Per Mer­te­sa­cker, Sie sind seit fast zehn Jahren Profi. Wie lang kommt Ihnen diese Zeit selbst vor?
Spontan würde ich sagen: kürzer. Aber wenn ich mal in mich gehe und reflek­tiere, wie wahn­sinnig viel in dieser Zeit pas­siert ist, dann bekomme ich doch das Gefühl, dass es eine Ewig­keit war.

Bleibt in Ihrem Beruf denn über­haupt Zeit zum Inne­halten?

Kaum. Mein Leben ist sehr eng getaktet, ein Ereignis jagt das nächste. Ich nehme mir immer wieder vor, all die Ein­drücke mal nie­der­zu­schreiben, aber über ein paar lose Notizen bin ich bis­lang leider nicht hin­aus­ge­kommen.

Wenn man im Fern­sehen die Ex-Profis reden hört, ent­steht der Ein­druck, dass deren Kar­rieren aus­schließ­lich aus Anek­doten bestanden.

Ich kann mir nicht vor­stellen, in diesen Talk­shows auf­zu­treten und von früher zu erzählen. Ers­tens, weil sich diese ach so lus­tigen Geschicht­chen heute ja gar nicht mehr ereignen, der Fuß­ball ist dazu viel zu ernst­haft geworden. Und zwei­tens, weil mich diese Nost­algie depri­miert. Ich möchte nach meiner aktiven Kar­riere nicht zurück­schauen, son­dern nach vorne.

Viel­leicht ver­su­chen die Herren nur, die gäh­nende Leere aus­zu­füllen. Haben Sie Angst vor der Zeit nach der Kar­riere?
Klar ist: Es kann nach jedem Zwei­kampf vorbei sein. Des­halb tut man gut daran, sich einen Alter­na­tiv­plan zurecht­zu­legen. Ich tue das zwar, aber längst nicht intensiv genug. Wie gesagt: Der Rhythmus des Fuß­balls lässt einem kaum Zeit für ruhige Überlegungen. 

Aber einen Ansatz werden Sie doch haben.
Im Moment begrenzt sich das aufs Aus­schluss­prinzip. Wie Sie bereits ahnen, möchte ich kein pro­fes­sio­neller Talk­show-Gast werden. Und ich kann mir auch nicht vor­stellen, als Trainer zu arbeiten. Denn irgend­wann möchte ich aus diesem Strudel her­aus­kommen und end­lich mal unbe­schwert leben.

Wollen Sie Dinge nach­holen, die Sie in Ihrer Jugend ver­passt haben?
Man­ches lässt sich nicht nach­holen. Die Abi­fahrt etwa, die ich absagen musste, weil ich mit Han­nover 96 ins Trai­nings­lager gefahren bin. Außerdem bin ich dann Anfang, Mitte dreißig, und es wäre doch seltsam, wenn ich plötz­lich mit dem Bulli durch Europa fahre, am Lager­feuer sitze und Gitarre spiele, weil ich glaube, das müsste jetzt noch mal sein. Ich möchte lieber Zeit mit meiner Familie ver­bringen und nach einem Jahr schauen, ob ich in einem Verein eine Funk­tion in zweiter Reihe über­nehmen kann.

Als Früh­stücks­di­rektor?
Diese Gefahr besteht nur, wenn man passiv bleibt. Ich möchte aber meinen Ehr­geiz über das Karriere­ende hinaus in eine neue Auf­gabe retten.

Wenn Sie jetzt, als Aktiver, Lust bekommen, mal aus­zu­bre­chen – was machen Sie dann?
Früher war ich oft im Harz wan­dern. Heute flüchte ich mich in vir­tu­elle Par­al­lel­welten auf der Spielkonsole. 

Vir­tu­elle Rea­lität statt nie­der­säch­si­scher Natur­idylle. Haben Sie manchmal Heimweh?
Ja, klar. Wenn ich etwa an Weih­nachten nicht nach Hause fahren kann, weil der Liga­be­trieb hier wei­ter­läuft, fällt mir das schon sehr schwer. Dann ver­misse ich meine Eltern, meine Brüder, meine Kum­pels und die Rituale, die wir hatten. Wan­de­rungen eben, aber auch mal das gemein­same Bier­chen im Partykeller.

Wenn einer Ihrer alten Kum­pels Sie bitten würde, ihm 5000 Euro zu leihen, würden Sie es tun?
Ohne zu zögern. 

Auch 500.000?
Das geht nicht ohne Wei­teres. Soviel ich weiß, müsste ich dann noch 30 Pro­zent Schen­kungs­steuer abdrücken.

Sie kennen sich aus. Kommt da der Bank­kauf­mann durch, der Sie mal werden wollten?
Stimmt, bis ich 15 Jahre alt war, wollte ich in die Fuß­stapfen meines Vaters treten, der bei der Spar­kasse arbeitet. Das hat nun mein kleiner Bruder getan.

Beneiden Sie ihn um sein gere­geltes Leben?
Nein. Und er mich auch nicht um mein Leben. Das ist alles andere als selbst­ver­ständ­lich: dass er nie eifer­süchtig war und mich immer unter­stützt hat, wie auch mein älterer Bruder und meine Eltern. Ich habe rie­siges Glück gehabt.

Sie haben noch als Profi bei Ihren Eltern in Pat­tensen gewohnt.
Und ich habe nebenbei Abitur gemacht und danach meinen Zivil­dienst geleistet. Ein Leben, wie andere Jungs in diesem Alter es auch führen. Das hat mir geholfen, nicht abzuheben. 

Muss man als Profi eigent­lich ständig auf­passen, was man sagt und tut?
Zu hun­dert Pro­zent! So schnell wie heut­zu­tage jemand sein Foto­handy zückt und den Schnapp­schuss an die Bild“ schickt, kann man gar nicht gucken. Es gibt in Deutsch­land nun mal ein Bedürfnis, die Helden, die man geschaffen hat, auch wieder vom Sockel zu stoßen. Ob ich das nun gut finde oder nicht – ich muss mich danach richten.

Gab es trotzdem Momente, in denen Sie dachten: Per, du musst auf­passen, dass du nicht abhebst?
Sicher, es gab den einen oder anderen Mann­schafts­abend, an dem wir uns gefühlt haben wie die Größten. Das gehört dazu. Aber meine Familie hat schon acht­ge­geben, dass das nicht zu einem Bestand­teil meines Cha­rak­ters wird. 

Gab es denn keine Son­der­be­hand­lung für den Fuß­ball­sohn? Durften Sie sich nicht öfter Ihr Lieb­lings­essen wün­schen als Ihre Brüder?
Wenn ich nicht schnell genug am Tisch saß, habe ich nichts mehr zu essen abbe­kommen! Jeder wurde gleich geliebt und gleich behan­delt, des­halb gab es für mich keinen Sonderstatus. 

Am 11. Spieltag der Saison 2003/04 machten Sie Ihr erstes Bun­des­li­ga­spiel für Han­nover 96. Doch schon zur Halb­zeit wurden Sie aus­ge­wech­selt. Warum das?
Weil ich ein­fach kaputt war, hun­de­müde. Wegen der Per­so­nalnot musste ich rechter Ver­tei­diger spielen, nicht gerade meine Traum­po­si­tion. Ich weiß noch, wie ich auf dem Zahn­fleisch in die Kabine gekro­chen bin, die 500 Meter vom Platz ent­fernt war, weil in Köln gerade das Sta­dion umge­baut wurde. 

Erst ein halbes Jahr später kamen Sie wieder zum Ein­satz. Hatten Sie in der Zwi­schen­zeit Angst, diese eine Halb­zeit könnte schon alles gewesen sein?
Nein, ich war sogar ein biss­chen froh, dass ich Zeit hatte, für die Schule zu lernen.

Wie wichtig ist heute für Ihr per­sön­li­ches Wohl­be­finden, erfolg­reich zu sein?
Sehr wichtig! Ich stecke mir selbst hohe Ziele und bin ent­täuscht, wenn ich sie nicht erreiche. Auch der Team­geist ist von guten Ergeb­nissen abhängig, das Trai­ning macht ein­fach mehr Spaß, wenn es Früchte trägt. 

Haben Sie nach einer Nie­der­lage schon mal geweint?
Nach der Nie­der­lage im WM-Halb­fi­nale 2006 gegen Ita­lien war ich jeden­falls kurz davor, in Tränen aus­zu­bre­chen. Aber nicht nur wegen der Ent­täu­schung, son­dern auch, weil in diesem Moment der irr­sin­nige Druck von mir abfiel, also aus purer Erleichterung. 

Haben Sie Deutsch­land. Ein Som­mer­mär­chen“, den Doku­men­tar­film über das Tur­nier, seither noch mal gesehen?
Ja, ein paar Mal. Und jedes Mal bekomme ich wieder eine Gän­se­haut. Stellen Sie sich das mal vor: Zwei Jahre zuvor war ich außer mir vor Vor­freude, weil ich als Fan ein Tur­nier im eigenen Land erleben würde. Und dann war ich plötz­lich als Spieler mittendrin! 

Sie haben schon das Som­mer­mär­chen“ mit Lukas Podolski erlebt, jetzt spielen Sie zusammen beim FC Arsenal. Sind Sie Freunde?
Wir sehen uns täg­lich beim Trai­ning, da müssen wir nicht noch gemeinsam um die Häuser ziehen. Aber wir reden natür­lich viel über Fuß­ball im All­ge­meinen und die aktu­elle Ent­wick­lung der Mann­schaften, in denen wir zusammen spielen. 

Beneiden Sie ihn um seine Unbe­schwert­heit?
Neid wäre das fal­sche Wort, aber seine Art fas­zi­niert mich schon. Er hat sie sich trotz all des Rum­mels, der um ihn gemacht wird, bis heute bewahrt. Und trotzdem hat er zugleich einen sagen­haften Rei­fe­pro­zess durch­laufen. Wenn man an sein erstes Inter­view denkt, das er 2003 in Ros­tock gab …

… und bei dem er sagte: Erst hat man einen Elf­meter, und dann kriegt man ein Gegentor. Das ist natür­lich Scheiße, nä“ …
… dann wird deut­lich, welch einen Quan­ten­sprung er gemacht hat, allein rhe­to­risch. 

Gab es eigent­lich ein Auf­nah­me­ri­tual, als Sie im August 2011 zum FC Arsenal kamen?
Aber hallo! Ich musste mich auf einen Stuhl stellen und ein Lied singen. Ich wusste, dass das auf mich zukommt, und suchte mir des­halb eines aus, bei dem alle nach zehn Sekunden mit­singen und ich nicht allein auf meinem Stuhl stehe. Meine Wahl fiel auf Hey, Baby!“ von DJ Ötzi.

Nicht schön, aber zweck­mäßig.

Ich griff mir ein Baguette als Mikrofon und los ging es. Die ersten Sekunden waren hart, aber beim Refrain hatte ich die Masse im Griff!

Wie viele Nazi-Witze mussten Sie sich schon anhören?
Keinen ein­zigen.

Ver­tragen Sie jetzt mehr Alkohol als vor Ihrem Wechsel?
Ich glaube nicht. Sind wir jetzt beim Kli­schee-Teil, oder was?

Genau. Ist der Fuß­ball in Eng­land wirk­lich ehr­li­cher als anderswo?
Das war einmal. Der Fuß­ball ist inzwi­schen doch so glo­ba­li­siert, dass es kaum noch Unter­schiede zwi­schen den Ligen gibt. Der ein­zige, der mir bis­lang auf­ge­fallen ist: Hier gibt es mehr Riesen! Wenn ich allein an Chris­to­pher Samba von den Queens Park Ran­gers denke! Der ist so groß wie ich, aber 20 Kilo schwerer. Un-glaub-lich! 

Weiter mit den Kli­schees: Hier wird nicht gepfiffen.
Aber gebuht! Das können Sie glauben!

Und ein letztes: Arsène Wenger, Ihr Trainer beim FC Arsenal, ist ein unnah­barer Dik­tator.
Das kann ich über­haupt nicht bestä­tigen! Zu mir war er von Anfang an sehr freund­lich und verbindlich. 

Wenger ist seit 1996 im Amt, Thomas Schaaf beim SV Werder seit 1999. Wie ist es, mit Trai­nern zusam­men­zu­ar­beiten, die mit dem Verein beinah iden­tisch sind?
Super, es sollte überall so sein. Allein weil ein Trainer, der eine Krise über­standen hat, viel besser weiß, wie er sich in der kom­menden zu ver­halten hat. Aber offenbar ist diese Kon­ti­nuität vielen zu lang­weilig. Wie gesagt: Sie wollen ihre Helden vom Sockel stoßen. 

So wie nicht wenige Arsenal-Fans der­zeit Wenger stürzen sehen wollen.
Ist das so? Wissen Sie, ich lese hier kaum noch Zei­tungen. Am Anfang habe ich das noch getan, aber da steht mir ein­fach zu viel Quatsch drin. Wir trai­nieren unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit, da dringt gar nichts nach außen. Des­halb sehen sich diese soge­nannten Jour­na­listen offenbar gezwungen, Geschichten zu erfinden. 

Eine Tat­sache ist aber doch, dass der FC Arsenal sich zu Hause gegen den FC Bayern Mün­chen bla­miert hat und sogar gegen die Black­burn Rovers aus dem FA-Cup geflogen ist.
Klar, das schmerzt auch. Aber intern bleiben wir ganz ruhig und ana­ly­sieren das.

Daraus scheint unter anderem gefolgt zu sein, dass Wenger 80 Mil­lionen Euro für neue Spieler zur Ver­fü­gung stehen. Haben Sie Angst um Ihren Stamm­platz?
Nein, ich spüre Wen­gers Ver­trauen, selbst wenn es mal nicht so gut läuft. Nur das zählt.

Wie kam es denn, dass es vor allem am Anfang nicht so gut lief?
Die Umstel­lung war nicht leicht, ich bin ja wäh­rend der lau­fenden Saison hierher gewech­selt. Dann hat es seine Zeit gebraucht, mich an die Mit­spieler, die Gegner, die Sta­dien und den eng­li­schen Fuß­ball über­haupt zu gewöhnen. Es fällt einem nun mal nicht alles zu, man­ches muss man sich auch hart erarbeiten. 

Waren Sie ver­sucht, jemanden umzu­treten, um den Fans zu beweisen, dass Sie ein echter Kerl sind?
Das wäre blinder Aktio­nismus. So eine One-Man-Show kann einem den bil­ligen Applaus bringen, aber zwei Minuten später zum Gegentor führen.

Aber die Fans denken nicht fünf Spiel­züge im Voraus, sie sehen nur: Der Mer­te­sa­cker steht falsch.
Mag sein, aber soll ich des­halb nicht das objektiv Rich­tige tun?

Nach der Nie­der­lage gegen die Bayern nannte die Bou­le­vard-Zei­tung The Sun“ Sie Merte-Sucker“.
Ich ver­diene als Profi gutes Geld, da gehört es dazu, dass ich solche Schmä­hungen still­schwei­gend ertrage.

Wäre es nicht schöner gewesen, vor vier, fünf Jahren beim FC Arsenal zu spielen, mit Män­nern wie Thierry Henry, Wil­liam Gallas und Cesc Fabregas?
Moment mal, unser aktu­eller Kader ist ja kein Trüm­mer­haufen! Später kann ich viel­leicht mal sagen: Ich habe mit Größen wie Jack Wils­here und Theo Wal­cott zusammen gespielt!

Aber es muss doch bitter sein, wenn jemand wie Robin van Persie den Verein ver­lässt.
Ohne Frage. Zudem ist er ja auch noch zu Man­chester United gewech­selt, einem unserer Haupt­kon­kur­renten. Da spielen jetzt die beiden Top-Tor­schützen der letzten Saison zusammen, Van Persie und Wayne Rooney. Aber dafür wird bei uns wieder jemand nach­kommen, so wie es immer war. So ist Arsenal.

Aber wann mündet der ewige Pro­zess end­lich mal wieder in einen Titel?
Ich weiß, dass Titel wichtig sind. Aber das ver­bietet einem doch nicht, auch mit einem vierten Platz zufrieden zu sein, gerade wenn man bedenkt, dass wir es mit Geg­nern zu tun haben, die über ganz andere finan­zi­elle Mittel ver­fügen, dem FC Chelsea etwa oder Man­chester City.

Sie sind für die Mann­schafts­kasse zuständig. Wie viel ist denn da im Moment drin?
Das kann ich nicht sagen, sonst ruft morgen das Finanzamt an. Nur so viel: Ich habe alle fäl­ligen Beträge ein­ge­trieben. Das ist der Bank­kauf­mann in mir. 

Was pas­siert nach dem Sai­son­ende mit dem Erlös?
Es wird einen Umtrunk geben, viel­leicht eine kleine Mann­schafts­fahrt, den Rest werden wir an wohl­tä­tige Ein­rich­tungen spenden.

Apropos Mann­schafts­fahrt: Was machen Sie eigent­lich im Sommer 2014?
Da habe ich eine Reise nach Bra­si­lien geplant. Da soll ja eine WM sein, habe ich gehört.

Bei der EM 2012 saßen Sie nur auf der Bank. Wie war das?
Eine absolut andere Situation.

Eine Scheiß­si­tua­tion?
Nein. Im Nach­hinein war ich sogar froh, das Ganze mal aus einer anderen Per­spek­tive zu sehen. 

Das glauben wir Ihnen nicht.
Dann lassen Sie mich das prä­zi­sieren: Ich habe gelernt, wie auch ein Ergän­zungs­spieler der Mann­schaft helfen kann, indem er die rich­tigen Impulse setzt. Und ich hatte dadurch nicht zuletzt den Vor­teil, aus­ge­ruht in die neue Saison mit Arsenal zu gehen.

Wie hat Joa­chim Löw Ihnen seine Ent­schei­dung ver­mit­telt?
Es gab kein Kamin­ge­spräch, bei dem er mich trösten musste. Er hat nur das gesagt, was ich selbst bereits wusste: Mir fehlte die Spiel­praxis. Und da wir eine sehr hohe Leis­tungs­dichte haben, hatte ich bereits geahnt, dass Mats Hum­mels den Vorzug erhalten würde. So ist es eben im Fuß­ball: Man kann nicht immer nur an der Ananas lecken. 

Was ging in Ihnen vor, als Hum­mels dann zu großer Form auf­lief?
Ich gucke nicht so sehr auf ein­zelne Spieler, ent­schei­dend ist der Erfolg des Kol­lek­tivs, des gesamten Kaders. Der gegen­sei­tige Respekt und das gemein­same Ziel.

Sätze wie aus der DFB-Fibel. Eigent­lich zu schön, um wahr zu sein.
Sie sind wahr­schein­lich in den Acht­zi­gern sozia­li­siert worden, als man beim Trai­ning noch den Kol­legen umtrat, um sich den Stamm­platz zu sichern. Das ist vorbei. Zum Glück. 

Beschäf­tigen Sie sich mit der U21?
Ich habe auf dem Schirm, wer da spielt.

Das sind die Jungs, die Sie eines Tages aufs Alten­teil schi­cken werden.
Klar. Es ist wichtig, dass man das akzep­tiert. Ich habe keine Lust auf unrühm­liche Streitereien.

Sie meinen den ver­korksten Abgang von Michael Bal­lack.
Wenn Sie das so ver­stehen wollen, bitte. Aber ich kann eigent­lich nur für mich spre­chen. Ich muss erkennen, wann meine Zeit vorbei ist – und dann Platz machen für die Jüngeren.

Tut Ihnen Bal­lack leid?
Leid tat mir, dass er wegen der Ver­let­zung die WM ver­passt hat. 

Im Nach­hinein scheint es, als hätte sein Fehlen erst die Ent­wick­lung von Bas­tian Schwein­s­teiger und vor allem Sami Khe­dira ermög­licht.
Kann sein. Kann aber auch sein, dass wir durch ihn und seine Kopf­ball­stärke das Halb­fi­nale gegen Spa­nien gewonnen hätten. Wer will das beurteilen?

Aus dem Kader von 2006 sind nun noch Sie, Schwein­s­teiger, Podolski, Lahm und Klose übrig. Braucht die Genera­tion Som­mer­mär­chen“ noch einen Titel, um ihre Kar­riere zu voll­enden?
Das würde das mediale Bild abrunden. Für mich per­sön­lich sind Titel zwar erstre­bens­wert, aber ich weiß auch, dass sie nicht alles sind.

Haben Sie schon immer so gedacht?
Mit 18 wusste ich noch nicht einmal, dass ich Profi werde. Nun habe ich in den letzten zehn Jahren eine tolle Kar­riere hin­ge­legt, da werfe ich mich doch nicht zu Boden und heule, weil in meiner Wohn­zim­mer­vi­trine ein Pokal fehlt. Was natür­lich nicht heißt, dass ich ihn ablehnen würde! Es moti­viert mich aber nun mal viel mehr, ihn noch gewinnen zu wollen, als ihn schon gewonnen zu haben.

Sie klingen jetzt wie ein Moti­va­ti­ons­trainer.
Auch das ist kein Job für mich!

Aber wohin mit der Moti­va­tion, wenn die Kar­riere vorbei ist?
Noch ist sie ja nicht vorbei. Glauben Sie mir: Ich will Titel gewinnen! Aber das ist nun mal nicht so leicht, wie manche sich das vorstellen. 

Was würden Sie rück­bli­ckend anders machen?
Nicht viel.

Viel­leicht Fer­nando Torres umnieten, bevor er im EM-Finale 2008 Lahm über­läuft und das Siegtor schießt?
Nein, nein. Ich bereue viel­mehr, dass ich nicht eher mal eine Wasch­ma­schine bedient habe. Aber dazu habe ich ja nach meiner Kar­riere noch 50 Jahre Zeit.

—-

HIN­WEIS: Diese Inter­view erschien zuerst in unserer Aus­gabe 11FREUNDE #137