Ist die Kritik an Silvia Neid berechtigt?
Druckschmerz
Text: Christoph Biermann und Andreas Bock Bild: Imago
Nach dem deutschen WM-Aus steht Silvia Neid in der Kritik. Allerorten wird die Frage gestellt, ob sie ihre Elf richtig auf das Turnier vorbereitet hat. Doch kann man einem Team überhaupt ein Gefühl nahebringen, das man nur vom Hörensagen kennt? Ein Pro und Contra.
PRO
(Christoph Biermann)
Fußball ist ein Spiel, in dem die unkalkulierbare Macht des Zufalls eine große Rolle spielt. Manchmal will der Ball nicht ins eine Tor, und auf der anderen Seite rutscht er dann so überraschend leicht ins Netz, dass man schließlich kopfschüttelnd nach Hause geht. In diesem Sinne hat auch die deutsche Bundestrainerin Silvia Neid das Ausscheiden ihrer Mannschaft im Viertelfinale der WM interpretiert. Konnte man nichts machen, ist halt Fußball. Vor allem aber konnte sie selbst nichts machen.
»Warum soll ich mir Vorwürfe machen? Weil ich den Ball nicht selber in den Sechszehner getragen habe?«, sagte die Bundestrainerin nach dem unseligen Aus gegen Japan. Nein, deshalb nicht, aber eine ganze Reihe anderer Gründe, die eigene Arbeit in Frage zu stellen, gibt es schon. Und dazu braucht man nicht einmal in die Tiefen des Viertelfinales abzusteigen und die Richtigkeit der Auswechselungen zu debattieren.
Die Bundestrainerin moderierte zu wenig
Viel wichtiger war, dass die deutsche Nationalmannschaft nicht ausreichend auf das Turnier im eigenen Land vorbereitet gewesen ist. Sie mag nach der ewig langen Vorbereitung, für die sogar die Bundesligasaison verdichtet wurde, körperlich fit gewesen sein. Aber schon fußballerisch blieb das Team von Silvia Neid unter ihren Möglichkeiten, weil es die 70 Trainingstage weder dazu genutzt hatte, ihr Spiel in Schwung zu bekommen, noch unterschiedliche Antworten auf unterschiedliche taktische Fragen zu finden.
Wichtiger noch aber war, dass die Bundestrainerin und ihre Mannschaft von der Größe des Interesses, von der Liebe und Zuneigung des Publikums und nicht zuletzt dem ehrlichen Interesse an ihrem Spiel komplett überfordert waren. Die deutschen Frauen schienen seit dem Eröffnungsspiel im ausverkauften Olympiastadion nicht auf einer Welle durchs Turnier zu surfen, sondern eher unter Schock zu stehen. Doch die Welle zu treffen, ist die Aufgabe der sportlichen Leistung. Dazu bedarf es einer psychologischen Strategie für das Turnier, und dazu müssen die sportlichen Wechselfälle mit Geschick moderiert werden.
Bajramaj erwischte keine Welle durchs Turnier
Doch moderiert wurde wenig von der Bundestrainerin, die im Laufe des Turniers ihre verdienteste Spielerin, Birgit Prinz, leise zu entsorgen versuchte. Zudem wurde man den Eindruck nie los, dass Neid mit ihrem spröden Sportschul-Charme das Verhalten ihrer talentiertesten und kapriziösesten Spielerin eher auf die Nerven ging. Lira Bajramaj erwischte jedenfalls keine Welle durchs Turnier, und alle anderen rangen mehr mit sich selbst als mit den Gegnerinnen.
Bei ihrem Kollegen Joachim Löw hätte sich Neid erkundigen können, wie man ein Team auf die Eigenheiten eines Turniers vorbereitet. Bei den Männern wird da seit de Ära Klinsmann viel, manchmal schon fast absurd viel Aufwand betrieben. Bei den Frauen gibt es da, wie dieses Turnier gezeigt hat, einen dramatischen Nachholbedarf. Der Frauenfußball hat in Deutschland durch die WM ein ganz anderes Niveau des Interesse erreicht, dass jedenfalls wesentlich höherer Professionalität bedarf als Silvia Neid sie gezeigt hat.






