Sein Bun­des­liga-Debüt war eigent­lich nur eine Rand­notiz. Auch wenn Stefan Kutschke am Ende bei seinem Kurz­ein­satz sogar noch zum 4:0‑Endstand gegen Schalke 04 traf. Die ent­schei­dende, rich­tungs­wei­sende Wolfs­burger Per­so­nalie war Luiz Gus­tavo. Der bra­si­lia­ni­sche Natio­nal­spieler ent­fachte Auf­bruchs­stim­mung beim Deut­schen Meister von 2009. Stefan Kutschke wird kaum über die Zukunft des Wolfs­burger Fuß­balls ent­scheiden. Es sollte eine Beloh­nung sein“, sagte Dieter Hecking über den Angreifer, der nur ganz große Außen­sei­ter­chancen in unserem Kader hat, aber der sich durch seine total posi­tive Aus­strah­lung Respekt ver­schafft hat.“ Wenn man die Geschichte von Kutschke nicht kennt, klingt das wie eine Ver­höh­nung der Schalker. Aber seine fünf Minuten sind tat­säch­lich eine beacht­liche Leistung. 

Einer dieser typi­schen Magath-Transfers

Selten hatte ein Spieler so schlechte Vor­aus­set­zungen wie der Angreifer im Sommer. Zwar hatte Kutschke im Juni gerade das ambi­tio­nierte Mil­lio­nen­pro­jekt RB Leipzig mit zwei ver­wan­delten Elf­me­tern in der Rele­ga­tion in die dritte Liga geschossen, doch Dieter Hecking und Klaus Allofs wussten nicht so recht, was sie mit dem hünen­haften Stürmer anfangen sollten. Er war auf den ersten Blick einer dieser typi­schen Ver­suchs-Trans­fers aus der Ära Felix Magath.

Die neuen Ver­ant­wort­li­chen in Wolfs­burg wollten auf­räumen, den eh schon unüber­schau­baren Kader aus­dünnen, ihm ein eigenes Gesicht geben und dann den Angriff auf die Euro­pa­po­kal­plätze starten. Was sollten sie da mit einem 24-jäh­rigen Viert­liga-Stürmer anfangen? Der in der Regio­nal­liga in fünf Jahren 35 Treffer in 130 Spielen erzielt hatte. Und der in Zeiten, in denen in Deutsch­land sogar Peniel Mlapa oder Pierre-Michel Lasogga als Sturm­hoff­nungen durch­gehen, bis auf ein Jahr in der A‑Jugend von Dynamo Dresden nie wirk­lich in einem Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum gelandet ist, son­dern beim dama­ligen Lan­des­li­gisten FV Dresden 06 Laubegast.

Hecking: Er ist ein talen­tierter Spieler“

Selten hat sich dann auch ein Manager so von einem Spieler distan­ziert wie Klaus Allofs von Stefan Kutschke: Wir halten uns an Abspra­chen, die in der Ver­gan­gen­heit getroffen wurden“, sagte Allofs bei der Vor­stel­lung wie ein Ehren­mann, wir werden sehen, wie Stefan Kutschke in unsere Pla­nungen passt. Nichts­des­to­trotz ist Stefan Kutschke ein Spieler, der durchaus inter­es­sant für uns ist.“ Es wirkte, als wollte Allofs durch das Wie­der­holen des Namens immerhin dafür sorgen, ihn selbst nicht zu ver­gessen. Dieter Hecking schob noch freund­lich hin­terher: Er ist ein talen­tierter Spieler, der in der Regio­nal­liga bereits auf sich auf­merksam gemacht hat.“

Der Weg dorthin zurück schien nur logisch. Selbst Magath hatte Kutschke zunächst für die zweite Mann­schaft in der Regio­nal­liga ein­ge­plant. Im Sommer 2011. Damals spielte er beim ambi­tio­nierten Viert­li­gisten RB Leipzig und wurde allein schon des­halb beob­achtet, weil das Leip­ziger Mil­lio­nen­pro­jekt der Wolfs­burger Mil­lio­nen­truppe in der ersten Runde des DFB-Pokals zuge­lost wurde. In Wolfs­burg erin­nern sich die Scouts an einen kör­per­lich groß gewach­senen, kopf­ball­starken, defensiv her­vor­ra­gend arbei­tenden Stürmer. Einer, der dem dama­ligen Wolfs­burger Stürmer Mario Mandzukic ähnelte. Kutschke war noch 22 Jahre jung und hätte pro­blemlos als Per­spek­tiv­spieler durch­gehen können. Doch nach dem DFB-Pokal-Spiel war der Name erst einmal nur im gigan­ti­schen Magath­schen Notiz­buch gelandet.

Im vorigen Winter erin­nerte sich Magath an den gebür­tigen Dresdner in der vierten Liga. Warum, weiß wohl nur Magath. Doch der war schon wenige Wochen später nicht mehr da, um die Ant­wort zu geben. Kutschke fuhr im Sommer trotzdem zum Trai­nings­auf­takt nach Wolfs­burg. Gerüchte über eine sofor­tige Rück­leihe nach Leipzig oder zu Dynamo Dresden machten schon die Runde. Doch der 1,94 Meter große Angreifer nahm die Her­aus­for­de­rung an: Dieter Hecking hat mir am Anfang eine faire Chance ver­spro­chen“, sagt Kutschke, das war alles, was ich wollte.“ Hecking hielt Wort – und Kutschke nutzte jede Minute in Wolfs­burg als wäre es seine letzte. In Test­spielen bekam er seine Kurz­ein­sätze und traf immer wieder, in einer halben Stunde gegen eine Stadt­aus­wahl aus Fal­lers­leben gleich fünf Mal.

Nun gibt es auch Lob von Allofs

Hecking war irgend­wann angetan vom Trai­nings­eifer des Stür­mers, den er gar nicht haben wollte: Stefan arbeitet täg­lich daran, die Unter­schiede zu den Anderen kleiner zu machen“, sagte er in der Vor­be­rei­tung. Und selbst Allofs lobte in der Zwi­schen­zeit: Das Schöne bei Stefan ist, er spielt gegen Dritt­li­gisten genauso wie gegen Acht­li­gisten.“ Andere Stürmer mussten die Mann­schaft ver­lassen. Auf der Wolfs­burger Web­seite stehen im Angriff noch Namen wie Gio­vanni Sio und Rasmus Jönsson auf­ge­listet, eben­falls klas­si­sche Magath-Trans­fers. Doch die beiden sind längst weg. Und Patrick Helmes, ehe­ma­lige Sturm­hoff­nung in der deut­schen Natio­nal­mann­schaft, spielt nach vielen Ver­let­zungen erst einmal nur in der zweiten Mann­schaft – in der Regio­nal­liga. Da, wo eigent­lich Kutschke hätte spielen sollen. Der ist noch immer da, hat sich bis auf Posi­tion drei in der Stürmer-Hier­ar­chie hochgearbeitet.

Schon im Pokal beim Karls­ruher SC erhielt er seine obli­ga­to­ri­sche Chance, weil Bas Dost zur­zeit ver­letzt ist – in seinen fünf Minuten legte er gleich den ent­schei­denden Treffer zum 3:1‑Endstand auf. Kutschke selbst sagt, er möchte es Hecking ein­fach nur so schwer wie mög­lich machen, wenn der sich vor Spiel­tagen über­legt, den Kader zusammenzustellen.

Ein kleiner Motivationsschub“

Der hat die Zei­chen längst erkannt: Die fünf Minuten Bun­des­liga sollten ein kleines Dan­ke­schön an ihn sein, ein kleiner Moti­va­ti­ons­schub.“ Es wurden gleich noch sechs Ball­kon­takte, zwei Tor­chancen und ein Treffer. Nach dem Spiel sprach Kutschke von seinem Traum Bun­des­liga, von der Genug­tuung und er erklärte glaub­haft, dass er mit den meisten seiner neuen Mit­spieler – allen voran Luiz Gus­tavo – bis zum Sommer eigent­lich nur auf der Play­sta­tion gespielt hat. Nun spielt er mit ihnen Bun­des­liga-Fuß­ball. Und weiß, dass jede Minute seine letzte sein könnte. Bis­lang habe ich meine Chance ganz gut genutzt“, sagte Kutschke zufrieden. Eigent­lich hatte er ja gar keine.