Es gab schö­nere Winter als den von 2005. Das hatte gar nichts mit dem Wetter zu tun, denn daran erin­nere ich mich absolut nicht mehr. Nein, es war die Bun­des­liga-Hin­runde, die mir auf den Magen schlug. Hansa auf Platz 17 und mit nur elf Pünkt­chen auf direktem Wege ins Unter­haus. Dazu das Ende der Trau­mehe mit Hansa-Fak­totum Juri Schlünz nach einem 0:6 gegen den HSV. Zu Hause. Nur eine von acht Heim­nie­der­lagen am Stück – die Ein­stel­lung eines Tas­mania Berlin-Rekords. Das ist nie­mals gut. 



Jörg Berger kam. Das war nicht viel besser. Und das alles in einer Saison, vor der man glaubte, end­lich zum Estab­lish­ment zu gehören. Vor der man erst­mals nicht nur den Klas­sen­er­halt zum Ziel machte. Leider nur Meck­len­burger Grö­ßen­wahn. Gut, Hansa steckte eigent­lich immer unten drin, doch so trübe wie in dieser Saison erlebte ich die Zukunft meines Ver­eins bis dahin noch nicht. Eine absolut beschis­sene Win­ter­pause. 

Ende Januar beschloss ich, meinen Frust weg­zu­shoppen. Ich kannte einen Second-Hand-Shop in Berlin-Schö­ne­berg, legendär für seine fürst­liche Aus­wahl an sel­tenen Fuß­ball­tri­kots. Leider war dieser Laden schon lange kein Geheim­tipp mehr und das Sor­ti­ment ent­spre­chend geschrumpft. Trotzdem ver­suchte ich mein Glück in dieser muf­figen Höhle. Suchte, suchte, suchte. Und fand ein Ajax-Trikot. Beflockt mit Lit­manen und seiner Nummer 10. Lit­manen. Hm, was der wohl so macht, fragte ich mich. Lange nichts von ihm gehört, nachdem er in Bar­ce­lona und Liver­pool geschei­tert war. Der Jüngste war er auch nicht mehr. Spielt der über­haupt noch? Egal, bei Ajax war er ein ganz Großer. Ich wollte das Trikot haben. Drei Euro später war es meins und ich ging zufrieden nach Hause.

Geschrumpftes Trikot-Sor­ti­ment in der muf­figen Höhle

Dort schmiss ich meinen Rechner an. Die win­ter­liche Trans­fer­phase näherte sich ihrem Ende und die Zahl an Ver­zweif­lungs­käufen nahm zu. Ich wollte keinen dieser ver­meint­li­chen Wun­der­stürmer aus Maze­do­nien ver­passen. Diese Panik­käufe, die nach einem halben Jahr nach Zypern oder Ahlen wei­ter­ge­reicht werden, amü­sieren mich. Doch was las ich da: Hansa holt Lit­manen“ prangte es auf meinem Monitor. Ich schaute genauer hin: „„L‑I-T-M-A-N-E‑N“. Der Lit­manen? Jari? Die Ajax-Ikone? Der Typ, dessen Trikot ich gerade gekauft? 1. April? Nein, Ende Januar. 

Tat­säch­lich. Hansa Ros­tock, dar­bender Absteigs­kan­didat, holte Jari Lit­manen an die Ostsee. Ein Hammer. Es kur­sierten nicht einmal Gerüchte über einen sol­chen Wechsel. Und das alles an dem Tag, an dem ich ein Trikot dieses Kerls kaufte.

Was wäre gewesen, hätte ich ein Henry‑, ein Zidane- oder ein Raul-Trikot gekauft? Ich beschloss, dass es Zufall war, ver­zich­tete auf Tri­kots anderer Stars und sonnte mich in der Zuver­sicht auf die Rück­runde. Von einen Moment auf den anderen sah die Welt viel besser aus. Mit einem sol­chen Spieler konnte mein Gur­ken­verein doch nicht absteigen. Das war doch gar nicht mög­lich. Doch. Es ging. In meiner Euphorie vergaß ich, dass Fuß­ball ein Mann­schafts­sport ist und Lit­ma­nens Mit­spieler nun einmal Uwe Möhrle, David Ras­mussen oder Antonio di Salvo waren. Und Rene Ryd­le­wicz. Der begrüßte den Finnen augen­zwin­kernd: Ein Glück für ihn, dass er noch einmal mit mir zusam­men­spielen darf“. 

Ein Glück für Jari, dass er nochmal mit mir zusammen spielen darf“

Doch Welten trennten Lit­manen von seinen Kol­legen. Einen Mann mit Fähig­keiten, wie man sie in Ros­tock noch nicht sah. Zumin­dest nicht von Hansa-Spie­lern. Der Ball klebte ihm am Fuß. Seine Pässe lan­deten immer dort, wo sie landen mussten. Dumm, dass dort selten ein Mit­spieler stand. Anti­zi­pa­tion, ein Zau­ber­wort modernen Fuß­balls, war ihre Sache nicht. Die Ideen des Finnen waren ihnen schlicht und ein­fach nicht zu erschliessen. Das erste Mal sah ich, dass ein Spieler zu gut für ein Team sein kann. Doch Lit­manen war loyal genug, das nicht offen zu sagen. Oder auch ein­fach nur dankbar, noch einmal mt Ryd­le­wicz zusam­men­spielen zu dürfen.

Die Rück­runde war pas­sabel. 19 Punkte holte das mit dem smarten Star gespickte Team. Das reichte aber nicht. Um den Abstieg zu ver­meiden, hätte sie über­ra­gend ver­laufen müssen. Im Sommer bestieg Lit­manen die Ost­see­fähre und zog weiter nach Malmö, um seine Kar­riere unauf­ge­regt aus­klingen zu lassen. Dachte ich. Ein paar Jahre später aber wollte er es noch einmal wissen und unter­schrieb beim FC Fulham. In London kam er aber nicht zum Ein­satz und wech­selte zu seinem Hei­mat­verein, dem FC Lahti. Dort liegt er sicher in Lauer­er­stel­lung.

Bis ich wieder ein Lit­manen-Trikot kaufe.