Der skandalöse Polizeieinsatz und seine Folgen
Bremen im Spätherbst
Text: Stefan Minden Bild: Imago
Rund zwei Monate sind seit dem Spiel in Bremen vergangen, das vor allem von skandalösen Polizeieinsätzen gegen Auswärtsfans von Eintracht Frankfurt geprägt war. »Fan geht vor« wirft noch mal einen Blick zurück.
Man schrieb den 29. November 2008, der 15. Spieltag der laufenden Bundesligasaison stand auf dem Programm. Eintracht Frankfurt hatte beim SV Werder Bremen anzutreten, und wie üblich machte sich eine Großzahl von Eintrachtfans auf den Weg, die Mannschaft zu begleiten. Einige wählten diesmal eine besonders frühe Anreise. Fünf Busse aus Frankfurt und einer aus Gießen hatten sich schon des Nachts auf die etwa 500 km lange Reise gemacht. Die Mitfahrer – überwiegend (aber nicht ausschließlich) Ultras – wollten vor dem Spiel dem neben dem Weserstadion gelegenen Kneipenviertel einen Besuch abstatten.
Zur gleichen Stunde bereitete sich Heinz-Jürgen Pusch, Polizeibeamter in Diensten der Freien Hansestadt Bremen, auf seinen »großen Auftritt« vor. Natürlich hatte er schon vor Tagen durch die szenekundigen Beamten aus Frankfurt den Hinweis bekommen, dass sich die Ultras diesmal sehr früh aufmachen wollten. Da erinnerte sich Pusch der unlängst eingegangenen Anfrage eines im Auftrag von SAT 1 drehenden Fernsehteams: man arbeite an einer Reportage über Polizeieinsätze bei Fußballspielen und gewalttätige Fans, und ob man nicht einmal dabei sein dürfe. Heinz-Jürgen Pusch sah vermutlich unverhofft die Chance gekommen, sich bundesweit einem Millionenpublikum zu präsentieren...
Pusch verabredete sich am frühen Morgen des 29.11.08 mit dem Fernsehteam an der Kreuzung Osterdeich/Sielwall in Bremen, wenige hundert Meter vom Stadion entfernt und am Rande des dortigen Kneipenviertels. Die Fernsehleute lud er zu sich in den Mannschaftsbus der Einsatzleitung, in welchem man sodann gemeinsam auf die Ankunft der Frankfurter Busse wartete. Herr Pusch hatte sich fein gekleidet, oder sagen wir besser, jedenfalls so angezogen, wie er es für seinen Fernsehauftritt als unbarmherziger Sheriff und Garanten von Recht und Ordnung in der Bremer östlichen Vorstadt für angemessen fand: keine Uniform, sondern schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarze Krawatte und schwarze Lederjacke... (ohne hier irgendeine Unterstellung zu der uns gänzlich unbekannten politischen Gesinnung Herrn Puschs anbringen zu wollen: hat ihn denn niemand vorher gewarnt, dass er in diesem Aufzug eher wie ein Saalordner einer rechtsradikalen Partei aussieht und nicht wie ein Polizeibeamter im Dienst???)
Die Busse mit den Eintrachtfans waren schon auf der Autobahn von Fahrzeugen der Bremer Polizei in Empfang genommen worden, die sie bis zur besagten Kreuzung Osterdeich/Sielwall brachten. Ein Weiterfahren sei nicht möglich, da die Parkplätze am Weserstadion noch geschlossen wären. Die Fans stiegen aus, um nun zu Fuß den beabsichtigten Kneipenbummel zu unternehmen. Es war etwa 9.30 Uhr morgens, und die bekannten Rufe wie »Hurra, hurra – die Frankfurter sind da!« oder auch »Randale, Bambule, Frankfurter Schule!« hallten über den Osterdeich. An einer Stelle explodierte ein Böller, ohne dass sich der Übeltäter ausfindig machen ließ, und die Polizei forderte die Fans zum raschen Verlassen der Hauptverkehrsstraße »Osterdeich« auf.
Aber nicht nur die Fans verließen ihre Busse, auch Herr Pusch und sein Fernsehteam kletterten ins Freie. Erstaunlicherweise interessierte sich Herr Pusch zunächst nicht sonderlich für die Reisegruppe der Frankfurter Fans, sondern wandte ihnen erst einmal den Rücken zu. Er hatte Wichtigeres zu tun: vor ihm baute sich die Kamera auf, und vor dem Hintergrund der ankommenden Fans setzte er ein »Ich-bin-wichtig!«-Gesicht auf, rief einen ersten Lagebericht in sein Handy und gab dem Fernsehsender sein erstes Interview des Tages.
Bremen ist bekanntlich eher eine beschauliche Großstadt, und auch und gerade das »östliche Vorstadt« genannte Viertel, in dem das Weserstadion und die von Fußballfans an Spieltagen viel frequentierten Kneipen liegen, kann man nicht unbedingt mit pulsierendem Leben assoziieren. An diesem Samstagmorgen im November gab es jedenfalls überwiegend nur gähnende Leere, »tote Hose« allerorten. Die Straßen zugeparkt, aber menschenleer, die Kneipen geschlossen, zudem war es bitterkalt. Die knapp 300 Eintrachtfans und die sie zahlreich begleitende Polizei erreichten nun die Straße »Vor dem Steintor«. Doch auch die dort befindliche Kneipe »Haifischbecken« war noch geschlossen. Der Tross hielt an, man beratschlagte, wo man hingehen sollte, wo vielleicht eine Kneipe schon geöffnet haben könnte.
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