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30.10.2011

Die Bilanz 100 Tage nach der Frauen-WM

Das Selbstvertrauen ist weg

Text: Lars Spannagel  Bild: Imago

Viele hatten auf den großen Boom gehofft. 100 Tage nach dem Ende der Heim-WM kommen zwar mehr Zuschauer zum Frauenfußball. An den grundsätzlichen Verhältnissen in Bundesliga und Nationalmannschaft hat sich allerdings nichts geändert

Die Bilanz 100 Tage nach der Frauen-WM - Das Selbstvertrauen ist weg


Man muss Stefan Raab nicht mögen – dass er mit seinen Shows meist den Zeitgeist trifft, ist aber unbestritten. Insofern verheißt es für den Frauenfußball Schlechtes, was sich in der vergangenen Ausgabe der Pro7-Sendung »Schlag den Raab« zutrug. In einem Wissensspiel sollten Raab und sein Kandidat abwechselnd Spielerinnen aus dem deutschen WM-Kader benennen. Der Showmaster begann mit „Prinz“, sein Gegner konterte mit »Garefrekes«, worauf Raab »Bajramaj« einfiel. Der Kandidat rettete sich gerade noch, indem er auf gut Glück »Müller« sagte: «Müller ist immer dabei.« Danach – Schweigen. Drei Monate nach dem Endspiel der Heim-Weltmeisterschaft wand sich der hyperehrgeizige Raab gequält und fiel am Ende sogar auf die Knie, ein weiterer Name der 17 restlichen deutschen Fußballerinnen wollte ihm aber nicht einfallen.



Wenn man die sonst sehr verlässliche Allgemeinbildung des Fernsehstars als Maßstab nimmt, könnte man meinen: 100 Tage nach der WM ist der Frauenfußball wieder in Bedeutungslosigkeit und Anonymität verschwunden. Der Zuschauerschnitt in der Bundesliga ist vordergründig zwar um 39 Prozent von 834 auf 1163 gestiegen, allein Bayer Leverkusens Frauen ziehen weniger Fans an als noch vor der WM. Allerdings ist diese Statistik leicht verzerrt, die kalte Jahreszeit, in denen die Besucherzahlen erfahrungsgemäß zurückgehen, kommt erst noch. Spannender ist die Bundesliga durch die Weltmeisterschaft jedenfalls kaum geworden: Die Tabelle wird nach sieben Spieltagen von den ungeschlagenen Klubs 1. FFC Frankfurt und Turbine Potsdam angeführt, die auch in den vergangenen Jahren die Liga dominiert haben. Der drittplatzierte FCR Duisburg hat immerhin schon einmal Unentschieden gespielt, Turbine und Frankfurt sind bei Torverhältnissen von 22:2 und 26:1 aber noch auf wenig ernstzunehmende Gegenwehr gestoßen.

Kein WM-Effekt, höchstens ein Turbine-Effekt

In Potsdam, wo sich Trainer Bernd Schröder als Hauptkritiker der Frauen-Arbeit beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) betätigt, hat man ohnehin noch nie an einen Boom geglaubt. Zuletzt kamen zwar selbst gegen den Tabellenletzten SC Bad Neuenahr 07 immerhin 2050 Zuschauer, mit der WM hat das laut Turbine aber nichts zu tun. Schon nach dem ersten Saisonspiel gegen den Hamburger SV sagte Schröder, als er auf die große Kulisse von knapp 3000 Fans angesprochen wurde: »Das ist nicht der WM-Effekt, das ist der Turbine-Effekt.« Siegfried Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt, warf den Männer-Bundesligisten FC Bayern, Hamburger SV und Bayer Leverkusen im Fachmagazin »Kicker« zuletzt vor, ihre Frauenteams »aus der Portokasse« zu finanzieren. Auch in dieser Hinsicht hat sich wenig verändert: Schröder gibt den Einzelkämpfer in Potsdam, Dietrich den gewieften Vermarkter in Frankfurt – und beim DFB setzt man weiter unbeirrt auf Silvia Neid.

Einen großen Umbruch in der Nationalmannschaft hat die Bundestrainerin vermieden, auch wenn in Birgit Prinz, Kerstin Garefrekes und Ariane Hingst drei wichtige Stützen der vergangenen Jahre zurückgetreten sind. Ihre Wunschformation konnte die Bundestrainerin in den drei Länderspielen seit dem WM-Aus durch das 0:1 gegen Japan im Viertelfinale noch nie aufbieten, weil Kim Kulig (Kreuzbandriss) und Celia Okoyino da Mbabi (erst Syndesmoseverletzung, dann Muskelfaserriss in der Schulter) ausfielen. Alle drei Spiele gewannen die deutschen Frauen zwar, von überzeugenden Auftritten konnte aber keine Rede sein. Weder in den EM-Qualifikationsspielen gegen die Schweiz (4:1) und in Rumänien (3:0) noch im Freundschaftsspiel gegen den WM-Dritten Schweden (1:0) am vergangenen Mittwoch glänzte Neids Mannschaft. »Ich bin in erster Linie mit dem Ergebnis zufrieden. Der Sieg hat uns gutgetan«, sagte die Bundestrainerin nach dem Erfolg über die Schwedinnen. Im rund zur Hälfte gefüllten Stadion am Hamburger Millerntor hatte die Nationalmannschaft vor 12 183 Zuschauern lange Zeit ein ähnlich statisches Bild abgegeben wie bei der WM: Selten gelang einmal eine Kombination über mehrere Stationen, es fehlte sichtlich an Präzision und Kreativität. Silvia Neid will auch deshalb an genau den selben Elementen feilen wie vor der WM. »Wir sind auf einem guten Weg, müssen aber intensiv daran arbeiten, um unsere Technik zu verbessern – Ballannahme unter Druck, Passgenauigkeit, ein Auge für die Mitspielerin haben«, sagte Neid. Während des WM-Turniers waren diese Tugenden allerdings – auch von Neid selbst – zugunsten eines Hauruck-Fußballs über Bord geworfen worden.


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Kommentare

  • User
  • 30.10.2011 16:29:03 PittiTrueffelschwein

    Verteidigerin Babett Peter musste für das Spiel gegen Schweden absagen, weil die Sportsoldatin ihre Teilnahme an einem Feldwebel-Anwärterlehrgang nicht verschieben konnte.

    Das sagt eigentlich alles. Man kann nicht professionell arbeiten und voran kommen, wenn man nicht mit Professionellen arbeitet. Dafür kann der Frauenfußball nichts, aber eben auch nicht der Herrenfußball. Vielleicht sollte man sich auch endlich damit abfinden, dass (Herren-)Fußball in den Medien und in Deutschland die alles bestimmende Sportart ist. Darüber beschwert sich niemand im Eishockey, Basketball, Handball oder Volleyball, und eben deshalb sollten sich die Frauen genauso nicht beschweren oder irgendwelche Erwartungen stellen, die nie erfüllt werden können.

  • User
  • 30.10.2011 16:40:08 MrSpinalzo

    Bin ich ein schlechter Mensch wenn mich das Thema auch beim besten Willen einfach nicht tangiert?

  • User
  • 30.10.2011 17:11:50 gelsenkirchen

    Bin ich ein schlechter Mensch wenn mich das Thema auch beim besten Willen einfach nicht tangiert?

    nein, überhaupt nicht.
    ich frage mich nur immer warum immer die, die frauenfussball/frauen-wm nicht interessiert, offenbar nicht müde werden dies überall und jederzeit unter sämtliche artikel und sämtliche threads des weltweiten netzes zu schreiben. normalerweise ignoriert man doch dinge die einen nicht interessieren.

  • User
  • 30.10.2011 18:45:49 vokabelle

    Danke, gelse.

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