Michael Henke gilt als der typi­sche zweite Mann an der Außen­linie, ein akri­bi­scher Zuar­beiter, seinem Chef treu unter­geben, wie ein Jagd­hund. Bleibt die Frage: Was macht der inzwi­schen 51-Jäh­rige, wenn sein Herr und Meister – Ottmar Hitz­feld – in der neuen Saison den amtie­renden Deut­schen Meister Rich­tung Schweiz verlässt?

Viel­leicht wird Henke, 1957 im nord­rhein-west­fä­li­schen Büren geboren, ja wieder die Ersatz­bänke dieser Fuß­ball­welt mit einem grauen Semi­nar­raum in Bochum tau­schen. An der dor­tigen Ruhr-Uni­ver­sität hat er stu­diert und für satte drei Semester sogar eine Dozen­ten­stelle über­nommen. Mit dem spä­teren Fuß­ball-Profi im Team sicherte sich die RUB 1979 zum ersten Mal über­haupt den Euro­pa­meis­ter­titel der Uni­ver­si­täts­fuß­baller. Stadt und Bun­des­land haben Henke geprägt, in Inter­views betont er seine Affi­nität mit dem Fuß­ball­um­schlag­platz Ruhr­ge­biet: Ruhr­ge­biet, das ist Fuß­ball pur. Und wenn man das noch die Enge sieht, eben Dort­mund, Bochum oder Gel­sen­kir­chen! 80.00 in Dort­mund, 60.00 auf Schalke, das ist schon Wahnsinn.“

Sport und Geo­gra­phie auf Lehramt hat der auf den ersten Blick so bieder erschei­nende Henke stu­diert, eine Klas­sen­zimmer-Kar­riere schien vor­pro­gram­miert, doch die fuß­bal­le­ri­schen Fähig­keiten des 1,86 Meter großen Mit­tel­feld-Schlackses ermög­lichten dem Bürener eine weitaus inter­es­sante Lauf­bahn: 68 Zweit­li­ga­spieler absol­vierte Henke für die SG Wat­ten­scheid, ehe er 1988 seine aktive Kar­riere beim FC Pader­born aus­klingen ließ. Ein Jahr als Chef­trainer in Pader­born reichte, um anschlie­ßend zwei Jahre unter Horst Köppel beim BVB zu arbeiten.

Der Verein hat ihm meine Person ans Herz gelegt“

Und dann kam Ottmar. Der kam nach Dort­mund uns brachte damals keinen eigenen Co-Trainer mit“, berichtet Henke rück­bli­ckend, Der Verein hat ihm meine Person als Co-Trainer quasi ans Herz gelegt, und er hatte damit kein Pro­blem. So haben wir uns dann kennen gelernt und von diesem Zeit­punkt an zusammen gear­beitet.“ Die nächsten sechs Jahre bauten General“ Hitz­feld und sein erge­bener Assis­tent eine der stärksten Ver­eins-Mann­schaften der Welt auf, die sich mit dem Cham­pions-League-Tri­umph 1997 selbst ein Denkmal setzte. Man kann dem oft als Lakai titu­lierten Henke vor­werfen, was man will: Als Co-Trainer arbei­tete er mit inter­na­tio­nalen Klasse-Leuten wie Jürgen Kohler, Andreas Möller oder Julio Cesar zusammen, er wurde mehr­fach Deut­scher Meister und fei­erte 1997 den Welt­pokal mit einer Mann­schaft, für die auch er maß­geb­lich mit ver­ant­wort­lich war. Man kann sagen: Michael Henke hat seine Auf­gabe als trai­ner­die­nendem Was­ser­träger durchaus erfolg­reich ausgeübt.

Als Hitz­feld 1997 Dort­mund ver­ließ, blieb Henke zurück, unter Nevio Scala erlebte er den schlei­chenden Abstieg des hoch ver­schul­deten Ver­eins. Also machte Henke rüber, ab 1998 sah man ihn wieder im Schatten des mäch­tigen Hitz­feld-Trench­coats sitzen, eifrig Notizen in seinen Col­lege-Block krit­zelnd. Und wieder hatte Henke damit alles richtig gemacht, 2001 konnte er sich bereits zum zweiten Mal als Cham­pions-League-Sieger feiern lassen. Auch wenn Hitz­feld stets die Lor­beeren ein­heimste: Henke avan­cierte in den Jahren seinen Tätig­keit beim BVB und Bayern Mün­chen zu einem der erfolg­reichsten Co-Trainer der Welt. Wie genau die Arbeits­tei­lung zwi­schen Hitz­feld und Henke aus­ge­sehen hat, ist nie wirk­lich deut­lich geworden, sicher ist nur, dass Henke mehr als Lauf­bur­sche gewesen sein muss: In der modernen Fuß­ball-Welt sind aus­ge­wie­sene Experten im Assis­tenz­be­reich unumgänglich.

2004 hatte Hitz­feld genug von den Bayern, genug von dem auf­rei­benden Trai­nerjob und der hit­zigen Medi­en­land­schaft. Henke nutzte die Gunst der Stunde, er wollte sich als Chef­trainer beweisen und heu­erte beim 1. FC Kai­sers­lau­tern an: Die fünf Monate in der Pfalz wurden zu einem Desaster, der arg kri­selnde FCK hatte bei Henkes Abschied trau­rige neun Punkte aus 13 Spielen gesam­melt und sich auf dem letzten Tabel­len­platz fest­ge­setzt. Auch Henkes Nach­folger Wolf­gang Wolf konnte diese bit­tere Bilanz nicht mehr auf­päp­peln, nach der Saison stieg Kai­sers­lau­tern ab. Henke hatte sich im Pokal­spiel gegen Rot-Weiß Erfurt zusätz­lich einen bösen Fauxpas geleistet: Nachdem Nach­wuchs­ta­lent Fabian Schön­hausen in der deftig geführten Partie ver­letzt am Boden lie­gend nicht behan­delt werden konnte – die Erfurter Spieler den Ball nicht ins Aus geschossen hatten – explo­dierte der West­fale unver­mutet und beschimpfte die Erfurter Gegner als Scheiß Ossis“ und Ossi­pack“. FCK-Boss Jäggi brummte Henke eine Strafe von 10.000 Euro auf, dessen Image­schaden war aller­dings weitaus größer. Er ist ein unglaub­lich arro­ganter Typ“, for­mu­lierte Erfurt-Akteur Björn Brun­ne­mann seine Abnei­gung, Manager Ste­phan Beutel ver­mu­tete ziel­si­cher: Das war schon sehr herb, wir haben uns alle gewun­dert. Der Mann muss schon sehr unter Druck stehen.“ Wenige Wochen später war Henke entlassen.

Das Pro­jekt Chef­trainer Henke“ war end­gültig gescheitert

Beim Ober­li­gisten FC Saar­brü­cken ver­suchte sich Henke erneut als starker Mann an der Außen­linie, seine Amts­zeit währte aller­dings nicht länger als fünf Monate, er über­nahm anschlie­ßend den Posten des Sport­di­rek­tors. Das Pro­jekt Chef­trainer Henke“ war end­gültig geschei­tert, was auch der Betrof­fene selbst aner­kannte: Ob ich unbe­dingt wieder Chef-Trainer sein werde, weiß ich nicht. Ich kann mir eher wieder einen Co-Trainer-Job bei einem großen Klub vor­stellen, eben weil da die Ten­denz zu Trainer-Teams geht.“ Am 31. Januar 2007 been­dete Henke auch seine Sport­di­rektor-Tätig­keit in Saar­brü­cken, sein Mentor Hitz­feld hatte gerufen – und sein All­zeit-Assis­tent Henke hörte sofort. 

Die abge­lau­fene Saison war auch für Henke Balsam auf die geschun­dene Seele, ein Double zum Abschluss und die Arbeit mit Top­spie­lern wie Franck Ribéry und Luca Toni blieben als Abschiedsgeschenk. 

Doch wenn Ottmar Hitz­feld am 1. Juli 2008 den Schweizer Köbi Kuhn als Nati“-Trainers ablösen wird, wird Henke nicht mehr an seiner Seite stehen. Hitz­felds Neuer heißt Michel Pont, der sich vor allem mit seiner Mut­ter­sprache für das Amt des Hitz­feld-Assis­tenten emp­fehlen konnte. Eigent­lich hätte ich gerne meinen lang­jäh­rigen Assis­tenten Michael Henke mit in die Schweiz genommen“, trau­erte Hitz­feld, weil aber viele Gespräche mit den Spie­lern vor oder wäh­rend einer Partie unter Druck pas­sieren, ist es sehr wichtig, dass man sich kor­rekt ver­steht.“ Pont spricht flie­ßend fran­zö­sisch, Henkes ange­lernte Voka­bular-Bro­cken rei­chen für das Multi-natio­nale Aus­wahl­team nicht aus.

Dass das Ver­hältnis Hitz­feld-Henke einmal an man­gelnder Kom­mu­ni­ka­tion enden würde, hätte man nun nicht gedacht.