Herr Eberl, Sie spre­chen unheim­lich schnell.“
 
Als dieser Satz im Gespräch fällt, ver­siegt für einen Moment der Rede­schwall des Glad­ba­cher Mana­gers. Doch es dauert nur Sekun­den­bruch­teile, bis sich der Nie­der­bayer wieder fängt.
 
Ja, ich weiß, Sie müssen ent­schul­digen, aber mir geht immer so wahn­sinnig viel durch den Kopf. Ich will doch, dass die Leute mich richtig ver­stehen.“
 
Es gibt schlech­tere Vor­aus­set­zungen für ein Inter­view, als Gesprächs­partner, die sich kaum bremsen können.
 
Rainer Bonhof und Max Eberl sitzen in der leder­be­zo­genen Ecke einer VIP-Loge des Borussia-Parks und bli­cken aus schmalen Augen. Es ist ein son­niger Mon­tag­morgen, die Glad­ba­cher haben am Wochen­ende ihr Aus­wärts­spiel in Han­nover ver­loren. Doch die Stim­mung ist okay. Der Klub ist nach wie vor auf Europacupkurs.

Eberl war ein Königs­transfer
 
Was für ein Pro­blem sollen die beiden Vete­ranen haben? Im Winter 1998/99 holte Bonhof als Trainer das Urviech Eberl an den Nie­der­rhein. Der Klub schlin­gerte seinem ersten Bun­des­li­ga­ab­stieg ent­gegen, die Hei­zung im Mann­schaftsbus war kaputt, die medi­zi­ni­schen Mate­ria­lien gingen – und ein ein­satz­freu­diger Rasen­mäher wie Max Eberl war in diesen chao­ti­schen Monaten schon fast ein Königs­transfer. Seite an Seite sind die beiden mit dem stolzen Fohlen-Klub damals in die zweite Liga gegangen.
 
Egal. Denn nachdem Eberl im Herbst 2008 vom Nach­wuchs­leiter zum Sport­di­rektor beför­dert wurde – und Bonhof nur wenige Monate später Vize-Prä­si­dent –, hat die Borussia eine umständ­liche Meta­mor­phose voll­zogen. Nach dem Fast-Abstieg und der nie­der­ge­run­genen Revo­lu­tion durch Effen­bergs Initia­tive Borussia“ im schick­sal­haften Früh­ling 2011, ging es wieder bergauf. Und seither weht ein Hauch von Foh­len­schweiß durch die Arena und über die Trai­nings­plätze. Marc-André ter Stegen, Marco Reus, Marco Marin, Mar­cell Jansen, Dante, Roman Neu­städter – kaum ein Mit­tel­klas­se­verein der Bun­des­liga hat in den ver­gan­genen Jahren derart hoch­ka­rä­tige Spieler ent­wi­ckelt und für gutes Geld veräußert.

Worte wie Maschi­nen­ge­wehr­salven
 
Ins­be­son­dere im Falle vom Keeper Marc-André ter Stegen, der Glad­bach bald gen Bar­ce­lona ver­lassen wird, fällt diese Tat­sache trotz der immensen Summen nicht immer ganz leicht. Zumal das Tor­wart­ta­lent fast sein ganzes bis­he­riges Leben für die Borussia gespielt hat. Aber es geht nun mal nicht anders. Und diesen ganzen Wahn­sinn, diese schaurig-schöne Story vom klammen Abstiegs­kan­di­daten bis zum gut situ­ierten Empor­kömm­ling auf Schlag­di­stanz zur Spit­zen­gruppe, die ver­sucht Eberl nun in atem­loser Geschwin­dig­keit in seine Ant­worten zu verpacken. 

Die Worte kommen wie Maschi­nen­ge­wehr­salven. Drrd-drrrd-drrrd. Und wenn Rainer Bonhof zwi­schen­durch ein­hakt und aus­holt, um zu erklären, wie sich der Eberl, dieser eins­tige Blut­grät­schen-Experte nach der aktiven Kar­riere zum gewieften Funk­tionär ent­puppte, wirkt der schnei­dige Vize neben dem Dieter-Thomas-Heck-Imi­tator fast wie ein Wie­der­gänger des ost­west­fä­li­schen Gemäch­lich­keit-Come­dians Rüdiger Hoff­mann.
 
Bonhof, mit hinter dem Kopf ver­schränkten Armen: Der Max… hat im Nach­wuchs­be­reich dieses Klubs gelernt… und dabei mit­be­kommen, welche Fehler viel­leicht seine Vor­gänger machten… und wie man sie ver­meidet. Das sorgt dafür…, dass ihm heute kaum noch Fehler unterlaufen.“

Rainer, Du Sack!“
 
An diesem Punkt blitzen Eberls Augen. Er kann sich ein Lächeln nicht ver­kneifen, denn er weiß, was jetzt kommt. Er setzt schon an und hält sich im letzten Moment zurück.
 
Reporter: Welche Fehler macht er denn noch?“
 
Da, es ist zu spät. Es muss jetzt raus. Eberl ruft: Rainer, Du Sack, warum lässt Du hier Raum für Spe­ku­la­tionen?“
 
Und lacht seinen Vize­prä­si­dent so her­aus­for­dernd an, wie D’Artagnan Mus­ke­tier Artos, als dieser ihn zum Duell auf­for­dert. Man kann sich in diesem Moment genau vor­stellen, wie die kon­tro­versen Dis­kus­sionen in den Prä­si­di­ums­sit­zungen ablaufen. Wenn Max Eberl und Lucien Favre einen neuen Transfer vor­schlagen und Rainer Bonhof, Hans Meyer und die Herren in den grauen Anzügen mit hoch­ge­zo­genen Augen­brauen ihre Nach­fragen plat­zieren. Zwei­fellos, die Borussia hat durch ihren ker­nigen Manager eine akku­rate Blut­auf­fri­schung erfahren.

Bonhof aber lässt sich nicht ins Bocks­horn jagen. Der Mann, der Ray Cle­mence in den Sieb­zi­gern allein mit seinen zu Schlitzen ver­engten Augen derart Angst machte, dass der Liver­pooler Keeper bereit­willig jeden von Bon­hofs Frei­stoß pas­sieren ließ; der als Adju­tant von Natio­nal­coach Berti Vogts noch jeden Grot­ten­kick cool weg­mo­de­rierte, gibt auch hier die rich­tige Antwort. 

Lau­gen­bretzel kann er nur schwer wider­stehen“
 
Reporter, noch einmal: Rainer Bonhof, welche Fehler macht er denn noch?“
 
Bonhof: Naja, im Bereich Lau­gen­bretzel kann er nur schwer wider­stehen.“
 
Als 11FREUNDE-Foto­graf Dominik Pietsch nach dem Inter­view auf die VIP-Tri­büne bittet und Eberl und Bonhof an einem Wel­len­bre­cher dra­piert, sehen die beiden auf dem Rasen die Gre­en­keeper arbeiten. Bonhof ruft in Trai­ner­ma­nier ein paar Anwei­sungen runter, um ein biss­chen Show zu machen. Eberl stimmt leise ein in den Chor der Meckerrentner.

Dann will ich mal jetzt zum Zahn­arzt gehen“
 
Bonhof sagt: Wie Wal­dorf & Statler“. Eberl nickt und lacht. Von den Muppet-Greisen stammt fol­gender Dialog:
 
Tja, dann will ich mal jetzt zum Zahn­arzt gehen.“
Jetzt?“
Aber klar! Nach dieser Show kann nichts mehr weh tun!“
 
Eberl und Bonhof haben mit dafür gesorgt, dass solche Schnacks schon länger nichts mehr mit den Rea­li­täten bei Borussia Mön­chen­glad­bach gemein haben.

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Dieser Artikel erscheint ergän­zend zum großen Inter­view mit Max Eberl und Rainer Bonhof in 11FREUNDE #148. Jetzt im Handel oder im App-Store.