Goo­gelt man Rumä­nien“, erstreckt sich die Aus­wahl von Hunde“ über Stra­ßen­hunde“ bis Tier­quä­lerei“. Was mache ich hier eigent­lich? Von Sonn­tag­abend bis Don­ners­tag­mittag habe ich aus­rei­chend Zeit dies zu beant­worten. Zunächst freut man sich wahn­sinnig über die Bestä­ti­gung von Ver­eins­seite, dass man in Gel­sen­kir­chen Bus Nummer 1“ auf­zu­su­chen hat. Man sagt sich: Geil. Ich bin nicht allein. Es gibt jede Menge andere, denen auch ein paar Syn­apsen fehlen.“ 

Das Gewissen ist beru­higt. 218 € sind gut inves­tiert. Und auf eine Woche Uni­ver­sität lässt sich gut ver­zichten. Die Freundin findet es sogar super, dass ihr Geliebter eine Lei­den­schaft hat, die mit Angeln und Golfen nichts zu tun hat. Vor Ort ange­kommen, sucht man fast ver­geb­lich Bus Nummer 1“. Fast. Es gibt näm­lich nur einen. Ich nehme alles zurück. Ein Psych­iater ist auf­zu­su­chen und das auf schnellstem Wege. 

Leo raucht seine 104. Zigarette

Es war wie in Ben Hur. Am Ende bleibt eben nur eine Karre übrig. Nur, dass Jens Keller nicht Charlton Heston ist. 4:14 Uhr. Laut Wet­ter­be­richt droht Blitz­eisge­fahr. Keine Sorge. Der Bus­fahrer sagt: Straße is tro­cken. So wie ihr Lut­scher, haha!“ Ich denke an meine Freundin, an ein warmes Wohn­zimmer, an die Tat­ort­wie­der­ho­lung auf Eins­fes­tival, an die Russ-Meyer-Reihe auf Tele 5. An ein­fach alles, was gut ist. 

Vor mir raucht Leo (49) seine 104. Ziga­rette. Camel. Ganz klas­sisch. Ein Lini­enbus über­holt uns mit einem Fahr­gast auf der Auto­bahn. Es fühlt sich plötz­lich wie Pott an, nur ist es Bayern. Horst See­hofer mit 90% wie­der­ge­wählt. Nein, ich bin ganz sicher nicht in Herne. Langsam geht die Sonne auf. Viel­leicht die schönste meines Lebens. Falls ich sie durch den Ziga­ret­ten­qualm erkennen kann, melde ich mich.

Wer köpft den Nagel in die Wand? Ebbe, Ebbe Sand“

Öster­reich Now, Redux. End­lich in einem Land ohne Koali­ti­ons­streit. Mehr muss man nicht wissen. Eigent­lich hätte ich in zwei Stunden Medi­en­theorie“ in einem muf­figen und über­füllten Uni­saal, würde mich mit Mar­shall McLuhan und Walter Ben­jamin prü­geln. Doch nein. Ich sitze lieber mit Leo und meinem Kumpel im 50Mann-Bus und trinke Maria­cron zum Wach­werden. Geil. Männ­lich. Gen­der­frei. Yeah. Wir machen hier eine Pause. Es ist näm­lich alles egal. Scheiß egal. Oder wie Leo weiß: Hömma, ob Unner­stall oder Hil­de­brand – dat is doch alles Latte wie Peng!“. Ich komm auf keinen grünen…Baum mehr! Dann schon lächelt uns der Hin­weis Mart­rica“ an. Wir sind im Ex-Lande des Loddar. 

Die Stim­mung im Bus ist nicht zu toppen. Sind ja auch gleich da. Wie aus hus­tenden Kriegs­hör­nern schallt es: Wer köpft den Nagel in die Wand? Ebbe, Ebbe Sand!“ War früher wirk­lich alles besser? Die Cha­rak­tere viel­leicht? Nein. Das kann nicht sein. Noch nicht. Noch hat der Trainer alle vor­ge­ge­benen Ziele“ erreicht. Na, herz­li­chen Glückwunsch.

Es steigt keiner aus“

In Buda­pest wird der Flug­hafen ange­fahren. Zwei Frauen mit Koffer und Strohhut steigen aus dem Taxi vor uns. Male­diven, Karibik, wegen mir auch Malle. Ich atme durch. Bestimmt steigen gleich alle aus und kurze Zeit später sitz ich an einer Strandbar vor blauem Meer. Es steigt keiner aus! Wir füllen nur kurz Bier nach!“ haut es mich aus den wahr­lich wag­hal­sigen Träumen. End­sta­tion Sehnsucht. 

Wenn man in Buda­pest den Flug­hafen anfährt, damit von dort aus zuge­flo­gene Bus­fahrer auf halber Strecke zusteigen, weißt du, was Phase und ganz sicher nicht Male­diven ist. Kurze Zeit später lachen einen Bock­wurst und leckerer, selbst­ge­machter Nudel­salat an. Mehr Pol­ter­abend geht nicht. Ich fühl mich wohl. Und die Welt ist in Ord­nung. Prost, ihr Schi­m­anskis! Ich bin übri­gens Nicolas Cage in Lea­ving Buka­rest“. Totsaufen will ich mich. Totsaufen! Und das auf höchstem Niveau. Alles für den Club!

Als dann auf Höhe Linz die Rede von Marco van Hoog­dalem ist und Leo meint, dass das noch Typen“ waren, bin ich das zweite Mal der Mei­nung, dass Alkohol eine Lösung ist. Danach schlafe ich ein. Zum Glück. Denn putz­munter wieder wach, bekomme ich froh­lo­ckend mit­ge­teilt etwas ver­passt zu haben. Vor einer halben Stunde hat sich der Typ hier von oben bis unten voll­ge­kotzt!“. Mein Kumpel kann sich vor Lachen kaum halten, wäh­rend der Typ“ seine und die Kla­motten seines Neben­mannes gleich mit im Müll­sack ver­schwinden lässt. Die Krö­nung ist nur noch die Andro­hung eines weib­li­chen Wesens vor uns, ihm bei nächster Gele­gen­heit aufs Maul zu hauen“. 

Zum x‑ten Male läuft im Repeat-Modus der jetzt schon zum Kult beschwo­rene Hitmix“, ein end­loser Rhythmus mit allen Klas­si­kern der Schla­ger­musik. Draußen schneit es. Die Kälte klet­tert durch die Rahmen der Fenster und die Stra­ßen­be­leuch­tung nimmt langsam aber sicher ab. Sicher sind wir gleich da. 

Zwölf Per­sonen in einem Sprinter

Übri­gens heißt es ja immer Wir lassen nie­manden zurück“. Dem konnten wir leider keine Folge leisten. Einen hatte es bereits erwischt. Einen, dem kurz vor Öster­reich ein­fiel, keinen Per­so­nal­aus­weis dabei zu haben. Nur gut, dass Jens Keller seinen Trai­ner­schein dabei hat. Sonst würde ihm das Führen einer Pro­fi­mann­schaft näm­lich keiner abnehmen. Es wurde wieder dunkel. 

Noch kurz erblickte man Umrisse von Land, sehr viel Land. Danach hofft man auf das Navi und den lieben Gott. An der Grenze Rumä­niens war dann erst einmal Fei­er­abend mit rol­lenden Reifen. Kaum eine andere Grenze ist so gesät­tigt von Pro­sti­tu­tion und Men­schen­handel, von Dro­gen­schmuggel und fal­schen Fuff­zi­gern. Dies hat eine lange Geschichte, in der Nicolae Ceaușescu bis zum 25. Dezember 1989, dem Tage seiner Hin­rich­tung, alles Erdenk­liche dafür tat, die Grenze nach Westen mit Lei­chen zu pflastern. 

Auch ohne geschicht­li­ches Wissen war jeden­falls jedem der Bus­in­sassen klar, dass es nun in den wirk­lich ernsten Teil der Reise ging. Männer mit Sowjet­mützen und Kalasch­ni­kows im Anschlag brachten die Stim­mung mit­samt Alko­hol­pegel schlag­artig auf 0,0, gut sagen wir 0,3. Wäh­rend man dem grimmig drein­schau­enden Grenz­posten den Per­so­nal­aus­weis hin­hielt und man end­lich wusste, warum man diese toternsten bio­me­tri­schen Pass­fotos schießen ließ, fährt neben uns ein ros­tiger Mer­cedes Sprinter ohne Fenster vor. 

Zwei Männer steigen aus, öffnen die Türe des Gepäck­raumes und bitten ihre ins­ge­samt zwölf­köp­fige Familie heraus. In diesem Moment wird einem ziem­lich schnell klar, dass man selbst eine 5‑S­terne-Reise mit maß­loser, west­li­cher Deka­denz gebucht hat. Ab jetzt wird nicht eine Sekunde über vier Tage ohne Dusche nach­ge­dacht. Ab jetzt ist man für alles dankbar. Vor allem für das eigene Leben. 

Die geteerte Straße endet hier“

Kurz darauf endet auch schon die Auto­bahn. Ein Ver­kehr wie mor­gens auf der A1 schlän­gelt sich Meter für Meter über kaputte Land­wege und ver­las­sene Dörfer. Nach ein paar Stunden Fahrt durch pure Dun­kel­heit, stoppt der Bus plötz­lich. Ich hatte kurz ein Nicker­chen gemacht und war noch nicht ganz bei der Sache, als mein Kumpel mich darauf hin­weist: Ich glaub, wir haben uns ver­fahren. Die geteerte Straße endet hier. Lass uns besser betrinken.“ Das taten wir. Zum vierten Mal.

Jetzt im Hier dar­über nach­zu­denken wie weit es noch ist oder was Jens Keller gerade macht, würde für uns auf direktem Wege in der Klaps­mühle enden. So denken irgendwie alle im Bus, der Schlager-Hitmix bekommt wieder seine Bühne. Viel­leicht ist es auch und gerade das, was die Pöttler so ein­zig­artig macht. Egal was auch ist. Es ist eben so und damit hat man klar zu kommen.

Nackte Roh­bauten

Und wenn in diesem Bus nicht alle gleich sind – wo dann bitte?! Also das alte Spiel. Nicht meckern und schon gar nicht mit Maria­cron kle­ckern.
Nur 200 km vor dem Schwarzen Meer, wach und natür­lich so fit wie Roadrunner, tau­chen draußen erste, mas­sive Grau­ba­cken auf. Buka­rest. Und Buka­rest ist vor allem eines: groß. Mit 2,2 Mil­lionen Ein­woh­nern ist sie die sechst­größte Stadt Europas. Als wir auf den Geh­wegen zum Schalker Treff­punkt unter­wegs sind, unter­halten wir uns kaum. Zu tief sitzen die Ein­drücke jetzt schon, zu viel Dreck und Kot liegt unter einem, dass man nicht auf seine Schritte achten sollte.

Da wir einen direkten Weg abseits der Haupt­straße wählten, formten sich die ersten Ein­drücke zu einem wahr­lich elen­digen Gesamt­bild. Hatte man vor ein paar Minuten noch H&M gesehen, hörten wir jetzt Kin­der­stimmen aus nackten Roh­bauten, die nicht einmal Fenster besaßen. In einem Haus­ein­gang lagen zwei Kinder und beob­ach­teten uns mit über­großen T‑Shirts und San­dalen. Es schneite leicht bei Minusgraden. 

Nur eine Par­al­lel­straße weiter plötz­lich wieder das pralle Leben. End­lich konnte sich der Erbro­chene sich und seinem Kumpel neue Klei­dung kaufen. Was dann pas­sierte, war so sur­real wie Dali es nicht besser hätte zeichnen können. Plötz­lich eine gepflas­terte Neben­straße. Plötz­lich gut ange­zo­gene Men­schen in Bars und flach­send am Mit­tags­tisch. Hier eine Bar, dort ein Restau­rant mit aus­ge­wählter Spei­se­karte. Eine Par­al­lel­welt. Zion und Matrix direkt nebeneinander. 

Nach ein paar Metern und offenen Augen nach einer pas­senden Spe­lunke, hörte man auch schon laute Schalke-Lieder. Draußen Tris­tesse und schlechtes Wetter, drinnen Opa Prit­schi­kowski“ auf Dau­er­schleife, bil­liges Hei­neken und eine sin­gende Meute. Lutz aus Ham­burg, einer der Bus­helden, fasste es richtig zusammen: Dort hinten sterben die Leute und wir trinken hier, als gäb´s kein Morgen mehr.“ So ist es wohl immer am Ende einer Odyssee. Es pas­siert zu Vieles zu schnell, als dass man Zeit hätte, zurück zu bli­cken. Hier also endete unsere Reise. Zwi­schen den Opfern Ceaușescus und neo­de­mo­kra­ti­schen Kapitalwahnsinn. 

Pam­pers bei der nächsten Kontrolle

1400 Schalker Fans hätten trotz Schnee­ge­stöber den Weg ganz sicher alleine gefunden. Als wir den Pub ver­ließen, wurden wir jedoch von schwer­be­waff­neten Poli­zisten, eher Sol­daten mit dem Drang zum Hob­by­funk, zu bereit ste­henden Bussen geleitet. Zehn Minuten später durch­schritten wir ein Meer von Kon­trollen, was auf­grund der Wet­ter­lage ein wahrer Genuss war. Zudem waren die Zärt­lich­keiten der Ordner-Sol­daten so hart wie die Reise selbst. Das nächste Mal zieh ich mir ne Pam­pers an, dann tun mir die Klöten nicht so weh“. Ist ja alles schön und gut mit inter­na­tio­naler Härte“, aber Quet­schungen im Geni­tal­be­reich dürfen ruhig als Tät­lich­keit geahndet werden. 

Ein paar hun­dert Meter weiter geleiten einen die Beton­stufen in den Natio­nal­tempel Rumä­niens: Arena Naţio­nală. Klas­si­fi­ka­tion: Eli­te­sta­tion. Kapa­zität: 55600. Kosten: 234 Mil­lionen Euro. Wir hätten da nur eine Frage: Wieso baut man eine Arena mit schließ­barem Dach, gibt aber Wind und Schnee die Chance den Zuschauer von hinten in den Nacken zu jagen? Ist ja jetzt nicht so, dass man sich in den kli­ma­ti­schen Gefilden der Balearen befindet.

0:0, Spiel­note 5

Das High­light des Spiels war der Abpfiff. Noch bevor die Kicker“-Redaktion die Spiel­note 5 notieren konnte („die Partie wurde Cham­pions-League-Ansprü­chen in keiner Bezie­hung gerecht“), war bereits der Groß­teil der Schalker Spieler in den warmen Kata­komben ver­schwunden, Benni Höwedes gab schnell die alles ent­schei­dende Ana­lyse auf Sky und wir? Ja, wir war­teten ver­geb­lich auf eine Mann­schaft, die ihren weit­ge­reisten Fans dreimal in die Hände klatscht, ja sogar einmal winkt. Fehl­an­zeige. Doch dann pas­sierte Unglaubliches. 

Ein kleiner Asiate mit schwarzen Haaren und gesenktem Kopf kam aus siebzig Metern in Rich­tung Gäs­te­block geschlen­dert. Eine Kör­per­hal­tung, die einen Hauch Demut ver­riet. Atsuto Uchida stellte sich im wahrsten Sinne vor“ die Mann­schaft und ver­beugte sich, wie er es immer tut. 1400 Schalker aus dem Häus­chen. Kurz darauf kam auch Höwedes und Obasi. Kein Trainer, kein Manager, keine 90minutler weit und breit.

Der Punkt maß­loser Verärgerung

Das ist dann der Punkt, an dem man auf­hört zu schreien oder zu schimpfen. Das ist der Punkt maß­loser Ver­är­ge­rung. Wie es ein älterer Herr doch so weise sagte: Die machen halt ihr Ding und wir machen unseres. So ist das inzwi­schen.“ Und wisst ihr was? Genau des­halb sitzen auch in Zukunft zahl­reiche Fans in Bussen ans Schwarze Meer. Genau des­halb findet man 34 Stunden Bus­fahrt und Costa Cordalis nahezu genial. Weil der Fan bereit ist, Opfer zu bringen. Weil der Fan inzwi­schen sein eigenes Ding macht“. 

Das ist eine trau­rige Tat­sache. Daher Danke an ALLE Fans da draußen, die an etwas Grö­ßeres ohne Beweis glauben und den Irr­wegen ihres Ver­eins weiter blind folgen. Alles wird gut.

Dieser Text erschien erst­mals auf dem Blog Schot­ti­sche Furche“. Die unge­kürzte Ver­sion findet sich hier.