Werder entzaubert sich selbst
Willkommen im Mittelmaß
Text: Karsten Wirth Bild: Imago
Wenn es den »psychologisch ungünstigen Zeitpunkt« gibt, dann hat ihn Werder Bremen mit der Niederlage gegen Bielefeld haargenau getroffen. Doch unser Experte Karsten Wirth meint: Nun ist der Klub da, wo er hingehört.
Es hat ein wenig gedauert, bis ich das gestrige Spiel gegen Arminia Bielefeld verdauen konnte. Ich hatte gehofft, dass ich die Dinge mit ein wenig Abstand anders (besser) bewerten würde und habe daher darauf verzichten, meine geistigen Ergüsse schon gestern Abend zu Papier zu bringen. Das war aber ein Trugschluss! Es gibt nichts zu beschönigen: Werder Bremen ist diese Saison nur Mittelmaß.
Mittelmaß in zweierlei Hinsicht: Während wir in der laufenden Spielzeit spielerisch nur ganz selten überzeugen konnten, spiegelt sich diese Leistung nun endgültig auch in der Tabelle wieder. Nach dem 18. Spieltag stehen wir drei Punkte vor dem 1. FC Köln. Und der hat sich aus meiner Sicht noch lange nicht vom Abstiegskampf befreit. Ich will damit nicht sagen, dass Werder um den Klassenerhalt bangen muss. Allerdings halte ich Interviews, in denen z .B. Diego noch von möglichen Meisterschaftsambitionen faselt, für den absoluten Hohn (Anm. d. Autors: Zumal es nicht das erste Mal in den letzten Monaten ist, in denen sich der kleine Brasilianer der Lächerlichkeit preisgibt.).
Doch kommen wir zum Spiel. Das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist eigentlich nicht mal das Ergebnis (obwohl das schon ziemlich schlimm ist), sondern vielmehr die Tatsache, dass Bielefeld so gut wie gar nichts für die drei Punkte investieren mussten. Man merkte den Ostwestfalen regelrecht an, dass sie nicht im Traum damit rechneten, am Ende den Platz als Sieger zu verlassen (schließlich war der letzte Auswärtssieg schon über 1,5 Jahre her). Dementsprechend wollten sie eigentlich nur mitspielen, weil es der Anstand (und der DFB) von ihnen verlangte. Mich würde es zumindest nicht wundern, wenn der Zeugwart bis zum kommenden Wochenende freibekäme. Waschen muss er die Trikots mit Sicherheit nicht.
Frings' Kredit ist bald verbraucht
Jetzt auf den Bielefeldern rumzuhacken, wäre aber das falsche Zeichen. Der Sieg war nicht mal unverdient, weil sie geschickt lauerten und die Fehler, die man ihnen bot, eiskalt ausnutzten. Das erste Tor kam durch Schlafmützigkeit der Herren Tosic, Niemeyer und Mertesacker zustande; das zweite legte ihn Frings vor die Füße. Apropos Frings: Ich war und bin es immer noch ein Riesen-Fan vom »letzten Deutschen« (aus meiner Sicht verkörpert er unsere fußballerischen Tugenden wie kein Zweiter), aber auch sein Kredit ist bald verbraucht. Vielleicht sollte er endlich mal seine Arroganz ablegen und sich wieder auf seinen Beruf konzentrieren. Dazu gehört mit Sicherheit nicht in der Vorwärtsbewegung zwei Gegenspieler lächerlich machen zu wollen und schon gar nicht das, was er neben dem Platz von sich verlauten lässt: das fing mit der Stammplatzgarantie in der Nationalmannschaft (wo er mit der derzeitigen Leistung nicht hingehört) an, geht über Prognosen eines eventuellen Diego-Verbleibs weiter und hört mit den Gedanken auf, wo er wohl seine letzten Jahre als Profi verbringen wird. Torsten, solange du deine Schuhe für die Grün-Weißen schnürst, interessiert mich das eigentlich recht wenig. Sieh zu, dass du zurück auf die Spur kommst, sonst will dich eh niemand mehr auf dem Rasen sehen, außer vielleicht der ein oder andere Scheich zu seinem Privatvergnügen…
Auch wenn niemand der Akteure gestern auch nur annähernd Normalform erreichte, muss ich einen Spieler besonders hervorheben. Leider nicht im positiven Sinne. Die Leistung, die Herr Fritz da gestern wieder ablieferte, setzte dem ganzen die Krone auf. Ich will mich ja wirklich nicht auf ihn einschießen, aber während Tosic zumindest gewillt war, seine Stollen auf der Außenlinie zu verewigen, musste Fritz dazu nahezu genötigt werden. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er den Ernst der Lage nicht erkennt. Clemens, wenn wir in der 80. Minute zuhause gegen Bielefeld mit 1 zu 2 zurückliegen, brauchst du nicht das Ergebnis zu verwalten!
Was unterm Strich bleibt, ist die Gewissheit, dass wieder bessere Zeiten kommen werden. Ich sagte es ja schon so häufig, wiederhole mich an dieser Stelle aber auch gerne: Wenn Werder eines nicht ist, dann ist das konstant. Es wird auch in dieser Saison wieder Spiele geben, die uns von den Sitzen reißen werden. Mich würde es nicht wundern, wenn kommenden Samstag gegen Schalke so eine Partie sein wird. Nur leider reift ihn mir die Erkenntnis, dass wir auch in dieser Saison keinen Schritt nach vorne machen werden. Es sind dieselben Fehler wie schon seit Jahren: in der Defensive schlampig, nach vorne ausrechenbar durch die Mitte. Ich hoffe, dass Schaaf noch die Kraft aufbringt und weiter an diesen Fehlern arbeitet. Wirklich gesund sah er im Interview nach dem Spiel allerdings nicht mehr aus.
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