In Eng­land geht die Angst um, Fish & Chips könnten bald erheb­lich teurer werden. Explo­die­rende Roh­stoff­preise gefährden die Preis­sta­bi­lität des Natio­nal­ge­richts. 20 Pro­zent mehr müssen hie­sige Gour­mets even­tuell bald für die papier­um­wi­ckelten Lecker­chen berappen. Nir­gendwo wird der Schmerz größer sein als in Hull, wo mehr als hun­dert Fish-&-Chips-Shops um die Gunst der Kenner kämpfen.



Über­haupt hat es die Perle des eng­li­schen Nord­os­tens nicht leicht. In den regel­mä­ßigen Umfragen des Fern­seh­sen­ders Channel 4 zu den unat­trak­tivsten Wohn­orten der Insel erreicht Hull stets spie­lend Spit­zen­plätze. Hohe Arbeits­lo­sig­keit, unter­durch­schnitt­li­ches Bil­dungs­ni­veau und nicht zuletzt gras­sie­rende Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tiken spre­chen gegen die Stadt in York­shire, in der ein Sams­tag­abend ohne Pubschlä­gerei ein ebenso großer Mythos ist wie ein Ger­mane mit Iro­nie­ver­ständnis. In der letzten Umfrage konnte Hull dank der exzel­lenten sport­li­chen Infra­struktur den Spit­zen­platz jedoch an Midd­les­brough abgeben. Die Inves­ti­tion scheint sich aus­ge­zahlt zu haben, nach 104 Jahren ist Hull City nun erst­mals in die oberste Spiel­klasse auf­ge­stiegen. Für eine 250?000-Seelen-Stadt ist das eine ver­dammt lange Zeit, zumal die »Tigers« vor einer knappen Dekade fast durch die pro­fes­sio­nelle Falltür in die Con­fe­rence, die 5. Liga, abge­schmiert wären. Der Sieg im Cham­pi­onship-Playoff-Finale – ein 1:0 gegen Bristol City – ist nun geschätzte 60 Mil­lionen Pfund wert.

Unschätzbar ist die Geschichte eines Mannes, mit dessen unver­wech­sel­barem Namen der Auf­stieg immer ver­bunden sein wird: Dean Win­dass. Im Jahre des Herrn 1987 erfuhr der bul­lige Mit­tel­stürmer vom dama­ligen Chef­trainer Brian Horton, dass er nicht gut genug sei für einen Ver­trag. Ein­und­zwanzig Jahre später häm­merte Homeboy Win­dass vor den Augen des nun­mehr als Assis­tenz­trainer fun­gie­renden Horton eine Direkt­ab­nahme zum ein­zigen und ent­schei­denden Treffer in den Kasten von Bristol City. Der alte Fuchs hatte seine nicht unbe­trächt­liche Kör­per­masse langsam auf den rich­tigen Fleck an der Grenze des Straf­raumes geschoben und par­don­frei abge­zogen. Ein bra­chiales Sah­netor, dra­ma­tur­gisch und tech­nisch so punkt­genau ser­viert, als hätte der Fuß­ball­gott per­sön­lich das Skript geschrieben.

Der 39-Jäh­rige blickt auf eine bewegte Lebens­ge­schichte zurück, die unter dem Titel »Deano« auch in durchaus lesens­werter Form publi­ziert worden ist. In Anleh­nung an den Johnny-Cash-Klas­siker »A Boy Named Sue« lässt sich treff­lich spe­ku­lieren, dass der Junge namens »Win­darsch« ver­mut­lich nie um Spott hat bet­teln müssen. »If a man’s gonna make it, he’s gotta be tough«, rat­schlagt für den Fall eines sol­chen Falles Kar­rie­re­be­rater Johnny Cash. Und damit trifft er bei Dean Win­dass auf offene Ohren. Denn an seinem Durch­set­zungs­ver­mögen hat der nie­mals Zweifel gelassen. Er war Maurer, hat in einer Fabrik gefro­rene Erbsen abge­füllt und zwi­schen­durch seine Nei­gung zur Fla­sche und dem Bett­nässen besiegt. Der Kampf mit sich selbst ging nicht immer rei­bungslos von­statten. In den Diensten von Aber­deen kas­sierte er schon einmal drei Rote Karten. In einem Spiel. Manche The­ra­peu­ten­stunde und nicht zuletzt seine Bio­grafie halfen ihm aus der Krise. Seit deren Erscheinen spricht die halbe Familie nicht mehr mit ihm.

Das alles ist jetzt passé. Win­dass hat den Klub aus dem Fish-&-Chips-Dorado in die Pre­mier League geschossen. Dass er da nicht lange bleiben wird, dass das Spiel in Wem­bley eine Ode an die Zeiten von Kick & Rush war und dass die Tigers mit viel zu wenig Sub­stanz viel zu schnell auf­ge­stiegen sind, spielt in diesem größten Moment des Fuß­balls in Hull keine Rolle. In einem Jahr, das mit erbärm­li­chen 34 Pro­zent den geringsten Anteil eng­li­scher Spieler in der höchsten Spiel­klasse ver­zeich­nete, ist die Geschichte von Hull City und seinem Prot­ago­nisten ein kleiner Trost für Nost­al­giker. Johnny Cash singt in »A Boy Named Sue«: »I had to fight my whole life through.« Deanos Kampf hat sich gelohnt.