Freund und Helfer?
Die 11FREUNDE-Kurvenschau
In Hamburg, Braunschweig, Bochum oder Stuttgart: An diesem Wochenende ging es zwischen Fans und Polizei leider ordentlich zur Sache. Was auf und neben den Rängen geschah? Hier kommt der Überblick.
Wir starten mit düsteren Bildern aus Hamburg. Auf St. Pauli traf Hannover 96 auf den Kiezklub. Zehn Minuten vor Abpfiff der Partie kam es zu einem Polizeieinsatz am und im Gästeblock, bei dem viele 96-Fans durch das Vorgehen der Polizisten verletzt wurden. Mehrere Minuten dauerte die Szene, für die das Spiel kurz unterbrochen wurde. Die Fanhilfe Hannover erklärte im Nachgang , dass es „im Block zu Unstimmigkeiten zwischen zwei kleinen Gruppen“ gekommen sei. Die Situation habe sich jedoch schnell wieder beruhigt, ein Eingreifen sei nicht nötig gewesen, so die Fanhilfe. Trotzdem stürmte die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit der Hamburger Polizei den Block, verschaffte sich im ausverkauften Gästeblock „unter wahllosen, massiven Einsatz von Reizgas“ Platz und setzte bei den dadurch provozierten Auseinandersetzungen Schlagstöcke, Reizgas und Tritte ein, so die Fanhilfe. Ähnliches ereignete sich auch hinter dem Gästeblock.
Auch vor dem Block versprühten die Polizisten Pfefferspray, weshalb die Fanhilfe schlussfolgerte: „Dadurch gab es weder Fluchtmöglichkeiten durch die Blockeingänge noch in Richtung des Spielfeldes über den Zaun.“ Sie rechne mit einer dreistelligen Anzahl an leicht bis schwer verletzten Hannoveranern.
Am nächsten Morgen begründete die Polizei in einer Pressemitteilung ihr Vorgehen damit, dass es im Zuge einer Auseinandersetzung im Gästeblock „aus bislang noch nicht geklärter Ursache“ zu einer „Gefahrensituation“ gekommen sei, in der ein Mann attackiert worden sei. Um den Fan zu schützen, habe die BFE-Einheit den Gästeblock betreten. Nachdem sie dort von Fans angegriffen worden sei, habe sie „mit dem Einsatz von unmittelbarem Zwang, unter anderem in Form von körperlicher Gewalt und Pfefferspray“ reagiert.
Vor dem Vorfall stichelten die Hannoveraner in Richtung Braunschweig. In der vorherigen Woche hatte sich 96-Rivale Eintracht Braunschweig von ihrem Sportdirektor und Geschäftsführer Peter Vollmann getrennt. Der Grund : die anhaltenden schlechten sportlichen Leistungen der Mannschaft – unter anderem im Derby bei Hannover 96.
Auch in Braunschweig kam es zu Auseinandersetzungen. Rund 1.300 Fans reisten aus Osnabrück mit dem Zug nach Braunschweig und fuhren vom Bahnhof mit Shuttle-Bussen weiter Richtung Eintracht-Stadion. Dabei sei es zu Auseinandersetzungen mit den Heimfans gekommen, so die Polizei anschließend in einer Pressemitteilung . „Konsequent unterbunden“ hätten die Beamten die Auseinandersetzungen, wobei sie die Identitäten von 28 Braunschweigern feststellten und diese in Gewahrsam nahmen. Anschließend teilte die Polizei mit, sie sei mit dem „überwiegend friedlichen Einsatzverlauf“ zufrieden. Im Gästeblock zündeten die VfL-Fans einige Bengalos.
Während es in und neben den einen Gästeblöcken zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam, blieben andere von vornherein leer. Unter dem Motto „Auch 2023 keine Akzeptanz für Bullenschweine“, (das „R“ und das „B“ in den Farben von Red Bull hervorgehoben) boykottierte die Fanszene des SC Freiburg ihr Spiel in Leipzig und supportete stattdessen ihre zweite Mannschaft bei ihrem Heimspiel gegen Preußen Münster.
Der Protest wurde von ein paar brennenden Bengalos begleitet. Die Freiburger zeigten auch ein Banner mit der Aufschrift: „Inhaltlich ist alles gesagt. Es bleibt: Scheiss Red Bull!“ Bereits 2016 hatten die Freiburger Corrillo Ultras ein langes Statement zum Thema „Red Bull und der Fußball“ veröffentlicht. Darin schlüsseln sie den gesamten Komplex sehr ausführlich auf und fordern etwa, dass der SC auf keinerlei Weise mit RB Leipzig kooperiert. Von den Freiburg-Fans erwarten sie: „Interessenabwägung zwischen einem ehrlichen Fußball, bei dem die Menschen (also auch die Fans) im Mittelpunkt stehen – oder einem nach kapitalistischen Zielen folgenden Fußball, bei dem nicht Menschen, sondern ausschließlich Konsumenten im Mittelpunkt stehen“.
Auch im Stadion an der Grünwalder Straße blieb der Gästeblock leer. Die aktiven Fans rund um die Maschikuli Ultras entschieden sich, nicht zum Auswärtsspiel ihrer Würzburger Kickers bei Bayern Münchens Amateuren zu reisen. Der Grund hierfür war, dass es am Spieltag keine Tageskasse für Auswärtsfans gab. Stattdessen erhielten die Gäste nur über ein personalisiertes E-Ticket Zutritt zum Stadion. Die Würzburger finden: „Fußball soll Volkssport sein“ und somit für alle zugänglich – auch ohne Internet oder der Angabe persönlicher Daten beim Ticketkauf. Als Alternative riefen die Maschikuli Ultras zum Besuch ihrer U15-Mannschaft auf. Auch die Fans der Bayern-Amatere solidarisierten sich mit dem Protest aus Würzburg und forderten: „Zurück zum Kartenschalter am Stadion! Auch für Gästefans!“
Diese Ticketpolitik kritisierten auch die FCK-Fans in Wiesbaden.
Auf der Heimseite organisierten die Fans eine Choreo zum 15. Gruppenjubiläum der Wiesbadener Gruppe Supremus Dilectio. Auf der Zaunfahne stand: „15 Jahre Supremus Dilectio – 15 Jahre Liebe, Frust und Eskalation“.
Außerdem steckten die Südhessen einige Rauchtöpfe an.
Auch im und am Bochumer Ruhrstadion kam es beim Einlass zum Gästeblock zwischen Kölner Fans und der Polizei zu Auseinandersetzungen. Auch hier setzte die Polizei Reizgas ein.
Der ohnehin schon enge und unübersichtliche Einlass zum Gästeblock sei aufgrund fehlerhafter Planung seitens des Veranstalters durch die Anwesenheit der eingesetzten Polizeikräfte künstlich verengt worden, kritisiert der "Kölsche Klüngel", die Kölner Fanhilfe. Die Kräfte seien eingesetzt worden, um die Ordner zu unterstützen. In dieser Situation sei es zu „massiven Übergriffen der anwesenden Polizeibeamten auf alle im Einlassbereich anwesenden FC Fans" gekommen, "die teils zu massiven Verletzungen führte“, so die Fanhilfe. Die Polizei selbst sprach noch am selben Abend in einer Pressemitteilung von „polizeilichen Maßnahmen gegen die Problemfans der Gästemannschaft. Dabei musste die Polizei den Einsatzmehrzweckstock sowie das Reizstoffsprühgerät einsetzen.“ Im Stadion selbst verließen viele Fans den Gästeblock, als sie von dem gewaltsamen Vorgehen der Polizei hörten. Auch beim Verlassen des Stadions setzte die Polizei laut Fanhilfe Pfefferspray ein, um die Fans an den Toren festzuhalten. Die „Kölner Problemfanszene“ (Zitat Polizei Bochum) reiste ohne einen Spielbesuch wieder nach Köln.
Auf der Heimseite kritisierten die VfL-Fans die Vergabe der Weltmeisterschaft 2034 nach Saudi-Arabien und forderten zum Boykott auf.
In der Diskussion um einen Stadionneubau in Bochum stärkten die Bayern-München-Fans von Red Fanatic ihren Freunden aus dem Ruhrpott den Rücken. Aktuell wird neben der Sanierung des Stadions an der Castroper Straße auch ein Neubau an der Stadtgrenze diskutiert, da das Stadion in seiner aktuellen Form den Ansprüchen der Bundesliga nicht mehr genügt.
Die Stadt Bochum soll rund 90 Millionen Euro für eine der beiden Optionen bereithalten. Ein Neubau biete die Möglichkeit, die Kapazität des Stadions zu erhöhen. Doch für die VfL-Fans ist ihre fußballerische Heimat an der Castroper Straße unverhandelbar.
In Stuttgart hatten die VfB-Fans ebenfalls Probleme mit der Polizei. Vor der Partie gegen den BVB lief die Polizei an einem Treffpunkt der Fans auf, was darin endete, dass elf Personen von den Polizisten eingekesselt wurden, ihre Personalien aufgenommen und gegen sie ein Platzverbot ausgesprochen wurde. Schlussendlich nahm die Polizei die elf Fans bis zum Spielende in Gewahrsam. Aus Protest verzichtete die Cannstatter Kurve für fünf Minuten auf einen organisierten Support.
Auch im Augsburger Gästeblock knallte es gewaltig, allerdings nicht mit der bayerischen Polizei. Einer der anwesenden Hoffenheim-Anhänger zündete in der 57. Minute einen Böller und warf ihn in Richtung Spielfeld.
Sieben Minuten lang wurde die Partie unterbrochen. Der Wurf kam nicht aus den Reihen der Hoffenheimer Fanszene, wie etwa die Young Boyz oder Crescendo Hohenlohe im Anschluss erklärten. Auch die TSG sprach ihr Unverständnis aus und bat um Entschuldigung. Bei der Aktion wurden laut Polizei elf Personen verletzt. Noch während des Spiels nahm die Polizei zwei Männer fest, von denen sie annimmt, dass sie an der Tat beteiligt waren. Nach dem Böllerwurf kam es zu schweren Diskussionen innerhalb des Stehplatzbereichs. Die Polizei stellte den Böller als Beweismittel sicher.
In Augsburg reagierte die Legio Augusta mit einem Spruchband auf die Vorkommnisse am Freitagabend in Hamburg.
Kritik an der Polizei übten auch die Kieler Fans bei ihrem Heimspiel gegen den HSV. „Anlasslose Kontrollen zum Schikanieren, dass ihr uns nicht brecht, werdet ihr nie kapieren!“, stand auf ihrem Spruchband in Richtung Polizei. Auch die Kieler hatten zuletzt Probleme mit der Staatsgewalt: Bei ihrem Auswärtsspiel in Osnabrück wollte die Polizei die in drei Bussen anreisenden Kieler kontrollieren. Der Anlass dieser Kontrollen war unklar, denn zu strafbaren Handlungen war es nicht gekommen. Da sich die Fans der anlasslosen Kontrolle verweigerten, mussten sie ohne einen Spielbesuch wieder zurück nach Kiel reisen.
Die Fans des Hamburger SV schworen ihrem Verein im Gästeblock die Treue.
Bei ihrem Heimspiel gegen die Fortuna forderten die Fans der SpVgg Fürth die Abschaffung von Kollektivstrafen.
Im Gästeblock zeigten die Düsseldorfer eine Choreo unter dem Motto „Unser Stolz ist unsere Kraft“.
„Willkürliche Anzeigen/SV’s (Stadionverbote, d. Red.)/Hausdurchsuchungen – Ihr leidet unter Profilneurose – Unsere Mentalität ist stärker als eure Schikane“, stellte das UltrA-Team Bremen in Richtung Polizei klar.
Auch zu den Polizeieinsätzen vom Freitag und Samstag wollten die Bremer etwas loswerden.
Die Ultras von Caillera erinnerten mit einem Spruchband an die Opfer der Novemberpogrome von 1938 und forderten: „Aus der Vergangenheit lernen, jüdisches Leben schützen“.
Außerdem forderten die aktiven Fans ein weiteres Mal: „Bring them home now“. Die Fanszene von Werder Bremen pflegt enge Kontakte zu den Fans von Maccabi Haifa und Hapoel Jerusalem, von denen einige von der Hamas verschleppt wurden und immer noch nicht zurückgekehrt sind. Die Bremer sammeln aktuell Spenden , um die Familien der Opfer zu unterstützen.
Am Wochenende spielte Hertha BSC endlich wieder gegen den Karlsruher SC. Die Fans beider Vereine pflegen schon über Generationen hinweg eine der engsten und längsten Fanfreundschaften Deutschlands. Mit einem Sonderzug reisten die Karlsruher nach Berlin, um bereits vor dem Spiel gemeinsam mit ihren Freunden aus der Hauptstadt zu feiern. Rund 15.000 Fans beider Lager zogen anschließend gemeinsam zum Olympiastadion. Auch der Standort der Gästefans war ein ganz besonderer: Angelehnt an den ehemaligen Stand der Karlsruher Fanszene im Wildparkstadion vor dem Umbau 2019 auf der Gegengerade durften sie auch am Samstag die Gegengerade des Olympiastadions bevölkern, anstatt neben dem Marathontor gegenüber der Ostkurve Platz nehmen zu müssen. Den neuen Standort brachten sie gewaltig zum Leuchten.
Gemeinsam zeigten die beiden Fanlager eine Fahnen-Choreo, bei der der Oberrang blaue und der Unterrang weiße Fahnen schwenkte.
Ihre Vereinsfarben teilen sich die beiden Klubs, ...
... daher auch das Motto des Tages, wie es auch bei den vorherigen Aufeinandertreffen ausgerufen wurde: „Vereint in den Farben – Vereint gegen alle“.
In der Ostkurve …
… sowie auch im Gästeblock auf der Gegengerade präsentierten die Fans eine große Pyroshow.
Die Ostkurve zeigte zudem eine große Blockfahne mit dem Motto „Eine Freundschaft, die niemals vergeht!“
„Drei Abwahlanträgte später hält der Poster-Boy der Presse immer noch nicht seine dumme Fresse“, kritisierte die Hauptstadt Mafia ihren ehemaligen Aufsichtsratschef Klaus Brüggemann. Die Fans werfen Brüggemann vor, sich in der Öffentlichkeit und in den Mitgliederversammlungen vereinsschädigend zu verhalten.
In Saarbrücken präsentierten die 1860-Fans eine Fahnenchoreo unter dem Motto „Du bist unser Lebenssinn“.
Außerdem zogen sie eine Blockfahne hoch, auf der links das Münchener Stadtwappen, mittig das historische Wappen der 1860-Fußballabteilung und rechts das aktuelle Wappen ihres Vereins abgebildet war.
Die Löwen-Fans zündeten auch einige Bengalos.
Auf der Heimseite gedachten die Ultras der Virage Est der Opfer der Pogromnacht 1938.
In Magdeburg präsentierte der Block U zum Ostduell gegen Hansa Rostock eine riesige Blockfahne. Zum Motto „Generationen im blau-weißen Dress für den Ruhm dieser Stadt“ zeigte die Blockfahne viele historische Trikots des 1. FCM.
Hinter einer riesigen „Ultras“-Zaunfahne veranstalteten die Energie-Cottbus-Anhänger in Probstheida eine Choreo. Passend dazu wurde …
… Konfetti geschmissen …
… und Rauch gezündet.
Weiter zum SCF – äh SCP. Die Fans des SC Paderborn präsentierten bei ihrem Heimspiel gegen Nürnberg auf der Südtribüne eine große Choreo und zitierten aus ihrer Vereinshymne: „Hier unten auf dem Fußballfeld ist der Mittelpunkt der Welt!“
Die Ultras des SSV Ulm forderten bei ihrem Auswärtsspiel in Regensburg am Sonntag mit einem Spruchband: „Fangerechte Anstoßzeiten!“