten, und Internet nur an ständig wech­selnden Strand­ab­schnitten zu ständig wech­selnden Tages­zeiten.
Hin und wieder fiel der Strom aus, wes­halb sich alle, die auch wei­terhin WM schauen wollten, in einer Bar trafen, die das rich­tige Cai­pi­rinha-Strom­aus­fall-Ver­hältnis bot. Das hieß, die Drinks hielten dort so lange wie das Bild. Und das war, bit­te­schön, mehr, als man erwarten konnte.

Die Insel ist nun ein Ort, an dem man erst einmal sich selbst, dann aber auch die anderen aus­halten muss. Weil es unmög­lich ist, sich aus dem Weg zu gehen. Eine Insel ist ein Ver­dich­tungsort. Intim­buil­ding­maß­nahme unter Palmen. Und eine solche Bar auf einer sol­chen Insel ist dann erst recht eine Begeg­nungs­stätte, an der es nur zwei Fragen gibt: Woher kommst du? Und: Was trinkst du? Die Rei­hen­folge ist dabei egal, beides bringt das Gespräch glei­cher­maßen in Gang.

Wobei die erste, schon immer die weitaus schwie­ri­gere war, für mich als Deut­schen. Man läuft als Deut­scher, den schon erwähnten Ruck­sack auf den Schul­tern, in der Fremde immer gleich ein biss­chen gebückter, fühlt sich bei der Frage nach dem Woher sofort ertappt. Und spricht den Ort der Geburt dann aus wie eine Ent­schul­di­gung. Denn Deutsch, das sind Männer, die sich selbst Schlach­ten­bummler nennen. Männer mit Gesich­tern aus Schweins­leder. Lands­leute, wie das schon klingt.

Dis­zi­plin und Ordnung

Wenn man als Fuß­ball­an­hänger Deutsch­land brüllt, brüllt man eben auch immer in das Echo der Geschichte. Das ver­mischt sich dann. Auch mit den Kli­schees. Dis­zi­plin und Ord­nung. Sie eilten lange voraus, rollten voran, die Vorhut humor­loser Panzer. Und Fuß­ball wurde, vor diesem Hin­ter­grund: Stell­ver­tre­ter­krieg. Blitz­krieg­ab­leiter. Hier aber, auf der Insel, war alles anders.

Ich sagte: Deutsch­land. Und die anderen lächelten, holten mich an ihren Tisch. Die Chi­lenen, die Hon­ecker nicht kannten, dafür aber Löws Startelf aus­wendig wussten. Sie riefen: Klosy, riefen: Eswein­steiga, riefen Goethe und meinten Goetze, riefen sogar: Matt­su­cker. Als wären das die neuen Gruß­for­meln eines ganz neuen Esperanto.

Weil sie Thomas Broich liebten

Wäh­rend des Spiels gegen die USA saßen einige Männer in Deutsch­land-Tri­kots unter dem Zelt­dach der Bar, keiner von ihnen war Deut­scher. Sie waren aus Chi­cago, Tel Aviv, aus London. Und dort saß auch ein halbes Dut­zend Aus­tra­lier. Sie kamen aus Bris­bane und hielten Gott für einen Deut­schen, den die Deut­schen einmal Mozart genannt hatten. Sie liebten den deut­schen Fuß­ball, weil sie Thomas Broich liebten.
Schwein­s­teiger mochten sie auch, aber Thomas Broich hatte ihnen zwei Meis­ter­schaften geschenkt. Und im Grunde war das auch egal, weil die Ver­nei­gung vor Broich die Ver­nei­gung war vor einem deut­schen Fuß­ball, dessen Ver­spre­chen dieser Broich einmal war. Ein Ver­spre­chen auf das schöne Spiel, ein­ge­löst schließ­lich, mit der Ver­zö­ge­rung einer halben Genera­tion, von Kroos, Özil, Müller.

Paul, der sich irgend­wann dazu­ge­setzt hatte, liebte die Deut­schen, weil er Arsenal liebte. Also auch Özil, Podolski oder eben jenen Matt­su­cker. Und weil seine Natio­nal­mann­schaft von Wayne Rooney ver­kör­pert wird, was selbst für die Liebe eines Eng­län­ders zu wenig ist. Aber da war noch mehr. Deutsch­land, sagte Paul, hat in den ver­gan­genen Jahren alles richtig gemacht. Eng­land aber alles falsch. Und erzählte dann eine Geschichte, die 2001 begann, mit dem 5:1 der Eng­länder in Mün­chen, Heskey und Owen, in Blo­em­fon­tain ihren Höhe­punkt erreichte, Klose, Müller, und schließ­lich zurück in die Gegen­wart einer bra­si­lia­ni­schen Insel führte.

Und heute, sagte Paul, habt ihr diese jungen Spieler. Und wir haben Rooney. Nachdem er eine kurze Pause gemacht hatte, begann Paul zu singen. Sang ein Lied, das die Eng­länder oft gesungen haben, wenn sie auf die Deut­schen trafen. Weil das dann doch dazu gehört. Knei­pen­folk­lore. Biss­chen auch bri­ti­scher Spaß an der Ironie. There were Ten German Bom­bers in the Air. And The RAF from Eng­land Shut one Down.

Ein Deutsch­land ohne Müller, das wäre kein Deutsch­land mehr

In diesem Lied also, das mal ein Kin­der­lied war wäh­rend des Zweiten Welt­kriegs, werden zehn deut­sche Bomber von der Royal Air­force abge­schossen. Und es ist nicht schwer, sich vor­zu­stellen, warum gerade diese Stro­phen ihren Weg auf die Tri­bünen fanden, als Hymne gegen die fucking Ger­mans.
Wenn da vorne ein Bomber lauert, im weißen Trikot, dann können die anderen neun nicht weit sein. Einen Müller hat Deutsch­land noch immer. Er trägt wieder die 13. Er trifft wieder im Fallen. Ein Deutsch­land ohne einen Müller, sagte Paul, das wäre ja auch kein Deutsch­land mehr. Aber der Müller von heute ist ein seh­niger Grenz­gänger, der auch in einem eng­li­schen Pub bei einem Stand-Up-Abend bestehen würde. Die Lieder von früher, sagte Paul, werden des­halb auch kaum noch gesungen. Die Bomber, sie sind verschwunden.

Und schließ­lich sagte Paul noch etwas, an einem Abend, da ein 5:1 in Mün­chen in den Köpfen unter dem Bar­zelt noch die größte vor­stell­bare Demü­ti­gung war. Er sagte: Ich glaube, Deutsch­land wird Welt­meister. Alle Eng­länder, die ich kenne, glauben das. Und viele hoffen es auch.
Dann bestellte er, der Eng­länder, noch mehr Bier. Auch, weil sich Kli­schees eben am besten mit Kli­schees her­un­ter­spülen lassen.