Mat­thias Sammer hat im ver­gan­genen Sommer den Job gewech­selt, statt Sport­di­rektor beim DFB ist er nun Sport­di­rektor beim FC Bayern. Das könnte ihn dazu ver­pflichten, nichts Schlechtes zu sagen über seinen alten Arbeit­geber. Zumal dieser, wenn es so etwas im Fuß­ball über­haupt gibt, noch am ehesten eine hei­lige Unver­letz­lich­keit genießt. Wer die Natio­nal­mann­schaft kri­ti­siert, der gilt schnell als Defä­tist. Wir wollen doch alle das gleiche, oder etwa nicht? Den maxi­malen Erfolg.

Den will auch Sammer. Bloß ist der Erfolg, den er will, noch maxi­maler als bei den meisten anderen. Eine Halb­final-Aus geht bei ihm nicht als Teil­erfolg durch, es ist in seinem Bewer­tungs­system ein Total­ver­sagen. Und auch nach seinem Job­wechsel schmerzt sie ihn noch: die Nie­der­lage gegen Ita­lien bei der EM 2012. Die Statue, zu der sich Mario Balo­telli nach seinem ful­mi­nanten 2:0 auf­baute, ist für ihn ein Mahnmal der eigenen Schwäche. Ein Ansporn. Auch jetzt noch, im neuen Amt.

Eine Neu­auf­lage des Turnierspiels

Nicht zuletzt ist Sammer jemand, der lieber redet, als zu schweigen. Des­halb konnte er es auch nicht lassen, nach dem Vier­tel­fi­nal­hin­spiel gegen Juventus Turin in der ver­gan­genen Woche, bei dem sich viele EM-Prot­ago­nisten wie­der­trafen, Schwein­s­teiger und Pirlo, Neuer und Buffon, Müller und Chiel­lini, das also vielen als Neu­auf­lage des Tur­nier­spiels galt und das der FC Bayern schließ­lich sou­verän mit 2:0 gewann, fol­gendes ver­lauten zu lassen: Das Stören in der ersten Linie vorne, das war ent­schei­dend, weil damit alle Spieler mit­ge­zogen werden. Die Abstände waren klein, die Zwei­kampf­stärke war erkennbar und das, was uns ein biss­chen kaputt gemacht hat beim Spiel gegen Ita­lien im Halb­fi­nale 2012 war in Spiel­zügen ja die gleiche Stra­tegie von Juve – und wir haben es besser ver­tei­digt, inklu­sive Pirlo weggenommen.“ 

Sammer, das sollte man zu seinen Gunsten annehmen, hat das nicht etwa gesagt, weil er so arro­gant wäre. Er ist natür­lich gern sehr gut in allem, was er tut, aber nicht unbe­dingt gern sehr viel besser als alle anderen. Auf Bun­des­li­ga­ebene würde ihn ein unglei­cher Wett­be­werb nerven, er braucht die Her­aus­for­de­rung eines starken Geg­ners. Zwar werden die Natio­nal­mann­schaft und der FC Bayern nie­mals auf­ein­ander treffen (was schade ist). Und doch gilt in diesem Span­nungs­feld für Sammer das gleiche: Er will nicht her­ab­schauen müssen, er braucht die Augen­höhe. Er ver­langt, dass alle seinen unbe­dingten Willen teilen, das Beste aus sich her­aus­zu­holen und nach diesem einen einen Ziel zu streben: dem aller­ma­xi­malsten Erfolg. Alles andere erscheint ihm witzlos. Auch eine Natio­nal­mann­schaft, die vor dem großen Titel bockt wie ein Pferd vorm letzten Hindernis.

Es war zu erwarten, dass sein Urteil all­er­gi­sche Reak­tionen bei den Gemeinten her­vor­rief. Man kann das EM-Halb­fi­nale und das Cham­pions-League-Spiel nicht ver­glei­chen“, sagte Bun­des­trainer Joa­chim Löw tags darauf. Und Robin Dutt, Sam­mers Nach­folger beim DFB, sprang ihm zur Seite: Ich würde nur sehr ungern die eine sehr gute Mann­schaft, also die Bayern, gegen die andere sehr gute Mann­schaft, also die Natio­nal­mann­schaft, auf­wiegen – weil das doch ein Ver­gleich ist, der unrea­lis­tisch ist.“ Worte der mus­ke­tier­haften Soli­da­rität beim DFB. Einer für alle, alle für einen, die Reihen schließen sich reflex­artig. Und Sammer ist der gemein­same Gegner. Dabei ging es ihm ja gar nicht darum, die Natio­nal­mann­schaft schlecht zu reden – er will viel­mehr, dass sie aus ihren Feh­lern lernt. Erst recht, wenn ihr jemand vor­ge­macht hat, wie man diese Fehler ver­meidet und auch keine anderen begeht. Kurz: wie man eine ita­lie­ni­sche Mann­schaft schlägt, ohne mit der Wimper zu zucken. Und wo steht es eigent­lich geschrieben, dass man nicht ver­glei­chen könne? Muss nicht hier wie da der Ball ins Tor? 

Das Erbe Klinsmanns

Jeden Tag ein biss­chen besser werden – das wollte einst auch Jürgen Klins­mann, Löws Vor­gänger, nur dass er dabei netter lächeln konnte als Sammer. Der Pro­zess der stän­digen Selb­st­op­ti­mie­rung, der die Natio­nal­mann­schaft aus dem Mit­telmaß der frühen Nuller Jahre her­aus­führte, ist jedoch mit der Zeit feuil­le­to­ni­siert worden, bis hin zu der Losung: Jeden Tag ein biss­chen schöner werden. Es geht nun auch um Hal­tungs­noten. Was die harten Ergeb­nisse anbe­langt, kommt der Pro­zess indes an einer ent­schei­denden Stelle nicht weiter, bei der Mas­ter­frage: Wie knackt man die großen Gegner? Ita­lien. Und: Spanien.

Nun finden, nachdem der FC Bayern auch das Rück­spiel in Turin mit 2:0 gewonnen und Borussia Dort­mund sich gegen den FC Malaga durch­ge­setzt hat, tat­säch­lich ein oder, je nach Aus­lo­sung, sogar zwei oder drei deutsch-spa­ni­sche Duellen in der Cham­pions League statt. Noch dazu bilden sowohl Bayern und Dort­mund als auch Real Madrid und der FC Bar­ce­lona die Blöcke der Natio­nal­mann­schaften ihrer Länder. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass ein deut­sches Team das schafft, was Löws Mann­schaft bis­lang nicht gelungen ist: Spa­nien zu schlagen. Einen Titel zu holen. Seinen Fuß­ball mit Erfolg zu krönen.

Noch, das wollen wir bei aller Begeis­te­rung nicht ver­gessen, ist das auch das CL-Finale nicht gewonnen. Doch das Momentum, mit dem die deut­schen Teil­nehmer ins Halb­fi­nale gehen, ist ein beson­deres. Es macht Hoff­nung, dass die so pathe­tisch als Fluch“ bezeich­nete Serie aus zwei Nie­der­lagen der deut­schen gegen die spa­ni­sche Natio­nal­mann­schaft auf Klub­ebene beendet werden kann.

Die Borussia, der dies in der Grup­pen­phase gegen Real Madrid bereits einmal gelungen ist, geht mit einer archai­schen Energie in die Vor­schluss­runde, die beim Sieg gegen Malaga in gera­dezu über­zeich­neter Weise zu Tage trat. Hier werden Bälle ins Tor geliebt und, wenn es sein muss, auch mal gehasst. Der FC Bayern ist um ein einige Grad kälter (mit Aus­nahme von Mat­thias Sammer und Uli Hoeneß), aber nicht weniger ent­schlossen: Aus dem ver­lo­renen Finale dahoam“ ist die Mann­schaft gestärkt her­vor­ge­gangen, und das ist schon der größte Sieg – näm­lich über all jene, die behaup­teten, die Nie­der­lage gegen Chelsea würde sie bre­chen. Nun zeichnet sie ein hart­ge­kochter Ehr­geiz aus, der man­chen Beob­achter schon denken ließ: Nun freut euch doch mal!“ Aber sie wollen sich eben nicht noch einmal zu früh freuen. 

Tanzen, bis der Gegner tot umfällt

Dort­mund erwürgt seine Gegner, Bayern erschießt sie mit dem Schall­dämpfer. Löw aller­dings, das Gefühl wird man nicht ganz los, will mit ihnen tanzen, bis sie tot umfallen. Das ist schön, muss aber nicht klappen. Und das wäre, wenn man Oliver Bier­hoff glaubt, dem Manager der Natio­nal­mann­schaft, ja auch gar nicht weiter schimm. Der WM-Titel, dachte er vor kurzem laut, sei ein Ding der Unmög­lich­keit“. Eine vor­aus­ei­lende Ent­schul­di­gung für das noch gar nicht ein­ge­tre­tene Schei­tern? Mus­ke­tier Robin Dutt fand das sofort gut: Damit hat er erreicht, was er errei­chen wollte: ein biss­chen Druck von der Mann­schaft nehmen.“

Aus­sagen, die, wenn auch nicht absicht­lich so gemeint, schlaff klingen und schlaff machen. Das können der FC Bayern und Borussia Dort­mund, jen­seits vom Zwei­kämpfen und Mann­de­ckung, tat­säch­lich besser: Sie setzen sich unter Druck. Weil sie ihn nicht nur aus­halten, son­dern wissen, dass sie ihn brau­chen. Und auch wenn ihre urei­genen Erzäh­lungen des Jahres 2013 nicht ohne Wei­teres auf die Natio­nal­mann­schaft zu über­tragen sind: Löw täte gut daran, den Ehr­geiz und die Resis­tenz dieser Spieler in seinen Kom­pe­tenz­be­reich her­über­zu­retten. Er täte auch gut daran, eine eigene Erzäh­lung zu ersinnen, die von vielen ver­geb­li­chen Ver­su­chen, vom Wie­der­auf­stehen und von Revanche han­delt. Und nicht von einem statt­ge­fun­denen und einem abge­sagten Auf­tritt mit Xavier Naidoo auf der Fan­meile am Bran­den­burger Tor. Die Natio­nal­mann­schaft braucht ein Epos, das nach einem Happy End schreit. Eine, wie man so schön sagt, Erfolgsgeschichte.

Von sich erzählen, immer wieder, und dar­über den Glauben an sich selbst stärken: Das beherr­schen der FC Bayern und Borussia Dort­mund meis­ter­lich. Löw kann und sollte von ihnen lernen. Wobei es seltsam ist, dass gerade in seinem Bereich, wo die Gespräche sich so intensiv um die psy­cho­lo­gi­sche Kom­po­nente des Fuß­balls drehen wie nir­gends sonst, die Kraft der Nar­ra­tion kaum eine Rolle spielt. Aber es ist ja nie zu spät, sich selbst stark zu reden bzw. zu erzählen. Wenn Löw dann eines Tages behauptet, die Natio­nal­mann­schaft habe etwas besser gemacht als der FC Bayern – Mat­thias Sammer wäre wohl auf eine herr­lich ver­rückte Weise zufrieden. Wir wollen doch alle das gleiche, oder etwa nicht? Den aller­ma­xi­malsten Erfolg.